Paul Nolte: „Die Krise ist bei den meisten noch nicht angekommen“

Paul Nolte ist Historiker und kritisierte in seiner Schrift „Generation Reform“, dass es in Deutschland eine breite und wachsende Unterschicht gebe. Am 28. Mai 2010 erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit ihm.

Ein paar Ausschnitte daraus fand ich sehr interessant. Denn sie scheinen eine These zu unterstützen, die ich in meinen vorhergehenden Weblog-Artikeln geäußert habe…

Meine These ist nämlich:

Die Krise war für die meisten bisher weniger schlimm als befürchtet, daher glauben viele, dass das dicke Ende noch kommen müsse

Viele Deutsche haben momentan Angst vor einer Ausweitung der Krise. Viele befürchten solche Dinge wie den Verfall des Euros, sehr hohe Euro-Geldentwertung bis hin zu Währungsreformen, sowie gravierende wirtschaftliche Verschlechterungen. Das Erstaunliche ist, dass man davon in der Realität nichts feststellen kann – bis auf die Tatsache, dass Griechenland kurz vor dem Staatsbankrott steht und der Euro bezüglich anderen Währungen wie beispielsweise den US-Dollar an Wert verloren haben. Letzteres kann man aber auch sehr positiv werten.

Die Frage ist also: Warum klafft momentan, das, was viele Menschen (pessimistisch) im Kopf haben, so stark von der(gar nicht so schlechten) Realität ab? Ein Antwortversuch meinerseits: Wir haben ohne Frage die schwerste wirtschaftliche Krise seit 80 Jahren durchlebt, das Problem ist nur, dass diese Krise in der Lebenswirklichkeit der wenigsten Deutschen wirklich entsprechend stark spürbar ist. Zumal wenn man die Situation heute mit den 1930-er Jahren vergleicht. Damals mussten Menschen Hungern und wirklich um ihre Existenz bangen.

Natürlich geht es heute einigen Menschen schlechter als vor drei Jahren, aber verhungern muss keiner. Die Leute können sich Dinge kaufen, viele haben – dank Abwrackprämie – ein neues Auto und jetzt in den Pfingstferien konnte man in den Urlaub fahren. Entschuldigung, aber das ist nicht mal ansatzweise mit dem zu vergleichen, was unsere Großeltern in der großen Depression durchleben mussten. Das was wir heute als Krise bezeichnen, wäre denen damals wahrscheinlich als Leben im Schlaraffenland vorgekommen.

Gerade die Diskrpanz zwischen der Behauaptung, dass wir einerseits gerade die schlimmste Wirtschaftskrise seit 80 Jahren durchschreiten, andererseits die Lebenswirklichkeit der meisten davon kaum betroffen ist, bewirkt, dass viele meinen, dass das dicke Ende noch kommen müsse. Nach dem Motto:“ OK, jetzt ist es noch nicht schlimm, aber – du wirst schon sehen, es wird noch richtig schlimm werden. Ich habe da so ein ungutes Bauchgefühl…“ – So oder ähnlich höre ich derzeit bestimmt von 10 Anlegern 8 sprechen.

Meine These auf den Punkt gebracht: Den offensichtliche Widersspruch zwischen dem Pessimismus in den Köpfen vieler und der aktuellen wirtschaftlichen Realtiät erkläre ich mir so, dass einerseits von der größten Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren gesprochen wird (was zweifellos der Fall ist) andererseits die aktuelle Krise nur bei den wenigsten Deutschen zu einer wirklich drastischen Verschlechterung der Lebenswirklichkeit geführt hat.

Paul Nolte: „Die Krise ist bei den meisten noch nicht angekommen“

Jetzt zu dem Interview mit Paul Nolte. Darin sagt er:

Nolte: Ehrlich gesagt, wunder ich mich, dass viele sagen, die Krise würde alles verändern: Die Leute verarmen, die Mittelschicht erodiert – alles nur wegen der Krise? Das sind doch entwicklungen, die wir seit Jahren beobachten.

SZ: Also ist der ganze Aufruhr umsonst und alles nicht so schlimm?

Nolte: Die Krise ist bei den meisten noch nicht angekommen. Im Gegenteil: Bei vielen Leuten steht jetzt dank der Abwrackprämie ein neues Auto vor der Tür, das sie sich vor 18 Monaten noch nicht leisten konnten.

SZ: Andere haben ihren Job verolren.

