Vom richtigen Umgang mit Vergangenheitsdaten

Ich habe gerade eine Diskussion mit dem Buchautor Gerd Kommer (Link dorthin). Gerd Kommers Behauptung ist:

Man kann bei vergangenen Kapitalmarktdaten einen Mittelwert bilden. Und sofern die Zeitreihe möglichst lange ist, liefert dieser Mittelwert eine gute Schätzung für künftige zu erwartende Kapitalmarktrenditen.

Ich hingegen leugne, dass ein solcher Schluss von der Vergangenheit auf die Zukunft zulässig ist. Ich habe in einigen meiner vorigen Beiträgen vor allem zwei Argumente verwendet:

  1. Gerd Kommers These kann nur Gültigkeit haben, wenn Kapitalmarktrenditen über die Zeit hinweg konstante Wahrscheinlichkeitsverteilungen besitzen. Wenn man sich Marktdaten genau ansieht und statistisch auswertet, so ist es aber ziemlich offensichtlich, dass hier keine über die Zeit konstante Wahrscheinlickeitsverteilung vorliegt (Siehe z.B. hier)
  2. Wenn man sich konkrete Marktdaten ansieht (wie beispielsweise die Gold-Silber-Ratio oder die alte niederländische VOC-Aktie), dann ist überhaupt nicht ersichtlich, was hier die Berechnung eines Mittelwertes bringen soll.

Vielleicht missversteht mich nun jemand dahingehend, dass ich den Blick in die Vergangenheit für generell abwegig halte. Um es klarzustellen, dass das nicht meine Auffassung ist: nachfolgender Beitrag. Denn ich glaube tatsächlich, dass das Nachdenken über dieVergangenheit für Geldanleger sehr wichtig und hilfreich ist. Nur gibt es, wie ich meine, einen richtigen und einen falschen Umgang mit Vergangenheitsdaten …

Eine logische Vorbemerkung

In der Logik kann man grob zwischen zwei Arten von Aussagen unterscheiden:

  1. Allgemeinaussagen /Notwendigkeitsaussagen. Beispiel: „Alle Deutschen essen gerne Sauerkraut.“ oder „Als Deutscher liebst du notwendigerweise Sauerkraut.“
  2. Existenzaussagen / Möglichkeitsaussagen: „Es gibt einen Deutschen, der kein Sauerkraut mag.“  oder „Möglicherweise gibt es einen Deutschen, der kein Sauerkraut mag.“

Ich möchte die erste Art von Aussagen einmal „starke“ Aussagen nennen. Denn offenbar stellt man mit einer Verallgemeinerung (oder einer Notwendigkeitsaussage) eine sehr starke, weitreichende Behauptung über die Wirklichkeit auf. Die zweite Art von Aussagen will ich „schwache“ Aussagen nennen.

Vom richtigen und falschen Umgang mit Vergangenheitsdaten

Mit dieser logischen Vorbemerkung, die ja an sich nicht besonders tiefschürfend ist, kann ich bereits den  falschen und den richtigen Umgang mit Vergangenheitsdaten beschreiben (meiner Meinung nach natürlich):

  • Wer mit Vergangenheitsdaten eine starke Verallgemeinerung oder eine Notwendigkeitsaussage begründen will, geht falsch mit Vergangenheitsdaten um.
  • Wer Vergangenheitsdaten heranzieht, um eine schwache Existenz- oder Möglichkeitsaussage zu belegen, geht richtig mit Vergangenheitsdaten um.

Wenn ich hier von Vergangenheitsdaten spreche meine ich soziologische, wirtschaftliche und historische Daten. Keine naturwissenschaftliche Daten. Denn wenn ich beispielsweise tausend Mal einen Gegenstand fallen gelassen habe und er jedes Mal nach unten gefallen ist, dann halte ich den Schluss, dass das auch künftig so weitergeht für durchaus zulässig (wobei man selbst daran zweifeln könnte, aber das ist ein anderes Thema).

Beispiele

Mein Schema vom richtigen und falschen Umgang mit Vergangenheitsdaten ist also sehr einfach. Dennoch will ich im folgenden ein paar konkrete Beispiele geben.

