Wie Schneeballsysteme funktionieren

Wie ein Schneeballsystem funktioniertEine der ältesten Betrugsmaschen ist das sog. Schneeballsystem. Dieses System ist so alt, dass ich es mehr als erstaunlich finde, dass immer noch viele Menschen darauf reinfallen. Immerhin werden bemerkenswert häufig fragwürdige Angebote aus der Taufe gehoben, die letztlich nichts anderes als ein Schneeballsystem sind.

Was wenige wissen, ist, dass ein früher und spektakulärer Fall eines Schneeballsystems aus Bayern stammt. Adele Spitzeder gründete 1869 die Spitzedersche Privatbank. Sitz dieser Bank war die Dachauer Straße in München, weshalb sie auch Dachauer Bank genannt wurde.

Das Geschäftsmodell von Adele Spitzeder war wie folgt: Sie versprach Anlegern 10% Zinsen auf ihre Einlagen – pro Monat. Die ersten Anleger, die ihr zaghaft vertrauten, erhielten tatsächlich jeden Monat 10 % ausgezahlt. Daraufhin sprach sich schnell rum, erstens welche hohe Zinsen Frau Spitzeder verspricht und zweitens dass sie die Zinsen bisher auch tatsächlich immer gezahlt hat.

Anleger schließen von der Vergangenheit auf die Zukunft

Anleger ticken nämlich so: Sie schließen von der Vergangenheit auf die Zukunft. Das Argument ist: Wenn Frau Spitzeder bisher immer die versprochenen Zinsen bezahlt hat, dann wird sie es auch künftig tun.

Diesen Schluss machen viele Anleger ständig. Gold wird gekauft, weil der Goldpreis die letzten Jahre stark gestiegen ist. Die Anleger nehmen an, dass es so weitergehen wird. Aktien hingegen sind gefallen – also, so meinen viele Anleger, wird es auch künftig mit Aktien weiter nach unten gehen. Oder deutsche Immobilien haben jüngst schöne Wertsteigerungen erlebt, so dass viele Anleger daran glauben, dass Immobilien künftig noch wertvoller werden. Oder: Der XYZ-Fonds war in den letzten Jahren besser als die meisten anderen Fonds, also – so schließen viele Anleger – wird dieser Fonds auch künftig überchurchschnittlich sein.

All das sind Beispiele für unsere Neigung, in Finanzdingen von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen. Leider ist das fast immer ein Trugschluss. Aber genau diese Neigung machen sich Initiatoren von Schneeballsystemen zu nutze.

Denn ein wesentlicher Bestandteil des Schneeballsystems ist, dass in der ersten Phase die hohen Renditeversprechen auch tatsächlich eingehalten werden. Der Trick besteht darin, dass die Anleger anfangs noch skeptisch sind und nur mit kleinen Beträgen die Sache einmal „testen“ möchten. Andere sind ganz am Anfang so vorsichtig, dass sie ein dubioses Angebot nicht einmal zu testen bereit sind.

Am Anfang scheint das System zu funktionieren

Sobald aber die ersten Anleger erzählen, dass das System „tatsächlich funktioniert“, schießen sie selbst in der Regel höhere Beträge nach. Und die Vorsichtigen werden überzeugt, dass das dubiose Angebot vielleicht doch nicht so dubios ist, da es ja inzwischen „Beweise“ gibt, dass es einige Male geklappt hat.

So wird nach und nach immer mehr angelegt. Und je mehr von mal zu mal dazu kommt, umso leichter ist es, das Schneeballsystem aufrecht zu erhalten. Die Zinsen für die Altinvestoren hat Adele Spitzeder immer von dem Geld derer  beglichen, die gerade neu dazugekommen sind.

Erst wenn nicht mehr genügend neue Anleger nachkommen oder zu viele alte Anleger ihr Geld zurückfordern, stürzt das Schneeballsystem in sich zusammen. Bei Adele Spitzeder war das 1872. Immerhin lief ihr System drei Jahre lang. Am Ende hatten viele Menschen viel Geld verloren.

Ich erlebe es immer wieder, dass Anleger mich bezüglich eines dubiosen Anlageangebots um Rat fragen. Machmal erkenne ich sehr schnell, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein Schneeballsystem handelt und warne entsprechend. Das Problem ist natürlich, dass man das zunächst nicht mit letzter Gewissheit sagen kann. Erst wenn es schließlich zusammengebrochen ist, weiß man, dass es sich wirklich um ein Schneeballsystem genhandelt hat. Im Nachhinein ist man immer schlau.

In Finanzdingen ist es gefährlich von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen

Solange man diese Gewissheit noch nicht hat, könnte ein vermeintliches Schneeballsystem möglicherweise ja ein seriöses Angebot sein. Das zu beurteilen ist nicht leicht. Was aber gar kein Argument ist, ist folgendes:

„Mein Bekannter hat das auch schon gemacht und er hat tatsächlich die versprochenen Renditen ausgezahlt bekommen. Das ist doch ein Beweis, dass die Versprechen gehalten werden.“

Wer weiß wie Schneeballsysteme funktionieren, kann über ein solches Argument nur lachen. Das ist genau ein essentieller Bestandteil dieser Betrugsmasche, sich ein paar aufrechte Zeugen zu schaffen, die belegen, dass die Renditeversprechen bisher tatsächlich eingehalten wurden. Auch wenn das für die Vergangenheit richtig ist, und ein Schneeballsystem-Initiator bisher immer alle versprochenen Zinsen gezahlt hat, so ist das noch lange kein Argument dafür, dass das so weitergehen wird. Das ist eben der Irrtum, dem so viele (leider) auf den Leim gehen.

