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Prognosen sind schwer …

… vor allem wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Dieses Bonmot wird Mark Twain zugeschrieben.

In der Süddeutschen Zeitung vom 30.01.2017 wird das Buch „Geschichte der Zukunft“ des Historikers Joachim Radkau vorgestellt. Darin geht es darum, wie sich im Laufe der Zeit die Vorstellung von der Zukunft gewandelt hat. Wenn nämlich ein Historiker die Menschen in ihrer Zeit verstehen will, dann gehört dazu auch, welches Bild von der Zukunft sich die Menschen damals gemacht haben.

Beschäftigt man sich aber damit, welche Vorstellungen von der Zukunft die Menschen früher hatten, dann sticht vor allem eines ins Auge: wie häufig sich die Menschen über die Zukunft getäuscht haben. In der SZ steht:

„Egal auf welche Zukunftsprognosen man blickt: Man sieht nur Irrtümer. Das Wirtschaftswunder sehen Politiker und Ökonomen ebenso wenig vorher wie die Wiedervereinigung, die Ölkrise, die 68er-Bewegung. Stattdessen hielt man es in den Sechzigern für wahrscheinlich, dass Menschen bald Bergwerke auf dem Mond betreiben und einen Großteil ihrer Nahrung in Tablettenform zu sich nehmen.“

Das Problem ist nur, dass man sehr schnell die falschen Prognosen wieder vergisst. Und im Nachhinein meint, die vergangene Entwicklung sei immer klar gewesen und wäre mit einer Art inneren Notwendigkeit geschehen.

Gerade im Finanzbereich begegnet man erstens einer überbordenden Fülle an Fehlprognosen, und zweitens den nicht klein zu kriegenden Glauben, dass sich die Kapitalmärkte gemäß einer gewissen Gesetzmäßigkeit verhalten würden (und daher – sofern man diese Gesetzmäßigkeit nur kennt – alles vorhersehbar ist).

Noch vor ein paar Jahren traf ich auf Leute, die der festen Überzeugung waren, der Ölpreise können nur steigen. Dass er zwischenzeitlich um etwa die Hälfte fällt (wie geschehen), war für sie völlig undenkbar.

Die permanenten falschen Zukunftserwartungen im Finanzbereich sind wirklich bemerkenswert. Fast noch bemerkenswerter aber ist, wie wenig diese Irrtümer zur Kenntnis genommen werden. Normalerweise geht man ja davon aus, dass die Menschheit mit der Zeit schlauer wird und aus ihren Fehlern lernt. Viele Anleger oder Anlageberater scheinen aber über Jahrzehnte hinweg nichts dazuzulernen.

Warum ist das so? Weil Kapitalmarktprognosen vor allem einem Zweck dienen: Sie stellen ein Marketing-Instrument für Finanzdienstleister dar. Sie dienen eben größtenteils NICHT einer Renditeverbesserung der betreuten Vermögen. Nein, Prognosen helfen dem Finanzdienstleister, potenzielle Kunden auf sich aufmerkasm zu machen.

Man schaue hierauf Internet-Anzeigen an mit dem Inhalt „Der Euro bricht bald zusammen – retten Sie Ihr Vermögen“ oder ähnlich. Die Idee ist, dass man eine gerade verängstigte Klientel anspricht, die sich dann (hoffentlich) meldet und denen man dann für teures Geld seine Heilsideen verkaufen kann.

Oder wenn im Fernseher Bankenvertreter anscheinend klug daherreden und schlau analysieren, warum was geschehen wird. Es geht doch letztlich nur darum, einen Interviewtermin im Fernsehen zu bekommen, auf diese Weise aufzufallen, kompetent zu erscheinen, um so mögliche Neukunden zu gewinnen.

Marketing. Nichts als Marketing.

Das merken die Kunden spätestens dann, wenn sie ein paar Jahre auf die Prognosen eines Finanzdienstleisters vertraut haben und gemerkt haben, dass die Performance Ihrer Wertpapierdepots nicht besser war, als hätten sie darauf verzichtet.

Wie würde man aus den Fehlern lernen?

Antwort: Indem man sich Anlagestrategien überlegt, die unabhängig von Prognosen funktionieren.

 

1 Antwort
  1. Karl Napf
    Karl Napf says:

    Wie überlegt man sich eine Anlagestrategie, die unabhängig von Prognosen ausgeht, wenn der Wert eines Investments zwingend davon abhängt, ob ein Unternehmen sein aktuelles Gewinnwachstum pro Aktie in der Zukunft halten kann oder nicht? Denn dies (u. a.) ist in der aktuellen Bewertung der jeweiligen Aktie eingepreist.
    Meiner Meinung nach kommt man um (eigene) Prognosen nicht herum – insbesondere um Prognosen, die von der allgemeinen Marktmeinung abweichen. Denn wenn man keine eigene Meinung hat, dann macht es keinen Sinn, etwas anderes als „den Markt“ (in Form von weltweit diversifizierten ETFs) zu kaufen.

    Eine eigene (und vor allem faktenbasierte!) Meinung hilft übrigens auch dabei, nicht auf Verlockungen aus dem Haus „Angst & Gier“ hereinzufallen.
    Beispielsweise kann man sich die Aktienmarktrendite der letzten 30-40 Jahre ansehen, diese mit dem in dem entsprechenden Zeitraum stark gesunkenen weltweiten Zinsniveau vergleichen (das zu einer deutlichen Steigerung der Aktienbewertungen in diesem Zeitraum geführt hat) und sich dann überlegen, wie um alles in der Welt man in der Zukunft bei Zinsen, deren jährliche Höhe nicht noch einmal um 20 (USA) bzw. 8 (Deutschland) Prozentpunkte sinken kann (ob die Zinsen sogar spürbar steigen könnten, will ich gar nicht beantworten), dieselbe Rendite ein weiteres Mal verdienen können soll. Jede „Strategie“, die mehr verspricht als 8% p.a., muss sich diese Frage gefallen lassen und eine plausible Antwort darauf liefern – wobei diese Antwort insbesondere den Aspekt „endliches physikalisches Wachstum auf unserem Planeten“ berücksichtigen muss (was einen Einfluss auf die Branchenauswahl der Strategie haben sollte).

    Bei den „Prognosen“ der „Experten“ gehe ich eher davon aus, dass diese das Gegenteil dessen „vorhersagen“, was sie glauben, weil sie (cui bono?) ja dumm wären, sich mit denjenigen Aktien, die nach ihrer Aussage steigen sollen, nicht vorher vollgesaugt zu haben.
    Veröffentlichte Kursziele sind also eher eine Art „Deutschland sucht das Super-Milchmädchen“, bei welchem der Frontrunner seine „Zukunftswerte“ zu saftigen Preisen („dieser Kurs enthält viel Fantasie…“) abladen kann.

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