Der Angriff Putins auf die Ukraine ist eine unbeschreibliche Tragödie. Ich persönlich habe es noch vor ein paar Wochen nicht für möglich gehalten, dass Putin diesen Schritt gehen wird. Es ist so unfassbar und traurig, was der Ukraine angetan wird und wie Putin nicht nur die ganze Weltgemeinschaft in Angst und Schrecken versetzt, sondern auch sein eigenes Land in den Ruin führt. Mein Mitgefühl gilt vor allem den Ukrainern, die jetzt um ihre Heimat bangen müssen, ihr Leben und ihr Hab und Gut verlieren, auf der Flucht sind oder heldenhaft ihr Land verteidigen. Mir tut auch das russische Volk leid, das von solch einem Mann belogen und zu Untaten verführt wird. Nach wie vor bin ich ein so unverbesserlicher Optimist, dass ich die Hoffnung nicht aufgebe, dass sich letztlich die Menschlichkeit gegen das Böse durchsetzen wird.

Unabhängig davon kann man sich die Frage stellen, wie der aktuelle Kursrückgang an den Kapitalmärkten zu bewerten ist. Im Gespräch mit Anlegern höre ich manchmal die Aussage, dass eine so dramatische Situation „noch nie“ da war, zumal der Krieg doch sehr nah bei Deutschland ist.

Natürlich ist es schwer zu sagen, wie sich alles weiterentwickelt. Niemand hat eine magische Kristallkugel. Aber wenn man Geld langfristig anlegen möchte,  dann spielt selbst der momentane Krieg nur eine untergeordnete Rolle. Klar ist, dass er irgendwann vorbei sein wird. Klar ist auch, dass irgendwann die Folgen des Ukraine-Konflikts überwunden sein werden. Nimmt man die langfristige Sichtweise ein, dann kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass letztlich „alles gut“ werden wird.

Manchmal kann ein Blick in die Vergangenheit die Dinge relativieren. Auch vor zwei Jahren, als es mit der Corona-Krise losging, hörte ich von einigen Leuten, dass die Lage „noch nie so schlimm“ gewesen sei wie momentan, und dass so eine umfassende Pandemie das gesamte Wirtschaftsleben „noch nie“ so bedroht hat. Immerhin vielen damals die Kurse innerhalb kürzester Zeit im März 2020 um etwa 20%. Und doch war es dann für viele eine Überraschung, wie schnell sich wieder alles erholt hat. Es dauerte keine sechs Monate und die Verluste waren nicht nur ausgeglichen sondern der DAX erklomm ein Hoch nach dem anderen.

Sehr interessant, denke ich, ist aber auch wenn man sich Crashs ansieht, die so weit zurückliegen, dass heutzutage nur noch Wirtschaftshistoriker davon wissen. Charles Kindleberger hat ist Autor eines Buches mit dem Titel „Manias, Panics and Crashes: A History of Financial Crises.“ Eine Stelle daraus finde ich besonders interessant. Und zwar listet er verschiedene Crashes auf, die im 19. Jahrhundert stattfanden, zusammen mit Zitaten von Zeitgenossen:

1825. Großbritannien:
„Die Öffentlichkeit wurde von einer nie dagewesenen Panik erfasst.“

1837. USA
„Einer der zerstörerischsten Ausbrüche von Pnik, die diese Nation je erlebt hat.“

1847. Großbritannien.
„Man kann mit gutem Gewissen behaupten, dass die City seit dem Sturz Napoleons nicht mehr so aufgeregt war.“

1857. Großbritannien. [In Folge des Krieges der Russen gegen die Türkei, auch Krimkrise genannt]
„Die Krise des Jahres 1857 war die schwerste, die England oder eine andere Nation je erlebt hat.“

1857. Hamburg
„Eine so vollständige und klassische Panik hat Hamburg nie zuvor erlebt.“ sowie: „Eine Panik von bisher ungekanntem Ausmaß.“

1866. Großbritannien
„Die Krise des Jahres 1866 war die schwerste der Neuzeit.“ sowie: „Heftiger als jede andere seit 1825.“

1873. Deutschland
„Die langwierigste Krise seit 56 Jahren.“

1882. Frankreich
„Noch nie habe ich eine solche Katastrophe erlebt.“

Drei Dinge finde ich hierbei interessant. Erstens, wie viele Finanzkrisen und Crashs im 19. Jahrhundert gab, man kann sagen etwa alle 10 Jahre. Und fast alle dieser Krisen sind aus dem Kollektivbewusstsein verschwunden. Was sich hingegen beispielsweise in der allgemeinen Erinnerung bewahrt hat, ist die Hyperinflation von 1923 und der Börsencrash von 1929 (wobei beides oft sehr merkwürdig miteinander vermengt wird). Aber wer weiß schon, dass es 1857 ein sehr, sehr schwere Finanz- und Wirtschaftskrise gab? Karl Marx glaubte übrigens damals, dass damals das Ende des Kapitalismus eingeläutet sei.

Oder wer weiß von der Krise in Deutschland von 1873? Übrigens nur zwei Jahre, nachdem in Deutschland der Goldstandard eingeführt worden ist, was zeigt, dass der Goldstandard kein Schutz gegen Crashs ist, wie manche meinen.

Interessant ist zweitens, dass bei jeder dieser Krisen beteiligte Zeitgenossen das gerade Erlebte in Superlativen beschreiben der Art: „So schlimm war es noch nie“. Drittens ist es aber auch beruhigend zu sehen, dass trotz der damaligen, sehr pessimistischen Stimmung und Panik, jedes einzelne Mal die Welt nicht untergegangen ist. Stattdessen hat sich irgendwann wieder alles erholt und normalisiert. So sehr, dass ein Großteil der Bevölkerung sich an diese Crash-Situationen gar nicht mehr erinnert. Ich denke, diese historische Erkenntnis legt es nahe anzunehmen, dass es auch diesmal so laufen wird.

Vielleicht noch einen Nachtrag. Die Aktien steigen normalerweise über einen längeren Zeitraum auf eine Weise, die von vielen nicht zur Kenntnis genommen wird. Dann kommt ein Crash, die Aufregung ist groß, und es rückt ins allgemeine Bewusstsein, dass mit Aktien schnell hohe Verluste verbunden sein können. Die lange Phase des Anstiegs bleibt aber zumeist unberücksichtigt. Und oftmals hat diese Phase deutlich mehr Kursgewinne gebracht, als danach durch den Crash wieder vernichtet wurde. Auch das zeigt, dass man normalerweise mit einer langfristig ausgerichteten Sicht auf Aktieninvestments gut fährt.

 

 

 

1 Antwort
  1. Thinking sagte:

    Nach 4 Monaten ist jetzt deutlich, dass die Sanktionen den Krieg Russlands gegen die Ukraine nicht beeinflusst haben, sondern dass insbesondere Deutschland vor einer Rezession steht und erhebliche Einbußen des Wohlstands bevorstehen. Der DAX fällt kontinuierlich.

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