Beispiel 1.

Nach dem Zweiten Weltkrieg (so in den 1950er und 1960er Jahren) gab es gerade bei Angelsachsen die Auffassung, dass wir Deutschen im tiefsten inneren unseres Wesens zu Diktatoren und starken Führungspersönlichkeiten neigen. Gut belegt schien das durch die Kaiserzeit unter Wilhelm II., das Chaos der Weimarer Republik und den anschließenden Nazi-Diktatur. „Alle Deutschen sind halt so, dass sie anfällig für eine Diktatur sind“, so die gängige Meinung damals.

Offensichtlich machte man damals den Fehler, von den vergangenen Jahrzehnten zu verallgemeinern. Denn natürlich gab es vor 1871 Beispiele für die Demokratie-Fähigkeit von Deutschen. Ein falscher Umgang mit der Geschichte ist also, eine solche Behauptung aufzustellen wie „Alle Deutschen sind demokratieunfähig. Das belegt die Geschichte.“ Ein korrekter Umgang mit der Geschichte ist vielmehr zu sagen: „Es kann demokratiefähige Deutsche geben. Das belegt die Geschichte.“

Beipsiel 2.

Hier berufe ich mich auf den Beitrag, den ich vor ein paar Tagen über die Gold-Silber-Ratio geschrieben habe. Um das Jahr 1500 konnte man mit Blick auf eine etwa 500 Jahre dauernde Datenreihe behaupten: „Die Gold-Silber-Ratio liegt immer etwa bei 12 zu 1.“

Dies ist aber kein korrekter Umgang mit Vergangenheitsdaten, da eine Allgemeinaussage aufgestellt wird. Vielmehr galt beispielsweise im alten Ägypten das Verhältnis 3 zu 1. Korrekt ist also auch um 1500 die Aussage gewesen: „Die Gold-Silber-Ratio muss nicht immer bei 12 zu 1 bleiben. Sie könnte auch auf 3 zu 1 fallen, wie die Geschichte zeigt.“

Beispiel 3.

Jetzt ein Beispiel für eine Notwendigkeitsaussage. Derzeit hört man oft die Behauptung, dass es notwendigerweise zu der aktuellen Finanzkrise hat kommen müssen. Näher betrachtet lässt sich diese Aussage nicht halten. Es hätte deutlich schlimmer kommen können. Es gab beispielsweise Phasen, an denen der Zusammenbruch des Finanzsystems wirklich nur an einem Faden hing und man möchte sagen, fast zufälligerweise, verhindert wurde.

Das Ganze hätte aber auch möglicherweise viel glimpflicher ablaufen können. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn die damalige US-Regierung Lehman Brothers gerettet hätte. Auch das hing damals an einem seidenen Faden und hätte um ein Haar so geschehen können. Die Lehman-Pleit war jedenfalls alles andere als notwendig.

Auch war es nicht notwendig, dass die US-Immobilienblase in dieser Form platzte wie es geschehen ist. Es hätte auch zu einer langjährigen Stagnation am Wohnungsmarkt kommen können oder zu einem sanften Abschwung.

Rückschaufehler

Im Nachhinein sind wir nur allzu bereit, überall Notwendigkeiten zu sehen. Die Dinge sind halt so geschehen, wie sie geschehen sind und jetzt meint man, dass das so kommen musste. Nassim Taleb schreibt sehr schön in seinem Buch „Narren des Zufalls“ (S. 101):

„Rückblickend erscheint immer alles offensichtlich … Die Vergangenheit wird im Nachhinein immer deterministisch wirken, weil nur eine einzige Observation stattfand. Unser Gehirn interpretiert die meisten Ereignisse nicht anhand der vorausgehenden, sondern auf Basis der nachfolgenden Entwicklungen … Psachologen bezeichnen diese Überschätzung des Wissens beim Eintritt eines Ereignisses aufgrund späterer Informationen als Rückschaufehler (‚Hindsight Bias‘) bzw. ‚Ich-wusste-es-die-ganze-Zeit-über‘-Effekt. …

