Götterdämmerung und Euro-Krise

Ich habe gestern die Oper „Götterdämmerung“ von Richard Wagner besucht. Die Inszenierung, die Musik, die Sänger – alles hat mir sehr gut gefallen. Einen kleinen Wermutstropfen gab es aber für mich doch. Das Bühnenbild suggerierte nämlich den Zusammenhang: „Götterdämmerung“ = Euro-Krise.

Ich musste lang darüber nachdenken, warum mich diese Assoziation störte. Vielleicht stört mich ganz einfach der krampfhafte Versuch, eine Oper, die vor etwa 140 Jahren geschrieben wurde, mit branntheißer Aktualität versehen zu wollen…

Vielleicht ist es aber auch das Gefühl, dass hier einfach etwas stupide nachgeplappert wird. Naja, alle Welt redet gerade vom Euro-Crash, dann kann man das ja auch in eine Oper integrieren, in der es um Untergang eines gesellschaftlichen Systems geht. Ja, das ist naheliegend, ich gebe es zu. Was mich aber stört ist: dass es vielleicht zu naheliegend ist. Diese Assozitiation ist einfach zu banal, zu billig. Wenn man so will, so ganz ohne Witz und Geist. Einfach nachgeplappert, ohne eigenständige Reflektion.

Muss man als Regisseur einfach eine allgemeine Stimmungslage aufnehmen, um sie dann mit Gewalt in eine Wagner-Oper zu pressen? Der Punkt ist, dass durch ein solches Wiederkäuen nichts gewonnen ist. Keine neue Erkenntnis für das Publikum, sondern eigentlich: gähnende Langeweile. „Ach ja, das unendlich breitgetretene und ausgelutschte Euro-Thema. Darüber sprechen seit vielen Monaten alle möglichen Leute, die sich mehr oder weniger dazu berufen fühlen. Jetzt halt auch in der Oper.“

Das Ganze ist aber auch ein Beispiel dafür, wie sich eine allgemeine Stimmungslage durch Rückkoppelung gleichsam hochschaukelt. Irgendjemand fängt einmal an, von „Euro-Krise“ oder „Euro-Crash“ zu sprechen. Irgendwie lösen diese Worte bei anderen einen gewissen Wiederhall der dumpfer Gefühle aus. „Ja, dieses Gefühl hatte ich von Anfang an, dass mit dem Euro irgendwetwas nicht stimmt.“ oder „Das konnte ja nicht gut gehen, wenn Deutschland sich mit den Südländern zusammentut.“ oder „Die EU ist mir sowieso suspekt.“

An dieser Stelle spielen sachliche Argumente schon gar keine Rolle mehr. Es ist belanglos, dass wir im eigentlichen Sinne bis zuletzt gar keine Währungskrise hatten (wie ja die Schlagworte „Euro-Krise“ oder „Euro-Crash“ suggerieren), sondern – eine europäische Staatschuldenkrise. Nicht der Euro als Währung ist oder war das Problem, sondern die Überschuldung einzelner Staaten. Und es war eine Schlussfolgerung – die richtig oder falsch sein kann – dass aus der Staatsschuldenkrise möglicherweise eine Währungskrise werden könnte. Möglicherweise!

Aber flugs wird in der allgemeinen Stimmung dieses „Möglicherweise“ mit den Tatsachen verwechselt. Und nicht nur das. Es wird so lange über „Euro-Krise“ und „Euro-Crash“ geredet, fabuliert und diskutiert, bis so gut wie jeder daran glaubt. Aber dieser Glaube oder diese allgemeine Stimmungslage kann nichts an den harten Fakten ändern. Eben dass wir faktisch keine Währungskrise haben. Man schaue sich doch zum Vergleich echte Währungskrisen an.

Und am Ende kommt dann die Oper, nimmt diese allgemeine, dumpfe und unreflektierte Stimmungslage auf, und plötzlich ist Wagners Götterdämmerung die Euro-Krise. Wie schön, dass man sich hier in seinen dumpfen Ängsten bestätigt sehen kann (wer sie denn im Zusammenhang mit der angeblichen „Euro-Krise“ hat) . Aber originell ist eine solche Assoziation nicht.

 

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