Mikrofinanzierungen und subprime-Kredite

Der Kommentar von Herrn Broska zu meinem gestrigen Beitrag hat mich zu nachfolgenden Zeilen veranlasst.

In der Süddeutschen Zeitung vom 8./9. November 2008 stand auf Seite 32 ein Artikel mit der Überschrift „Gewinne mit gutem Gewissen“.
Hier einige Ausschnitte daraus:

„…Heute gehört die Mikrofinanzierung zum verbreiteten Mittel zur Armutsbekämpfung in den Ländern der dritten Welt, wo wegen fehlender Sicherheiten gerade ärmere Bevölkerungsschichten der Zugang zu Krediten verwehrt bleibt. … Trotz der vermeintlich schlechten Bonität und happigen Zinsen von mindestens 20 Prozent fällt nur jeder fünfzigste Schuldner aus… Mikrofinanz-Fonds bieten nicht nur Chancen auf Gewinne, sondern bergen auch einen emotionalen Faktor.“

Mikrofinanz-Fonds werden also gelobt, weil man einerseits mit ihnen gute Gewinne erzielen kann, andererseits arme Bevölkerungsschichten unterstützt. So schön das auch sein mag, klingt das nicht irgendwie wohlbekannt? Wurde die aktuelle Krise nicht durch sogenannte „subprime“-Kredite ausgelöst?


Der eine oder andere erinnert sich vielleicht: „subprime“ steht für Kredite an schlechte Schuldner, Geringverdiener ohne großes eigenes Vermögen. Und noch vor drei Jahren wurden subprime-Kredite mit ähnlichen Worten gelobt.

Die Parallelität ist geradezu frappierend. Beide Male, sowohl bei den US-Subprime-Krediten als auch bei Mikrofinanzierungen, werden ärmere Bevölkerungsschichten mit Krediten versorgt. Beide Male sind bzw. waren hohe Zinserträge möglich. Beide Male werden bzw. wurden die Kredite an andere Investoren weitergereicht. Bei der Mikrofinanzierung in Form von Fonds, bei den subprime-Krediten in Form strukturierter Anleihen.

Und noch vor drei Jahren konnte man sich bei subprime-Krediten darüber freuen, dass dadurch ärmeren US-Bürgern zu einem Eigenheim verholfen wird. Das war die gute Absicht dahinter, und daher waren diese Kredite mehr als politisch gewünscht. Die politisch Verantwortlichen freuten sich noch vor drei Jahren, dass noch nie so viele US-Bürger über ein Eigenheim verfügten. Ist das nicht höchst erfreulich? So wie die positiven Wirkungen von Mikrofinanzierung in der dritten Welt höchst erfreulich sind?

Heute glauben sehr viele genau zu wissen, dass die US-subprime-Kredite sehr, sehr schlecht waren. Arme, unwissende Leute wurden in überhöhte Hypothekendarlehen von gierigen Bankern getrieben, die diese schlechten Kredite umgehend an dumme Investoren weiterreichten. So heißt es. Und viele glauben, dass das damals allen hätte klar sein müssen. In jeder Zeitung kann man lesen, dass die richtige staatliche Regulierung und eine bessere Risikoüberwachung die aktuelle Krise verhindern hätten können.

Und dieselben Leute loben zwei Sekunden später Mikrofinanz-Fonds. Ein wirklicher Unterschied zu subprime-Anleihen ist aber kaum zu erkennen. Die Ähnlichkeiten überwiegen. Vor allem sind sich beide in einem Punkt mehr als ähnlich: hinter beiden Finanzprodukten steht die gute Absicht, ärmeren Bevölkerungsschichten helfen zu wollen. Im nachhinein ist man immer schlauer. Aber leider vergessen viele, dass auch die subprime-Kredite ursprünglich gut gemeint waren, und sich Investoren bei ihnen sowohl gute Renditen versprechen durften als auch sich an einem guten Gewissen erfreuen durften. Am Anfang steht sehr häufig eine gute Absicht, was dann daraus wird, ist eine andere Sache.

Der einzige wirkliche Unterschied ist der: Die US-Subprime-Kredite endeten mit einem Desaster, und bei den Mikrofinanzierungen ging bisher (!) alles gut (wohlgemerkt ich selbst hoffe, dass hier alles gut geht, aber wissen tut man es immer erst hinerher). Hier stoßen wir wieder über das uralte Problem bei der Geldanlage: Inestoren glauben von einer vergangenen guten Entwicklung auf die Zukunft schließen zu dürfen. Bis vor drei Jahren konnten subprime-Finanzierer auch so argumentieren: Bisher ging doch alles gut. Ein gutes Beispiel, wie gefährlich es ist, bei der Geldanlage von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen. Und interessanterweise wird eben heute genau so bei Mikrofinanzierungen argumentiert: „Bisher ging doch alles gut.“ Ich zumindest habe da ein Deja-Vu.

