Die meisten meinen: So wie es war, wird es weitergehen

Ich finde es sehr interessant, wenn man sich mit der Stimmungslage beschäftigt, die Ende der 1990er-Jahre vorherrschte. Sehr gut beispielsweise dargestellt in Alan Greenspans Autobiografie: Mein Leben für die Wirtschaft.

Damals glaubten die Leute, dass eine Art neues Zeitalter angeborchen sein. Die Gefahr einer Inflation schien nachhaltig gebannt, die Wirtschaft wuchs und wuchs und wuchs (in Amerika z.B. mit unglaublichen 4% pro Jahr) und die Aktienkurse schienen nur noch eine Richtung zu kennen, nämlich nach oben. Selbst solche Rückshcläge wie die Mexikokrise 1995 oder die Asien- und Russlandkriese 1998 schienen nur kleine Täler auf dem Weg nach oben zu sein.

Ich persönlich kann mich noch sehr gut an die Gefühlslage damals erinnern. Alle möglichen Leute fingen plötzlich an, mit Aktien zu spekulieren. Manchmal sogar auf Pump. Wer nicht in Aktien ging, galt als unbelehrbar, dumm und rückständig. In den Bücherläden fand man Ratgeber, wie man möglichst schnell mit Aktiengeschäften reich wird.

Wie vollständig anders ist heute die Stimmung. Wenn man mit den Leuten spricht, dann reden sie davon, dass selbstverständlich alles noch schlimmer wird, als es heute bereits ist. Die vermuteten Horrorszenarien überschlagen sich förmlich. Manche raten allen Ernstes, Konserven zu horten oder sich ein Stück Ackerland zu besorgen. Bestseller sind derzeit solche Bücher, die genau solche Ängste bedienen: Hyperinflation, Währungsreform, große Bank- und Staatspleiten, das Ende des Abendlandes, etc. etc.

Damals wie heute schloss die Mehrheit der Leute von der Entwicklung der unmittelbaren Vergangenheit (2-3 Jahre) auf die Zukunft. Das was man Ende der 1990-er Jahre durchschritten hatte, war eine weitgehend „heile“ Welt, also dachte man, dass es so weitergeht. Das, was wir die letzten Jahre erlebt haben, war Kapitalmarkt-Chaos und Horror, also denken die Leute, so wird es weitergehen. Ganz einfach.

Stattdessen ist es mehr als offensichtlich. Wirtschaft wie Börse durchschreiten schlechte Jahre und gute Jahre – im Wechsel. Irgendwann, das ist mehr als klar, werden wieder alle jubilieren, die düsteren Zeiten von heute werden vergessen sein und man wird wieder ein neues, glückliches Zeitalter ausrufen (das aber dann leider auch nur ein paar Jahre so sein wird).

4 Antworten
  1. TÜLAI
    TÜLAI says:

    „Stattdessen ist es mehr als offensichtlich. Wirtschaft wie Börse durchschreiten schlechte Jahre und gute Jahre – im Wechsel. Irgendwann, das ist mehr als klar, werden wieder alle jubilieren, die düsteren Zeiten von heute werden vergessen sein und man wird wieder ein neues, glückliches Zeitalter ausrufen (das aber dann leider auch nur ein paar Jahre so sein wird).“
    Wenn Sie Ihre eigenen Überzeugungen befolgten, dürften Sie so etwas nicht schreiben.

    Ihrer Überzeugung nach dürfe man nicht von der Vergangenheit auf die Zukunft beziehungsweise auf eine gleichförmige Fortsetzung der Gegenwart schließen. Genau das tun Sie jedoch selber.

    Sie schließen von einer sehr fest zyklischen Vergangenheit bei Wertpapierpreisen auf eine ebenso fest zyklisch verlaufende Zukunft bei Wertpapierpreisen.
    Ihrer Meinung nach verbessert aber die Betrachtung längerer Zeiträume die Basis für Zukunftsprognosen nicht.

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    • Peterreins
      Peterreins says:

      Ja, Sie haben recht. Streng genommen widerspreche ich mir hier selbst. Und ja, es ist prinzipiell natürlich denkbar, dass sich ein Zyklus einmal nicht wiederholt oder es sehr lange dauert, bis die Erholung wieder da ist. Ein Beispiel sind russische Aktien vor 1914. Die sind abgestürzt und haben sich im Prinzip nie wieder erholt.

      In einem Punkt will ich aber nicht missverstanden werden. Ich liebe die Beschäftigung mit der Geschichte und ich glaube durchaus, dass man etwas aus dem Studium der Geschichte lernen kann. Man darf nur nicht meinen, allgemeingültige und notwendige Gesetzmäßigkeiten finden zu können. Daran glaube ich überhaupt nicht. Und genau solche Verabsolutierungen versuche ich zu bekämpfen, wenn ich sage, man darf nicht von der Vergangenheit auf die Zukunft schließen.

      Gerade in der Finanzbranche gibt es immer wieder Leute, die sich die Entwicklung über ein paar Jahre angesehen haben, und dann zu der Aussage kommen: „So und so muss es weitergehen“. Wenn man fragt, wie sie zu diesem „muss“ kommen, dann sagen sie: „So war das schon immer wieder in der Vergangenheit, also wird es in Zukunft auch so sein.“

      Solche Allgemeinaussagen, vorgetragen mit dem Impetus der Notwendigkeit, halte ich für falsch. Korrekt halte ich aber Aussagen von folgender Form:
      „In der Vergangenheit gab es schon einmal Entwicklungen, die so und so waren.“ (eine Existenzaussage)
      „In der Vergangenheit ist das und das schon sehr häufig so und so passiert, ich halte es für wahrscheinlich, dass unsere aktuelle Situation ähnlich weitergehen wird.“ (Häufigkeitsaussage mit einer subjektiven Einschätzung).