Ein übler Effekt dieser Rückschaufehler ist die Tatsache, dass jene, die sich in der Vorhersage der Vergangenheit als sehr gut erweisen, von ihrer Fähigkeit überzeugt sind, die Zukunft ebenso gut zu prognostizieren …“

Nassim Taleb stammte ja ursprünglich aus dem Libanon. In seinem Buch „Der schwarze Schwan“ schreibt Nassim Taleb auf S. 27 mit bezug auf den Libanonkonflikt:

„Die Dynamik des Libanonkonfliktes war offensichtlich nicht vorhersehbar gewesen, doch die Argumentationen der Leute bei der Betracthung der Ereignisse wiesen eine Konstante auf: Fast alle, denen die Sache wichtig war, schienen überzeugt zu sein, dass sie verstanden, was vor sich ging. Obwohl jeder einzelne Tag Vorfälle brachte, die völlig außerhalb ihrer Vorhersagen lagen, konnten sie sich nicht vorstellen, dass sie sie nicht vorhergesagt hatten. Vieles von dem, was passierte, hätte man angesichts der Vergangenheit für total verrückt gehalten. Doch hinterher wirkte es nicht mehr so verrückt. Diese Plausibilität beim Rückblick führt dazu, dass die Seltenheit und Vorstellbarkeit des Ereignisses unberücksichtigt gelassen wird. Später habe ich genau die gleiche Illusion des Verstehens beim geschäftlichen Erfolt und in den Finanzmärkten erlebt.“

Und auf Seite 29 ff. schreibt er:

„Die Ereignisse präsentieren sich uns auf verzerrte Weise … Da unser Gedächtnis begrenzt und gefiltert ist, neigen wir dazu, uns an diejenigen Daten zu erinnern, die im Nachhinein zu den Fakten passen …

Ich möchte Ihnen gern erzählen, wie ich zum ersten Mal auf die scheinbare Vorhersagbarkeit im Rückblick gestoßen bin: In meiner Kindheit war ich ein unersättlicher Leser …

Das Buch, das mich am stärksten beeinflusste, stammte … von einem Journalisten. Es war William Shires Berliner Tagebuch: Aufzeichnungen eines Auslandskorrespondenten; 1934 – 1941. Shirer … arbeitete damals für den Rundfunk. Mir fiel auf, dass das Berliner Tagebuch eine ungewöhnliche Perspektive bot. Ich hatte bereits die Werke von Hegel, Marx, Toynbee, Aron und Fichte zur Geschichtsphilosophie … gelesen und glaubte, eine vage Vorstellung  von den Konzeptender Dialektik zu haben. Ich verstand nicht viel, außer dass die Geschichte eine gewisse Logik aufwies und dass die Dinge sich durch Widerspruch (oder Gegensätze) so entwickelte …

Der entscheidende Punkt ist, dass das Tagebuch die Ereignisse so beschrieb, wie sie abliefen, nicht im Rückblick… Ich erlebte eine nicht theoretische Entfaltung der Geschichte und las ein Buch über jemanden, der die Geschichte anscheinend so erlebte, wie sie voranschritt. Ich bemühte mich, in meinem Kopf eine filmartige Darstellung der Zukunft zu produzieren, und stellte fest, dass sie nicht so offensichtlich war. Ich erkannte, dass die Ereignisse historischer wirken würden, wenn ich später anfing, über sie zu schrieben. Es gab einen Unterschied zwischen Vorher und dem Danach

Shires Tagebuch erwies sich als Trainingsprogramm für die Dynamik der Ungewissheit…“

Nassim Taleb beschreibt sehr schön, wie uns der Rückschaufehler dazu verleitet, im Nachhinein Allgemein- und Notwendigkeitsaussagen über die Vergangenheit aufzustellen. Es gibt Vergangenheitsdaten und wir wollen, um es mal so auszudrücken, Ordnung schaffen. Unser Verstand versucht Schemata, Regelmäßigkeiten und Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Und natürlich finden wir all das, wenn wir uns mit der Vergangenheit beschäftigen. Wir dürfen nur nicht glauben, dass sich diese Schemata, Regelmäßigkeiten und vermeintlichen Gestzmäßigkeiten ohne weiteres auf die Zukunft übertragen lassen. Das wird nämlich ziemlich sicher schief gehen.