Weiterführende Literatur zum Thema:

3 Antworten
  1. Michal Broska
    Michal Broska says:

    Ich gebe Ihnen recht, was die Logik der Kredite an Arme Leute angeht, Herr Dr. Peterreins. Auf der anderen Seite erkenne ich einen weiteren wesentlichen Unterschied zwischen den US-amerikanischen sub-prime Krediten und bspw. dem Grameen Konzept. Das erste ist nämlich Finanzierung auf Pump, e.g. Finanizierung des Verbrauchs, das zweite habe ich als Finanzierung der Investition verstanden. Ich moechte hier keine blauäugige Werbung fuer die Grameen Bank machen, sondern einen Unterschied zwischen Kredit und Kredit hervorheben.

    In anderen Worten: entweder finanziere ich den Verbrauch, welcher hinten nichts generiert, e.g. ich fliege in einen kreditfinanzierten Urlaub (HILFE!!!).

    Oder aber, ich finanziere eine Investition mit Hilfe eines Kredits, e.g. ich kaufe mir einen Pflug, damit ich als Bauer mehr Output generieren kann. Den Mehrwert nutze ich dazu den Kredit zu bezahlen.

    Mehrwert ist im ersten Beispiel nicht gegeben. Es sei den jemand kann Mehrwert durch kreditfinanzierten Urlaub auf Mallorca erzeugen:)

    Antworten
    • peterreins
      peterreins says:

      Sehr geehrter Herr Broska,

      Sie haben vollkommen recht, dass der Zweck des Kredits einen wichtigen Unterschied ausmacht. Wenn ein Kredit dazu dienen soll, eine geschäftliche Investition zu finanzieren, ist er sicher anders zu bewerten als ein Kredit, der nur dem zusätzlichen Verbraucht dient. Das ist sicherlich richtig.

      Und richtig ist sicherlich auch, dass es in den USA in den Jahren 2001 bis 2007 regelrechte Kreditexzesse gab. Zu diesem Thema ist übrigens das Buch von Wolfgang Köhler empfehlenswert „Wall Street Panik, Banken außer Kontrolle – Wie Kredithaie die Weltkonjunktur ins Wanken bringen“.

      Wenn ich es richtig sehe, kann man die US-Kredite, die zur aktuellen Krise führten grob in drei Kategorien einteilen:

      (1) subprime-Immobilienkredite: Kredite, die es unteren Einkommensschichten erlaubte, Wohneigentum zu erwerben.

      (2) Räuberische Kredite (engl. „predatory lending“): Kredite zu vollkommen überhöhten Kreditzinsen an Leute, die sich diese Kredite nie leisten konnten. Oftmals waren solche Kredite mit solchen Konditionen ausgestattet, dass man anfangs den Eindruck hatte, sie seien sehr günstig und die eigentlichen Belastungen weiter in der Zukunft liegen (Beispielsweise die sog. Option Adjustable Rate Mortgages (Option-ARMs), bei denen der Kreditnehmen nach Belieben Zins- und Tilgungszahlungen aussetzen kann, was aber dann natürlich den Darlehensbetrag erhöht)

      (3) Normale Verbraucherkredite.

      Was die Kategorie (1) betrifft, zitiert Köhler Robert Eakes, den Chef der gemeinnützigen Organisation „Self-help“, was er 2004 vor dem US-Senat sagte:
      „Seit 1980 hat Self-help in 47 Bundesstaaten mit Krediten von mehr als drei Milliarden Dollar mehr als 37.000 Familien ermöglicht, Eigenheimbesitzer zu werden.“