      Genau letzteres wollte ich machen. Ich behaupte keine Notwendigkeit. Ich will auch keine allgemeingültige Aussage aufstellen. Ich will aber sagen, dass es in der Vergangenheit schon sehr, sehr häufig sehr düstere Situationen gab, die sich dann unerwarteter Weise zum Positiven entwickelt haben. Das ist ein historische, unbestreitbare Tatsache (die allerdings sehr viele heute einfach vergessen haben). Und ich gebe meine persönliche, subjektive Einschätzung, dass sich auch diesmal am Ende die Dinge wieder zum Positiven wenden werden (wobei ich zugebe, daneben liegen zu können). Und ich sage auch: Wenn wir in ein paar Jahren wieder alles schön haben und nur noch Optimisten herumlaufen (wie heute nur noch Pessimisten), dann wird es auch irgendwann mal wieder in die andere, negative Richtung gehen. Vielleicht täusche ich mich da, und ich kann auch nicht sagen, wie das genau und in welchem Zeitrahmen abläuft – dass das aber so in dieser Weise in etwa ablaufen wird, ja, da bin ich mir sehr, sehr sicher (ohne es beweisen zu können).

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  2. Klardenker
    Klardenker says:

    Dass man aus der Vergangenheit lernen und sich Vergangenheit durchaus wiederholen kann, dürfte unumstritten sein. Verknüpft man dieses Wissen mit dem gesunden Menschenverstand, so sollte sich hoffentlich ein relativ gutes Ergebnis einstellen.

    Beispiel: Die Aktienrendite vom Erwartunswert 7-8% p.a. kann man sich so erklären, dass darin 2-3% Produktivitätsfortschritt, eine gewisse Preissteigerung von 3% und ein gewisser Risikoaufschlag von 2% enthalten sind. Die Entwicklung des MSCI World bis 1980 hat p.a. im Schnitt genau diese 7-8% hervorgebracht. Schaut man sich die Entwicklung des MSCI Word von 1980 bis Ende der 90er an, so wurde in diesen Jahren eine durchschnittliche Rendite von 15-16% p.a. erzielt. Ein Wert der sämtliche wirtschaftliche Vernunft von Wachstum und Wachstumsgrenzen ad absurdum geführt hat. Es sei dahingestellt, woher dieser Effekt letztlich herrührte (Anstieg Geldmenge, erlaubter Derivatehandel, etc.). Meiner Meinung nach, sehen wir in der Entwicklung der letzten 10 Jahre („verlorene Dekade am Aktienmarkt“) genau die Korrektur dieser Übertreibung. Wer weiß, ob diese Korrektur noch weitere 5 Jahre andauert (immer mit Höhen und Tiefen wie zwischen 1980 und 2000, aber mit Trend nach unten)? Reverse to de mean, Rückkehr zum Mittelwert liegt dem Naturgesetz am nächsten. Warum sollte dies nicht auch für den Aktienmarkt gelten. Dieses Niveau haben wir aber leider noch nicht erreicht (unabhängig von Staatsschuldenkrise und co.).

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  3. TÜLAI
    TÜLAI says:

    Robert von Heusinger ist in seinem Kommentar vom 10.08.2011 unzuversichtlich:

    „Nun beginnen die Aktionäre zu begreifen: die fetten Zeiten sind vorbei – …
    …. Stürzende Aktienkurse verunsichern die Firmenchefs stärker als fallende italienische Anleihekurse. Und unsichere Chefs trauen sich die Investitionen nicht mehr zu, die gestern noch beschlossene Sache waren. So gerät die Realwirtschaft, geraten Jobs und Wachstum, in Mitleidenschaft.
    … Woher soll das Wachstum, das Elixier des Kapitalismus, kommen, wenn nicht aus den Investitionen der in Geld schwimmenden Unternehmen? Sie könnten sich als einziger volkswirtschaftlicher Sektor noch verschulden und durch ihre Investitionen das Wachstum auf Trab halten. Überschuldete Verbraucher, die vor der Krise das Wachstum befeuert haben, und überschuldete Staaten, die in der Krise den totalen Zusammenbruch vermieden haben, sind am Ende. Doch die Unternehmer haben bereits vor dem Absturz der Kurse zu wenig investiert, da ihre Renditevorstellungen abstrus hoch sind. So gerät das System aber an sein Ende.
    … Die Rekord-Gewinne sind Geschichte, zweistellige Renditen ebenfalls. Es endet eine Epoche, die Ende der 70er-Jahre begann.“

    http://www.fr-online.de/politik/meinung/ende-einer-boersen-aera/-/1472602/8879880/-/index.html
    – – – – – – – – – – – – – – – – –

    Meiner Einschätzung nach spielen der BRD seit etwa 20 Jahren für wachsende Bevölkerungsanteile die Preisentwicklungen von Wertpapieren und anderen Vermögenswerten keine Rolle, weil ihre realen Arbeitskommen nicht ausreichen, um nennenswerte Sparguthaben zu bilden.
    http://www.jjahnke.net/rundbr85.html#2457

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