Beschäftigt man sich nicht mit dem Großen Ganzen der geschichtlichen Abläufe, sondern mit den konkreten Details des damaligen Geschehens, dann wird es sehr viel schwieriger, Allgemeingültiges und Notwendigkeiten zu sehen. Man erkennt dann, wie der Zufall sein Spiel getrieben hat und wie es auch damals ganz andere gangbare Möglichkeiten gab. Genau das ist es, warum Shires Berliner Tagebuch für Nassim Taleb so wertvoll war. Es ließ ihn erkennen, was damals alles möglich war, und dass der Blick auf die Geschichte als eine Abfolge notwendiger Ereignisse falsch ist.

Das eigentlich Interessante an der Geschichte ist doch nicht festzustellen: So und so mussten die Dinge ablaufen. Wirklich spannend ist doch zu sehen, welche alternativen Handlungsstränge damals möglich waren.

Bayern wäre beispielsweise etwa um 1790 um ein Haar an Österreich gefallen, weil sich die Wittelsbacher und die Habsburger handelseinig waren, dass die Wittelsbacher Bayern gegen die österreichische Niederlande (heute Belgien) eintauschen. Das war damals ein möglicher Gang der Geschichte. Dann wären die Wittelsbacher vielleicht heute die Könige von Belgien und Bayern wäre ein Teil Österreichs. Verhindert wurde das damals übrigens interessanterweise durch die Preußen.

Ist solch ein Beschäftigung mit der Geschichte, die sich mit den Möglichkeiten und Zufällen beschäftigt, nicht viel interessanter und aufschlussreicher als die Auffassung, dass alles, was geschehen ist, notwendigerweise so kommen musste? Ich denke schon.

Und all dies gilt natürlich auch für die Finanzmärkte. Natürlich können wir im Rückblick meinen, gewisse Schemata, Regelmäßigkeiten und Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. So ist nun einmal unser Verstand geschaffen, in allem Schemata erkennen zu wollen – egal ob sie faktisch da sind oder nicht. Letztlich begehen wir aber eine Fehler, wenn wir basierend auf vergangenen Finanzmarktdaten Allgemeinaussagen und Notwendigkeitsaussagen machen. Das ist – meiner Meinung nach – ein fehlerhafter Umgang mit Vergangenheitsdaten.

Korrekt hingegen ist die Beschäftigung damit, was es schon einmal gab, was alles möglich war. Beispielsweise ist es sehr interessant zu sehen, dass wir in den 1980er-Jahren, also zu DM-Zeiten einmal eine Inflationsrate von 9% hatten. Denn manchmal hört man so Dinge wie „Die DM war immer eine harte Währung und damals gab es keine hohen Inflationsraten.“ Das lässt sich mit einem einfachen Verweis auf die Geschichte widerlegen.

Oder manche behaupten: „Immobilien waren schon immer eine sehr gute Geldanlage. Wer in Deutschland 1970 eine deutsche Immobilie gekauft hat, hat damit enorme Renditen erzielen können.“ Ein solcher Satz ist sehr leicht durch den Verweis auf Gerd Kommers Buch „Kaufen oder Mieten?“ zu widerlegen. Dort wird sehr schön beschrieben, wie die reale Wertentwicklung deutscher Immobilien seit 1970 tatsächlich war und insbesondere welche hohe Wertschwankungen es in der Vergangenheit bei Immobilien bereits gab.

Auch hier wird eine verallgemeindernde Aussage (die nicht korrekt mit Vergangenheitsdaten umgeht) durch eine Aussage der Form „Es gab schon einmal …“ widerlegt. Das ist ein guter Umgang mit vergangenen Finanzmarktdaten: zu erkennen, was es schon alles gab und was möglich ist. Aber bitte hüten wir uns davor, allgemeine Schemata oder Gesetzmäßigkeiten erkennen zu wollen!

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