Viel Geschrei um schlechte Zinsen

Fast jeder Anleger, mit dem ich rede, beschwert sich darüber, dass die Zinsen derzeit so tief sind. Nach Abzug der Inflation, so die Rechnung, ist Tagesgeld sogar ein Verlustgeschäft. Man könnte sogar noch den Steuerabzug mit berücksichtigen, dann sieht das Ganze noch schlechter aus.

Jetzt habe ich heute einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung gelesen. Dort ging es um eine Studie der EZB, wonach seit vielen Jahrzehnten die Nominalzinsen in etwa der Hälfte der Fälle niedriger als die Inflationsrate ist. Beispielsweise fast die gesamten 1970er Jahr hindurch, dann aber auch eine Zeitlang während der 1990er Jahre.

Was wir also heute erleben, ist also nichts historisch Einmaliges, sondern geschieht – wie gesagt – ungefähr in etwa der Hälfte der Fälle. Es ist also eher der Normalfall, dass man mit Tagesgeld real (also nach Inflation) einen Verlust hat.

Auf der anderen Seite ist es aber doch ein Unterschied zwischen

  • nominal geringfügigen Wertzuwachs, der aber nach Inflation ein Verlust ist, und
  • einem „echten“ nominalen Verlust.

Was meine ich damit? – Wenn ich beispielsweise 10000 Euro auf ein Tagesgeldkonto lege, und dann am Ende 10.050 Euro habe, dann habe ich ja nominal keinen Verlust gemacht. Es bedarf schon einer (meinetwegen geringen) Geistesleistung, um sich klar zu machen, dass die 10.050 Euro nach einem Jahr verglichen mit dem Geldwert von vor einem Jahr eigentlich nur noch 9950 Euro wert sind. Man also real 100 Euro Verlust gemacht hat.

Wer aus dieser Motivation heraus in risikoreiche Investments anlegt, sollte bedenken, dass es – sagen wir mal – bei Aktien ohne weiteres vorkommen kann, dass man mit 10.000 Euro startet und am Ende nur noch (nominal) 8.000 Euro hat. Weil eben der Aktienmarkt 20% Verlust erlitten hat.

Was ich sagen will ist folgendes: Wer sich über das Minus nach Inflation bei Tagesgeld beschwert, sollte sich vor Augen führen, dass man bei fast allen (risikoreicheren) Anlageformen sehr leicht sogar nominal viel größere Verlust erleiden kann.

Anders formuliert: Die leicht negative Realverzinsung sollte für einen rationalen Geldanleger für sich genommen noch kein Argument sein, in risikoreiche Investments zu gehen.

Die eigentliche rationale Frage lautet nämlich NICHT: „Wie lege ich mein Geld mit möglichst hoher Rendite an?“ sondern:

  • Welche Renditen benötige ich, um meine Anlageziele zu erreichen?

Das Problem ist nur, dass sich – meiner Erfahrung nach – die meisten Anleger keine wirklichen Gedanken über ihre Anlageziele machen. In meiner Beratungspraxis beschäftige ich mich in der Regel im ersten Teil des Gesprächs sehr lange damit, um mit dem Anleger zusammen seine Anlageziele zu klären. Interessanterweise ist das fast immer die Hauptarbeit des Beratungsgesprächs.

Und sobald diese Ziele geklärt sind, ist es wirklich erstaunlich, wie viele Anleger dann zu der Erkenntnis gelangen, dass ihnen eine Nominalrendite von 0,5 oder sogar 0,0 Prozent genügt, um ihre Ziele zu erreichen. Die Inflation ist dabei selbstverständlich bereits berücksichtigt.

Die Frage ist also: Warum sollte ein Anleger, der – um seine Anlageziele zu erreichen – gut mit einer Rendite von 0,5% zurechtkommt, in Anlageformen gehen, die zwar (sagen wir) 5% Rendite versprechen, aber eben auch mit entsprechend hohen Verlustrisiken behaftet sind?

Tatsächlich sind viele Anleger in der Situation wie ein Bogenschütze, dessen Zielscheibe gerade zwei Meter entfernt steht. Sie können eigentlich nichts falsch machen. Weil ihnen das aber zu einfach erscheint, meinen sie vor dem Schuss noch eine Pirouette machen zu müssen – und schießen prompt daneben.

Und genauso gehen viele Anleger vollkommen unnötige Risiken ein, mit dem Ergebnis, dass sie ihr – eigentlich sehr leicht zu erreichendes – Anlageziel verfehlen. Und das ist bemerkenswert oft dadurch veranlasst, dass man sich dadurch beeinflussen lässt, das gerade so in den Medien verbreitet wird. was gerade „alle“ so sagen und meinen. Und gerade meinen „alle“, dass Tagesgeld nichts ist. Aber wie gesagt, sollte man das selbst rational für sich prüfen, bevor man unbedacht in Risiken rennt, die man eigentlich nicht braucht.

 

2 Antworten
  1. Thinking
    Thinking says:

    Die Inflationsrate lag am 13.8.2014 bei 0,8%. Somit müsste man ein Tagesgeldkonto mit 1,1% Zinsen haben, um nach Abzug der Abgeltungssteuer kein Geld zu verlieren. Aktuell werden diese Konditionen nur Neukunden, von ausländischen Banken mit gedeckelter Einlagensicherung und mit einer (relativ) geringen maximalen Anlagesumme angeboten. Ich sehe nur die Möglichkeit, Konten zu kündigen und als Neukunde wieder bei einer anderen Bank anzulegen. D.h. regelmäßiges Postident-Verfahren und jeweilige Neueinrichtung des Kontos im Internet.

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    • Peterreins
      Peterreins says:

      Die Rendite bei Tagesgeld mag real – nach Inflation gerechnet – negativ sein. Nominal wird man hier aber keine Verluste haben und es handelt sich hier um die mit Abstand sicherste Anlageform, die es gibt. Wenn ein Anleger keine höheren Renditen braucht, um seine Anlageziele zu erreichen, und ruhig schlafen möchte, ist Tagesgeld die vernünftigste Option – trotz der realen Negativ-Renditen.
      Mich wundert es ein wenig, dass gerade zur Zeit so viel Aufhebens um die Negativrenditen beim Tagesgeld gemacht wird. Nehmen wir als Beispiel das Jahr 1980. Damals bekam man fürs Tagesgeld 9%. Damals, so scheint es, waren alle damit zufrieden. Dabei war die Negativrendite- nüchtern durchgerchnet- größer als heute. Denn die Inflation lag damals bei 8% und Tagesgeldzinsen sind ja noch zu versteuern. Nach Steuerabzug lagen die Tagesgeldzinsen etwa bei 6%. Das ergibt eine reale Negativrendite von etwa 2%. Also höher also die momentanen Negativrenditen. Der Unterschied ist, dass es damals keinen gekümmert hat, und heute ist es eine große Sache. So oder so ist und bleibt Tagesgeld die mit Abstand sicherste Anlageform. Man muss sich überlegen, was die Alternativen sind. Ja, es gibt Anlageformen, die höhere Zielrenditen versprechen – aber natürlich verbunden mit Risiken. Und da kann es auch mal vorkommen, dass man nicht nur real sondern auch nominal ins Minus kommt. Und das ist doch deutlich unangenehmer, als eine Nominalrendite von (sagen wir) +0,8%, die man durch eine Rechenaktion in ein Minus vewandelt.

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