Wie so viele, bin auch ich regelrecht geschockt über das Abstimmungsergebnis der Briten. Und auch traurig. Mit Sicherheit wird der 23. Juni 2016 in die Geschichtsbücher eingehen. Die große Frage ist jetzt natürlich, wie es weitergehen wird.

Über die politischen Konsequenzen steht es mir nicht zu, eine Meinung zu äußeren. Wirtschaftlich erscheint es mir mehr als klar, dass die Folgen für die Briten negativ sein werden. Die Brexit-Befürworter stimmten für einen Austritt aus der EU, vor allem aus Angst vor Überfremdung durch Zuwanderer. Die Zuwanderer nach Großbritannien hatten bisher aber vor allem einen positiven wirtschaftlichen Einfluss. Viele von ihnen haben Billigjobs übernommen, die die Briten selbst nicht machen wollen, und zwar beispielsweise in der Landwirtschaft und in der Gastronomie. Die sich jetzt abzeichnende Abschottungspolitik, wird für die betroffenen britischen Unternehmen, die auf diese Billigjobs angewiesen sind, schwerwiegende Konsequenzen haben. Während derzeit beispielsweise Erntehelfer in England größtenteils zugewanderte Polen sind, werden das künftig die Briten wieder selbst machen  müssen – oder es macht eben keiner.

Für Europa insgesamt sehe ich die wirtschaftlichen Folgen hingegen weniger dramatisch. Gerade auf lange Sicht. Im Moment herrscht natürlich die Unsicherheit, wie die Trennung im Detail umzusetzen sein wird. Hier wird sehr viel zu klären sein. Die Welt wird aber nicht untergehen, irgendwie werden die Dinge geregelt werden und weiterlaufen.

Das aktuelle Problem für die Börsenkurse ist allerdings gerade die Unsicherheit, die fehlende Klarheit. Und deswegen werden wir selbstverständlich  in den nächsten Tagen und Wochen eine schwierige, schwankungsreiche Börse erleben. In erster Linie ist das aber, wie man so sagt, eine „politische Börse“. Und es gibt den Börsenspruch: „Politische Börsen haben kurze Beine.“ Das heißt, dass die jetzige politische Abstimmung der Briten Wellen schlagen wird, ob kurz oder lang aber mit Sicherheit wieder Normalität an den Börsen einkehren wird.  Spätestens dann, wenn der (psychologische) Schock verdaut worden ist.

Wer die Nerven dazu hat, ist das momentan eigentlich der beste Zeitpunkt zum Einstieg.

Sehr interessant ist, was gerade der Autokonzern BMW mitgeteilt hat: „Die Konsequenzen sind heute noch nicht absehbar… Wir erwarten jedoch zunächst keine unmittelbaren Auswirkungen auf unsere Aktivitäten in Großbritannien.“ Immerhin verkauft BMW etwas mehr als zehn Prozent seiner Autos in Großbritannien. Diese Aussage werde ich als Indiz, dass die aktuellen Kursabschläge mehr als übertrieben sind. Wie bereits sagte: Die Unsicherheit ist jetzt zwar groß, was für die Kurse schlecht ist, aber – selbstverständlich – wird es irgendwie weitergehen.

Die Volksabstimmung in Großbritannien und der drohende Austritt Großbritanniens aus der EU dominieren momentan alles. Letzte Woche sind deswegen die Kapitalmärkte um bis zu 8 Prozent gefallen. Zeitweise kam regelrecht Panik auf. Immerhin sind sich fast alle einig, dass der „Brexit“ wirtschaftlich schlechte Folgen haben wird. Und zwar vor allem für die Briten selbst, nicht so sehr für die anderen Europäer. Großbritanniens Bruttoinlandsprodukt ist nämlich zu 15 Prozent von Exporten in die EU abhängig, umgekehrt hängen die anderen EU-Staaten nur mit 2,5 Prozent von Exporten nach UK ab. Natürlich hätte ein Brexit auch für das eine oder andere europäische Unternehmen negative Folgen, immerhin würden sowohl Exporte als auch Investitionen nach Großbritannien erschwert werden. Für die Briten selbst wäre das Ganze jedoch mit Sicherheit noch negativer. Gemäß einer (britischen) Studie, hätte in diesem Fall ein typischer britischer Hauhalt etwa 4000 Pfund im Jahr weniger Einkommen.

