Indexfonds sind Weltspitze – ein Sieg der Vernunft?

Jeder der mein Weblog verfolgt, weiß, dass ich ein Anhänger von Indexfonds (ETFs) bin. Dennoch bin ich offen für Kritik. Nachfolgend ein Beitrag von Tom Brankamp aus Düsseldorf:

>>Ende Oktober 2013 ist der Gipfel erreicht: Der Vanguard Total Stock Market Index Fund steigt mit einem Fondsvermögen von über 251 Milliarden Dollar zum größten Fonds der Welt auf. Der langjährige Marktführer Pimco Total Return Fonds ist abgehängt.

Für John C. Bogle dürften damit im Alter von 84 Jahren die kühnsten Träume wahr geworden sein. Geboren im Krisenjahr 1929, gründete Bogle 1974 die Vanguard Group. Kerngeschäft seines Unternehmens ist ein damals noch unbekanntes Produkt: der Indexfonds.

Doch die Schar der Anhänger wächst stetig, die Nische wird bald zu einem Milliarden-Geschäft. Selbst Warren Buffet erklärt schließlich: „Ein kostengünstiger Indexfonds ist für die große Mehrzahl der Anleger die klügste Aktieninvestition.“

Ein Sieg der Vernunft also? Manches spricht dafür, denn das Konzept der Indexfonds und ihrer Verwandten, der börsengehandelten ETF, ist einfach und bewährt. Das Prinzip: Ein Index wie z.B. der S&P 500 wird exakt nachgebildet, gekauft werden also alle 500 Einzeltitel, prozentual gewichtet nach ihrem jeweiligen Index-Anteil.

Da aufwändige Analysen für das Fondsmanagement entfallen, sind Indexfonds und ETF deutlich günstiger in der Anschaffung und bei den laufenden Gebühren als ihre Wettbewerber. Diesen Kostenvorteil können auf Dauer nur die wenigsten Fonds mit aktiven Managern, die Wertpapiere nach ihren eigenen Maßstäben bewerten, kaufen und verkaufen, wieder wettmachen.

Denn: Die Märkte – so jedenfalls die Theorie – sind effizient und preisbildende Informationen bereits in den Kursen berücksichtigt, so dass Schnäppchen kaum zu finden sind. Und bei den Managern, die es doch einmal schaffen, stellt sich sogleich die Frage: Hätte man sie (vorab) überhaupt identifizieren können? Und war es wirklich Können oder doch nur purer Zufall?

Dennoch: Der Gipfelsturm sollte vorsichtige Anleger nachdenklich stimmen und Anlass sein, das Konzept von Indexfonds und ETF zu hinterfragen. Ist es an den Finanzmärkten nicht immer so, dass eine Theorie nur so lange stimmt, wie sie nicht allgemein akzeptiert wird? Oder um es mit Nobelpreisträger Paul Samuelson zu sagen: „Denken Sie darüber nach, ob sich diese Philosophie der Vernunft eines Tages selbst zerstören wird, wenn jedermann Siegels Leser nachahmt.“ (Zitiert nach Jeremy Siegel: Überlegen investieren. München, 2008. S. 12.)

Jeremy Siegel, Autor des Klassikers „Langfristig investieren“, ist der Aufforderung seines Mentors jedenfalls nachgekommen. Ein Ergebnis seiner Untersuchungen: Indexfonds oder ETF, die nicht den Gesamtmarkt abbilden, haben mindestens einen Schwachpunkt. Bei jeder Anpassung bzw. Neuaufnahme einer Aktie in den jeweiligen Index treibt dies schon im Vorfeld die Kurse der betroffenen Unternehmen nach oben – und genau das „vermindert die Rendite indexorientierter Anleger.“ (Ebd. S. 44.)

Ein zweites Problem bei Indexfonds und ETF (jedenfalls bei solchen, die sich an der Marktkapitalisierung orientieren, wie etwa die gängigen DAX-ETF) besteht in der (immanent) prozyklischen Anlagestrategie. Andreas Beck, Vorstand des Instituts für Vermögensaufbau in München, brachte es vor wenigen Tagen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1. November, Seite 23) auf den Punkt: „Was am teuersten ist, wird am höchsten gewichtet.“ Sein Schluss daher: „Es darf (…) als gesichert gelten, dass die Indexkonstruktion über Marktkapitalisierung mit der Konzentration auf die gerade teuersten Unternehmen keine optimale Anlagestrategie ist.“

Ein drittes Argument knüpft an dem Gedanken von Samuelson an. Wie viel Indexfonds- bzw. ETF-Anleger hält der Markt überhaupt aus? Und vor allem: Welche Renditen sind dann noch zu erwarten? Sieben Prozent Rendite bedeuten z.B. eine Verdopplung des Kapitals alle zehn Jahre, das entspricht einer Rendite von etwa 660 % [von Dr. Peterreins korrigiert] nach dreißig Jahren, einem nicht unüblichen Anlagehorizont. Und tatsächlich haben ja die großen Aktienindizes der Welt in der Vergangenheit locker mit dieser Rate jährlich zugelegt.

Aber dürfen wir wirklich darauf hoffen, dass die Märkte eine solche wundersame Vermögensvermehrung auch dann noch gestatten würden, wenn wirklich alle daran teilhaben wollten? Dass aus der grauen Theorie die goldene Praxis für alle wird? Zweifel sind jedenfalls angebracht.<<

10 Antworten
  1. Wolfgang Kasberger
    Wolfgang Kasberger says:

    Soll es nicht heißen, 300% in 30 Jahren ist eine jährliche Wert/Zinsentwicklung von 4,73% ? Bei 7% p.a. wären es 661% nach 30 Jahren.

