Die merkwürdige Rolle der Medien

Gestern (14.09.11) am frühen Vromittag konnte man auf verschiedenen Börsen-Informationskanälen folgendes lesen: „Analysten rechnen für den heutigen Tag mit weiteren Kursrückgängen.“ Und tatsächlich startete der Aktienmarkt leicht im Minus. Im Laufe des Tages drehten aber die Kurse bis zu einem Plus von über 4%. 

Interessant ist hier nicht nur die krasse Fehleinschätzung dieser genannten Analysten. Viel bemerkenswerter ist, wie sehr in den Medien momentan Meldungen über zukünftige Kapitalmarktentwicklungen gemacht werden.

In Zeitungen konnte man beispielsweise kurz vor dem 1. September lesten: „Für den September werden stark fallende Aktienkurse erwartet.“

Häufig konnte man auch Meldung der folgenden Art lesen:

  • „Die Bodenbildung ist noch nicht erreicht.“
  • „Die Automobilindustrie meldet Rekordumsätze. Noch.“
  • „Der Ausverkauf an den Börsen wird sich nächste Woche fortsetzen.“
  • usw.

All diesen vorgeblichen Meldungen ist eines gemeinsam. Sie melden nichts, was in der Vergangenheit oder gerade eben passiert ist. Sondern Dinge, die (voraussichtlich) in der Zukunft passieren werden. In etwa der folgenden Form:

  • „Experten rechnen damit, dass im nächsten Monat ein Flugzeugabsturz stattfinden wird.“
  • „Nächstes Jahr wird es x Verkehrstote in Deutschland geben.“
  • „Der kommende Winter wird besonders schneereich sein.“

Warum klingen diese Meldungen ein wenig seltsam? Weil es im Journalismus normalerweise nicht üblich ist, über die Zukunft (die ja keiner kennt) Meldungen zu machen. Meldungen in den Nachrichten haben den Charakter, „so und so ist es“ oder „so und so ist es gewesen“. Aber nicht „so und so wird es sein.“ Jedenfalls wenn es sich um seriösen Journalismus handelt.

Aus irgendeinem Grund werden diese elementaren journalistischen Regeln zur Zeit mit bezug auf die Börse über Bord geschmissen. Überall in den Medien dürfen mit einem Male Journalisten über künftige Entwicklungen an den Kapitalmärkten schreiben. Sehr oft sogar ohne ein „vermutlich“ oder ein „möglicherweise“ vorherzuschieben. Und sehr oft nicht einmal in der grammatischen Zukunftsform, sondern in der Gegenwartsform formuliert. Nicht „Die Aktien werden nächste Woche vermutlich fallen“ sondern „Nächste Woche fallen die Aktienkurse“.

Ja, wir haben zur Zeit extrem unruige und risikobehaftete Aktienmärkte. Dennoch ist es nicht notwendig, dass von Seiten der Medien noch zusätzliches Öl ins Feuer gegossen wird. Für normale Bürger ist es überhaupt nicht erstaunlich, momentan ein „schlechtes Gefühl“ zu haben. Angesichts der genannten zukunftsgerichteten, negativen Berichterstattung, wäre es direkt erstaunlich, wenn man ein „optimistisches Gefühl“ aufrecht erhält.

Wir haben eine Apokalypsen-Berichterstattung sowohl in Wort und Bild. Man sehe sich einmal das Foto auf der SZ vom 15.09.11 am Anfang des Wirtschaftsteils an. Ein Notre-Dame-Teufelchen blickt auf ein düsteres, wolkenverhangenes Paris herab.

Ich fordere keine positive oder optimistische Berichterstattung ein. Wohl aber eine neutrale, wie sie eigentlich auch nach journalistischen Maßstäben gefordert wäre.

Das Problem ist nämlich, dass eine solche Berichterstattung leicht zur selbsterfüülenden Prophezeiung wird. Stellen wir uns vor, wir starten einen normalen Arbeitstag und jeder der uns begegnet sagt: „Ach, Herrje, heute ist aber ein miserabler Tag. Heute ist alles mies.“ Ich wette, dass Sie am Ende des Tages auch sagen werden: „Das war aber heute ein schlechter Tag, Irgenwie hatte ich heute eine schlechte Stimmung.“

Man kann sich fragen, aus welchem Grunde genau der DAX in den letzten Wochen ca. 30 % verloren hat. Es sind nämlich keine dramatisch neuen Erkenntnisse hochgekommen. Nichts, was man nicht entweder vor ein paar Monaten schon wusste oder ahnte. Auch das Downgrading der USA ist schon mindestens seit dem Frühjahr im Gespräch gewesen. Und dass Griechenland kurz vor der Pleite steht, ist auch keine wirkliche Überraschung.