Wichtig ist vielmehr zu überprüfen, dass ein Angebot in sich schlüssig ist. Das, wie gesagt, ist in der Regel nicht leicht. Ich habe schon einige sehr intelligente Menschen gesehen, die Schneeballsystemen auf den Leim gegangen sind.

4 Antworten
  1. Finanzberatung Kanzlei Sebastian Ohligschläger
    Finanzberatung Kanzlei Sebastian Ohligschläger says:

    Viele Leute verwechseln Schneeballsystem auch oft mit Strukturvertrieben. Das sind ja eindeutig zwei verschiedene Paar Schuhe.
    Von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen ist natürlich einer der ältesten Fehler, die man bei Geldanlagen machen kann. Das ist wohl auch der Grund, warum Laien beim Selbstversuch an der Börse i.d.R. ihre Gelder verlieren. Letztendlich sollte man nur in Dinge investieren deren Materie man versteht.

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    • Peterreins
      Peterreins says:

      Ja, es sind zwei Paar Schuhe. Aber beides sind keine besonders schönen. Im Gegensatz zu Schneeballsystemen sind Strukurvertriebe nicht illegal. Dennoch kann ich jeden nur davor warnen, sich auf einen Strukturvertrieb einzulassen. Gerade im Finanzbereich. Zu dem Thema kann ich das Buch „Die Abzocker“ von Till Freiberger empfehlen.

      Die Masche geht so: Man verspricht jemandem (nennen wir ihn A) ein hohes, leicht verdientes Einkommen. A lässt sich darauf ein. Typischerweise hat A eine Motivationsveranstaltung besucht, aus der er wie aufgeputscht herauskommt. Wenn A besonders dumm ist, dann verschuldet er sich bei dem Finanzvertrieb in Vorgriff auf die angeblichen künftigen guten Einkünfte. So begibt er sich in eine Abhängigkeit zu dem Vertrieb. A versucht nun krampfhaft, die „grandiosen“ Produkte des Strukturvertriebs an den Mann und an die Frau zu bringen. In dieser Phase glaubt A in der Regel selbst noch, dass es sich hier wirklich um „grandiose“ Produkte handelt. Tatsächlich handelt es sich in der Regel um krass überteuerte Produkte. Er ist selbst begeistert von der Sache und merkt nicht, dass er eigentlich schon in der Falle sitzt. Denn er merkt schnell, dass Verkaufen nicht so einfach ist. Also verklickert er die Produkte an Verwandte, Freunde und gute Bekannte. Sie tun ihm entweder einen Gefallen damit bzw. bei ihnen hat er leichtes Spiel. So lange, bis seine Verwandten, Freunde und Bekannte merken, dass es sich um überteuerte und manchmal auch qualitativ schlechte Produkte handelt. Nicht selten gehen dann gute soziale Beziehungen in die Brüche. Und nachdem A sein engeres Umfeld abgekrast hat und keine weiteren Käufer findet, wird er irgendwann von dem Strukturvertrieb fallengelassen. – Möglicherweise hoch verschuldet und mit einem zerrütteten sozialen Umfeld.

      Interessanterweise kann man bei dieser schematischen Darstellung „Finanzprodukte“ ersetzen durch:
      * Vitaminpräparate
      * Tierfutter
      * Elektrogeräte
      Und zu was es sonst noch alles Strukturvertriebe gibt oder gab. Ich jedenfalls kann nur raten: Macht einen großen Bogen um Struktuvertriebe!

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  2. Wolfgang Kasberger
    Wolfgang Kasberger says:

    Herr Peterreins, Strukturvertrieb ist ein Vergütungssystem oder Karrieresystem. Viele Produkte sind nicth teurer oder günstiger als bei der Bank, Bausparkasse oder Versicherung. 3% Ausgabeaufschlag bleiben 3%, egal wo gekauft wird. 1% oder 1,6% Abshlussgebühr bei Bausparer bleiben die selben. Die meisten Sachversicherungen sind die selben wie beim Makler oder Versicherungskaufmann. Zurück zu Ihrer Abneigung des oben genannten System. Wenn dem so ist, wie Sie die Geschäftspraktiken schildern, finde ich auch in jedem Tätigkeitsfeld die schwarzen Schafe. Vermögensverwalter,Banken etc. Schlussendlich ist doch wichtig, was/wie die jenige Person empfielt oder verkauft. Es gibt viele Strukturvertriebler die das verkaufen, was sie verantworten können und verstehen. Sei es die AWD,Bonnfinanz, DVAG usw. Im Strukturvertrieb ist keiner gezwungen weitere Vertriebler zu rekrutieren.

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  3. Berthold Wagener
    Berthold Wagener says:

    Das klassische Schneeballsystem geht so. Jemand kommt auf Sie zu mit einer tollen Geschäftsidee, bei der man ohne viel Aufwand viel verdienen kann. Stimmt ja auch – am Anfang und solange die Sache funktioniert. Sie müssen dazu in der Woche nur 2 – 4 Leute werben, die eine Informationsveranstaltung besuchen. Pro Person bekommen Sie eine bestimmte Summe Geld. Ihr eigener Werber verdient allerdings daran mit. Und der Oberwerber, der im Baum an der Spitze steht, verdient an allen anderen Aktionen mit. So verdient der höchste in der Rangfolge am meisten. Das Kapital kommt von den sogenannten Mitarbeitern selber. Es wird nichts produziert und nichts vertrieben. Es finden immer nur kostenpflichtige „Seminare“ statt. Kritische Fragen sind dabei unerwünscht. Das Ganze trägt sich, solange genug neue Leute angeworben werden. Ich hab noch grad die Kurve gekriegt, aber Geld wollten die trotzdem von mir haben für ihre betrügerische Masche.

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