      Ich habe im Herbst 2008 einen Vortrag besucht zum Thema „US-subprime-Krise“. Der Vortragende war der WELT-Jorunlalist Olaf Gersemann. Darin sagte er(nach meiner Erinnerung) folgendes: Man kann die US-amerikanische nach ihren Einkommensverhältnissen in zwei obere Schichten und zwei untere Schichten untergliedern. Die beiden oberen Schichten hatten schon immer typischerweise eigenen Immobilienbesitz, nicht aber die beiden unteren Schichten. Das Ergebnis der exzessiven Kreditvergabe ab den 1990er Jahren, war, dass vor allem Bevölkerungsschichten aus der dritten Schicht, der etwas besser gestellten unteren Einkommensklasse, in großem Stil zu Wohneigentum gekommen ist. Und genau das war politisch gewollt. Eine Art Sozialprogramm. Und diese Art von subprime-Krediten wurden durchaus nicht einfach nur wegkonsumiert. Angesichts stark steigender Immobilienpreise (was man bis 2006 so erlebte), konnte man mit gutem Gewissen sagen, durch solche Kredite Geringverdienern zu einem Vermögen zu verhelfen.

      Ich kann mich auch an entsprechende Statistiken erinnern, die Olav Gersemann verwendete. Aus diesen ging eindrucksvoll hervor, in welch starken Ausmaß untere Bevölkerungsschicht aktuell nicht vor. Und auch eine Internet-Recherche von mir blieb bisher ohne Ergebnis. Vielleicht finde ich noch etwas, dann ergänze ich das an dieser Stelle. Ich würde mich auch über Hinweise von einem Leser dieses Blogs dazu freuen.

      Was die Unterscheidung zwischen (1) und (2) betrifft, so ist diese oftmals schwierig. So zitiert Wolfgang Köhler in dem oben genannten Buch eine Studie von James H. Carr und Lopa Kolluri („Predatory Lending. An Overview, Fannie Mae Fondation 2001):

      „Wenn Kreditgeber Minoritäten-Haushalte aus Gründen der Rasse oder Ethnie wegen ihrer Unfähigkeit im Umgang mit Krediten in den Subprime-Markt drängen, so mag dies eine Verletzung des Fair Housing and Equal Opportunity Act darstellen – aber nicht notwendigerweise ein Zeichen von räuberischer Kreditvergabe.“

      Man sieht, dass hier die Dinge schon zu verschwimmen beginnen. Ist es verwerflich, wenn eine Bank einem geringverdienenden afro-amerikanischen US-Bürger einen Kredit zu höheren Zinssätzen als sonst üblich vergibt? Vielleicht ist die Person damals froh gewesen, überhaupt einen Kredit zum Kauf eines Eigenheims bekommen zu haben.

      Und hier beginnt, meiner Meinung nach, die Ähnlichkeit zu Mikrofinanzierungen. Immerhin sind bei Mikrofinanzierungen Zinsen von bis zu 20% p.a. üblich. Die betreffende Person aus einem Dritt-Welt-Land freut sich vielleicht, überhaupt einen Kredit bekommen zu haben. Man könnte dem Kreditgeber auch vorwerfen, überhöhte Wucherzinsen zu verlangen.

      Und solange alles gut geht, sind natürlich alle glücklich. Aber immerhin, die indische Webstuhl-Besitzerin muss sich so ins Zeug legen, dass sie die 20% Zinsen plus Tilgung erwirtschaftet. Das wird so lange gut gehen, wie es in Indien ein gutes Wirtschaftswachstum gab (genauso wie die US-subprime-Kredite so lange gut gingen, wie die Immobilien gestiegen sind). Was aber wenn die indische Weberin plötzlich nicht mehr so, wie bisher, ihre Stoffe verkaufen kann? Weil sich vielleicht auch in Indien das Wirtschaftswachstum abschwächt?

      Dann wird es ganz schnell heißen: Kredithaie haben armen Menschen aus der Dritten Welt in unseriöse Kredite hineingehetzt. Und dann werden die heute gelobten Kreditgeber schnell als moralisch verwerfliche Geschäftemacher umgemünzt werden.

      Wie gesagt: Ich prognostiziere nicht diese Entwicklung. Ich hoffe vielmehr, dass mit Mikrofinanzierungen alles gut gehen wird. Ich würde mich ehrlich darüber freuen, wenn auf diese Weise armen Bevölkerungsschichten geholfen wird.

      Aber man soll niemanden vorwerfen, wenn er dieselbe Hoffnung vor ein paar Jahren mit bezug auf geringverdienende US-Amerikaner hatte. Diese Hoffnung wurde – leider – enttäuscht. Und heute meint die große Mehrheit, dass das doch von vornherein klar war. Nein, sage ich, es war nicht klar. Heute wissen wir es besser. Aber damals hat man durchaus die Hoffnung haben können, dass aller gut gehen wird.

      Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Newsletter abonnieren (Jederzeit wieder abbestellbar)