Nolte: Ja, aber die Horrorprognosen von vier bis fünf Millionen Arbeitslosen sind nicht eingetreten …“

Immer und immer wieder: der Glaube an den Weltuntergang

Es ist faszinierend, aber wir Menschen scheinen einen stark verwurzelten Glauben an den Weltuntergang zu haben.

  • Die frühen Crhsiten glaubten von Jahr zu Jahr an das Ende der Welt
  • Um das Jahr 1000 n.Chr. herum herrschte eine starke Endzeitstimmung
  • Auch Luther glaubte an ein nahes Ende der Welt
  • In den 1980er-Jahren gab es viele die einen alles vernichtenden Atomkrieg für unausweichlich hielten (vielleicht erinnert sich noch der eine oder andere daran?)

Dies nur als kleine Auswahl. Man kann sagen: Fast in jeder Epoche gab es mehr oder weniger Menschen, die an ein nahes katastrophales Ende ihrer gewohnten Welt glaubten. Und momentan ist es eben dei Angst vor dem nahen finanziellen und wirtschaftlichen Weltuntergang.

Wie desaströs ein solcher Glaube sein kann, zeigt folgende Geschichte (die ich irgenwo einmal gelesen habe, aber die Quelle für die genauen Details vergessen habe). Ein amerikanischer Sektenführer verkündete seinen Anhängern Anfang des 19. Jahrhunderts den nahen Weltuntergang mit präziser Datumsangabe. Da sich seine Anhänger absolut sicher waren, handelten sie entsprechend. Klar war auch, dass man vor Gott besonders gute Karten hatte, wenn man besonders großzügig war. Daraufhin verschenkten die Sektenanhänger all ihr Eigentum. Nur leider waren sie dann bettelarm, als das erwartete Jüngste Gericht dann doch noch auf sich warten ließ.

So ähnlich treffen heute viele ihre Anlageentscheidungen. Sie sind sich sehr sicher, dass irgendetwas Schlimmes passieren wird und legen daher ihr Geld auf eine Weise an, die nüchtern betrachtet ziemlich irrational ist. Oje, oje … kann ich da nur sagen.

1 Antwort
  1. TÜLAI
    TÜLAI says:

    “Nolte: Ehrlich gesagt, wunder ich mich, dass viele sagen, die Krise würde alles verändern: Die Leute verarmen, die Mittelschicht erodiert – alles nur wegen der Krise? Das sind doch Entwicklungen, die wir seit Jahren beobachten.“
    – – – – – – – – – –

    Im Zitat klingt Paul Nolte für mich so, als träten Verarmung und Erosion der Mittelschicht in der BRD seit Jahren unaufhaltsam auf jeden Fall ein, ohne dass es dazu einer konjunkturellen, globalen Rezession als Ursache bedürfe.
    Ist seine Aussage die Feststellung eines unbeteiligten Historikers und / oder blanker Zynismus und / oder Fatalismus?

    Bisher unveröffentlichte Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) scheinen mir inhaltlich seine Aussage zu stützen:

    „Löhne von Geringverdienern sind seit der Jahrtausendwende rapide gesunken. Beschäftigte in den unteren Einkommensgruppen hatten im vorigen Jahr 16 bis 22 Prozent weniger in der Tasche als im Jahr 2000. Auch Menschen mit mittlerem Gehalt mussten deutliche Einbußen hinnehmen“:

    http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/wirtschaft/einkommen-gehaelter-sinken-im-aufschwung/351611.php

    – – – – – – – – – –
    Sie schrieben dagegen:
    1.) „Die Frage ist also: Warum klafft momentan, das, was viele Menschen (pessimistisch) im Kopf haben, so stark von der(gar nicht so schlechten) Realität ab?“

    Durchschnittlich Verdienenden spüren eben seit Jahren, dass ihr Wohlstand schwindet.

    2.) „Natürlich geht es heute einigen Menschen schlechter als vor drei Jahren, …“

    Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) trifft dagegen Aussagen über die Mittelschicht.

    3.) „… andererseits die aktuelle Krise nur bei den wenigsten Deutschen zu einer wirklich drastischen Verschlechterung der Lebenswirklichkeit geführt hat.“

    Es mag sein, dass es nicht die Krise ursächlich tat, sondern dass vielmehr die allgemeine Einkommensentwicklung zu einem Niedergang führt. Den Betroffenen dürfte eine Diskussion über die wahren Ursachen nicht nur akademisch sondern zynisch erscheinen.

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