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  2. Christoph
    Christoph says:

    Ein netter Artikel zu der Frage, wie groß der Anteil aktiver Investoren bleiben muss, damit der Markt halbwegs effizient bleibt. Vermutlich wird es darauf so schnell keine brauchbare Antwort geben.
    Eine Frage: wenn sich Kapital alle 10 Jahre verdoppelt, wie kommen Sie dann nach 30 Jahren auf 300 Prozent? Sollten es nicht 700 Prozent sein – weil sich der Betrag verachtfacht?
    MfG Christoph Lauble

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  3. Christian
    Christian says:

    mMn. ist der artikel keine Kritik bzw. bestätigt trotz Kritik, warum Privatanleger mit etfs wahrscheinlich besser fahren: „Und bei den Managern, die es doch einmal schaffen [den markt zu schlagen], stellt sich sogleich die Frage: Hätte man sie (vorab) überhaupt identifizieren können? Und war es wirklich Können oder doch nur purer Zufall?“
    zur 1. frage: hätte man nicht
    zur 2.: weiss man nicht
    etfs sind kostengünstig und liefern was sie versprechen. mit einem aktiven fonds kaufe ich die chance einer überrendite und die gefahr einer unterrendite mit kosten, die (abgesehen von ev. zusätzlichen performance-fees) unabhängig vom tatsächlichen Ergebnis sind.

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  4. Rolf
    Rolf says:

    Vielen Dank für den guten Artikel. Die geschilderten Nachteile von Indexfonds geben Anlass, über Produkte nachzudenken, die um diese Schwachstellen bereinigt sind. Stichtwort: enhanced Indexfonds.

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  5. Gerry
    Gerry says:

    Aktive Investoren wird es immer genügend geben.

    Gier, Überschätzung der eigenen Fähigkeiten und mangelnde Mathematikkenntnisse gab es schon immer und wird es – sehr wahrscheinlich – auch in Zukunft noch geben.

    Lotterien, Casinos und diverse andere Wettbetreiber können sich über mangelnde Umsätze nicht beklagen. Und das obwohl die geringe Wahrscheinlichkeit eines hohen Gewinns nicht erst seit gestern bekannt ist.

    Oder wie Kostolany das so treffend formuliert hat: Der Homo Ludens schläft nie…

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  6. CyberH
    CyberH says:

    Ein interessanter Artikel. Was ich noch an das genannte dritte Argument anmerken, bzw. eine weiteres Thema in den Raum werfen, möchte: Wenn mehr Gelder in ETFs auf große Standard-Indizies gehen würde es m.M.n. nach auch Möglichkeiten für aktive Investoren geben, dies zum Vorteil für die eigene Spekulation zu nutzen, da einzelne Bestandteile der Indizies mit einem gewissen Verhältnis steigen/fallen werden. Hier wäre v.A. profesionelle Marktteilnehmer im Vorteil, die über ihre eigenen IT-Infrastrukturen Research betreiben, in was Gelder fiessen/abfliessen.

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    • Peterreins
      Peterreins says:

      Das glaube ich, ehrlich gesagt, nicht. Ich wüsste nicht, wie aktive Manager einen Vorteil daraus ziehen könnten, dass besonders viel Geld in ETFs steckt. Und wenn es so wäre, dass man auf diese Weise -sicher- einen Mehrertrag erwirtschaften könnte, dann würden das immer mehr aktive Manager machen. Das würde aber dem Effekt zuwiderlaufen, so dass er sich nach und nach verflüchtigen würde.

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  7. CyberH
    CyberH says:

    Moeglicherweise ist meine Idee/Vorstellung tatsächlich einfach bei Seite zu räumen. Grundgedanke ist nicht zu wissen, dass allgemein viel Geld in ETFs ab/fließt. Sondern wann in welche Märkte (einzelne ETFs) Gelder strömen. Anhand der jeweilig aktuellen Betafaktoren müsste sich dann, sehr vereinfacht modelliert, durch entsprechende Short/Long-Positionen auf diese selektierten Aktien ein Mehrertrag mit ausgewählten Aktien erzielen lassen. Bezweifle, dass sehr eine größere Menge von aktiven Investoren tatsächlich Zugriff auf Datenmaterial hat, wann welche Käufe/Verkäufe getätigt werden. Große Investmentbanken haben hier durch Ihre technische Infrastruktur und ausgefeilte Analysemethoden (letztlich auch Kapital um Daten zu kaufen) einen bedeutenden Vorteil.
    Letztlich ist das eine größere eher gröbere Spekulation von mir, da mir tatsächlich der Einblick in die Möglichkeiten eines großen institutionellen Investors bislang gefehlt hat. Verschwörungstheorien möchte ich aber keinesfalls entwickeln 😉

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    • Peterreins
      Peterreins says:

      Vielleicht haben Sie ja mit Ihren Gedanken recht. Ich für meinen Teil glaube nicht, dass hier ein Mehrertrag systematisch generierbar ist. Und wenn er generierbar wäre, wie gesagt, denn genügen ein paar große Player, die auf dieselbe Idee kommen, um dann aber wieder die Arbitragemöglichkeiten gegen Null fahren zu lassen.

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