Ein möglicher Erklärungsansatz ist folgender. Seit dem Jahr 2009 überschlagen sich die Leute mit Horrorszenarien. Wir erinnern uns: Viele prognostizierten fürs Jahr 2010 einen schweren wirtschaftlichen Abschwung. Der ist nun eben nicht gekommen. Stattdessen hat sich – wider Erwarten – alles besser entwickelt als erwartet. Zu gut nach der Meinung vieler. Viele hatten das Gefühl: „Da wurde jetzt von der schwersten Krise seit 70 Jahren gesprochen. Wo ist sie denn nur?“ – Antwort: „Sei dir sicher, das Schlimmste kommt noch.“

Enorm viele Menschen laufen seit zwei Jahren herum mit dem Gefühl, das kann es doch noch nicht gewesen sein, da muss doch noch die wirkliche Krise kommen. Man sehe sich nur die Wirtschaftsliteratur in den einschlägigen Buchhandlungen an. Alle überschlagen sich mit Negativ-Szenarien. Ähnlich wie vor ein paar Jahren Börsenratgeber en vogue waren, die den schnellen Reichtum mit Aktien versprachen. Man muss schreibt halt das, was sich gerade gut verkaufen lässt.

Und so über die Jahre negativ bearbeitet ist es kein Wunder, wenn die Anleger irgendwann einmal die Nerven verlieren. Und dann ist er da, der Crash. Und eigentlich weiß keiner, was waurm gerade jetzt genau passiert. Denn man soll sich nicht einreden, dass eine Abwertung deutscher Aktien um 30% irgendwas mit Vernunft oder rationalen Gründen zu tun hat.

Hat sich real die Lage tatsächlich so verschlechtert? Heute definitiv nicht. Aber, so wird mir gerne geantwortet, wenn es so weitergeht, dann werden die Unternehmen schlechter dastehen. Naja, und da haben wir sie wieder: die Zukunfsaussage oder Prognose. Die jetztige Lage rechtfertigt nicht den Kursabsturz, aber die vermeintlichen Zukunftsaussichten. Dumm nur, dass auch die angeblichen Experten ihre Prognosen schneller revidieren als „ups“ sagen kann.

2 Antworten
  1. Netzjournalist
    Netzjournalist says:

    Sie wissen doch: Journalisten sind die, die hinterher alles vorher gewusst haben. – Damit sind sie allerdings gerade im Anlegerumfeld nicht alleine. Man beachte nur die vielen Newsletter, Börsenbriefe und Zeitschriften in diesem Segment, oftmals nicht einmal von Menschen geschrieben, die die journalistischen Grundregeln und das Handwerkszeug beherrschen. Die sich hinterher mit ihren Erfolgen und richtigen Voraussagen brüsten (und die Zahl und das Ausmaß der falschen Voraussagen unter den Tisch fallen lassen).
    Aber es ist schon auffällig, wie gerade die Schnelligkeit des Netzes dazu beiträgt, dass „fire and forget“ (und frag erst hinterher nach den Fakten) zur Maxime der Berichterstattung wird. Im Hörfunk hieß es dazu früher immer „das versendet sich“, wenn mal ein Fehler passierte…

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  2. gundula
    gundula says:

    Also beschleunigen solche Nachrichten bzw. diejenigen die sie verfassen einfach nur den Trend.
    Die Mechanismen zur Preisbildung sowie automatisierte Handelsvorgänge beschleunigen die Preisfindung ebenfalls. Ein passender Vergleich erscheint mir z.B. eine Regelstrecke aus der Regelungstechnik.
    Unser finanztechnische „Regler“ ist zur Zeit sehr schlecht. Er neigt zum Überschwingen. Das Resultat sind höchste Volatilitäten („volatil“ eigentlich ein schöner Begriff, leider zu oft verwendet).
    Der Vergleich mit einer Regelstrecke liegt insofern nahe, da wir hier von einer echten Führungsgröße sprechen können. Diese wäre der tatsächliche Wert eines Papiers, wird allerdings ebenfalls in Rückkopplung mit der Preisbildung verändert. Alle anderen Glieder lassen sich ebenfalls übertragen.

    Meine Meinung:
    7500 Pkt DAX war überbewertet. Der Panikartige Fall durch Horrorszenarios und nervöse Anleger verstärkt. Die daraus resultierenden starken Schwingungen gilt es abzuwarten.

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