Dennoch: Rechtfertigen die voraussichtlichen negativen Folgen eines Brexits die dramatischen Kursbewegungen im Laufe der letzten Woche? Ich meine nein. Was die Kurse vor allem fallen ließ, war die Ungewissheit. Entgegen dem, was viele glauben, sind nicht schlechte Nachrichten für sich alleine Gift für die Kapitalmärkte. Gift ist vielmehr die Unsicherheit. Immer wieder kann man erleben, dass Börsenkurse fallen oder stark schwanken, solange sich negative Nachrichten als wahrscheinlich abzeichnen, aber noch nicht feststehen. Sobald sie aber definitiv feststehen, die Unsicherheit somit weg ist, passiert nicht selten das Erstaunliche und die Börsenkurse steigen wieder. Vielen erscheint das dann als merkwürdig oder paradox.

Derzeit haben wir noch die Phase der Ungewissheit. Und da ist eine volatile oder sogar fallende Börse nichts Ungewöhnliches. Ich halte es aber für wahrscheinlich, dass alles vergessen sein wird und wir wieder deutlich höhere Börsenkurse sehen werden, sobald wieder Gewissheit herrscht – sei es, dass der Brexit (wie ich hoffe) nicht stattfinden wird oder der Brexit endgültig vollzogen sein wird. Mit Sicherheit wird die Welt nicht untergehen, so oder so. Die Schweiz oder Norwegen sind ja auch nicht in der EU und dennoch findet ein wirtschaftlicher Austausch mit der EU statt.

Weitere Links:

Wenn es derzeit um die Geldanlage geht, wird fast immer über die aktuelle Niedrigzinsphase gestöhnt. Nicht selten heißt es, dass sich Sparen heute nicht mehr lohnen würde, oder dass die Altersvorsorge vieler Menschen in Gefahr sei.

Ich selbst sehe die Sache differenziert. Für die Finanzbranche, das heißt die Banken und die Versicherer, sind die aktuellen niedrigen Zinsen tatsächlich schlimm, nicht aber für den Privatanleger.

Hätten wir allgemein Zinssätze von beispielsweise 5%, so ist es für Bank viel leichter ihre Margen zu erwirtschaften. Sie würden dann, sagen wir 4% Zinsen auf ihre Einlagen zahlen und 6% für Kredite verlangen.Von der Marge von 2% läßt sich dann gut leben.

Ist das Zinsniveau niedrig, wie aktuell, dann fallen naturgemäß auch die Margen für die Banken viel niedriger aus.

Die Versicherer haben ein Problem, weil sie mit einem Garantiezins von 1,25% kalkulieren. Je niedriger aber das allgemeine Zinsniveau, umso schwieriger ist es, diesen Garantiezins tatsächlich zu erwirtschaften. Mit Bundesanleihen oder ähnlich sicheren Geldanlagen geht das derzeit beim besten Willen nicht.

Ohne Zweifel stellt also die Niedrigzinsphase für die Finanzbranche ein großes Problem dar. Für Privatanleger aber zählt letztlich nur das Verhältnis zwischen Netto-Rendite (also Zinsen abzüglich Steuern) zur Inflation. Und dieses Verhältnis ist derzeit relativ gut.

Nehmen wir als Beispiel das Jahr 1980. Damals bekamen Anleger Zinsen auf ihr Tagesgeld von 9%. Das klingt erst mal sehr gut. Zu berücksichtigen ist aber, dass davon natürlich auch Steuern abgezogen werden mussten. Nach Steuern blieben dem Anleger damals, sagen wir, 6%. Bedenkt man nun, dass die Inflationsrate damals bei etwa 8% lag, so hatten Anleger damals unterm Strich ein Minus von -2%.

In den 1990er-Jahren bekam man einmal 4% Zinsen aufs Tagesgeld, nach Steuern sagen wir 2,5%. Die Inflation lag aber auch rund bei 3%, also hatten Anleger damals auch ein Minus von etwa 0,5% (alles grobe überschlägige Rechnungen).

Derzeit bekommt man auf Tagesgeldkonten noch 0,5% Zinsen. Nach Steuern sind das 0,37%. Dei Inflationsrate im April 2016 lag in Deutschland bei -0,1%, im Monat davor bei 0,30%. Je nachdem erhält man also ein Plus für den Sparer nach Inflation von zwischen 0,07 und 0,47 %. Das ist mehr als beispielsweise 1980.

Für den Sparer, so meine Meinung, kann Tagesgeld genau die richtige Wahl sein. Dann nämlich, wenn für ihn Sicherheit über alles steht und er keine hohen Zielrenditen benötigt um bestimmte (klar definierte) Anlageziele zu erreichen. Wer aber höhere Renditen anstrebt, und seien es derzeit nur 1%, dem muss bewusst sein, dass er das nur erzielen kann, wenn er bereit ist mehr oder weniger hohe Risiken einzugehen.  Und Risiken können immer auch Verluste bedeuten.

Wer also Verluste in jedem Fall vermeiden will, der sollte sich Tagesgeld nicht schlechtreden lassen.

Ich sollte jüngst für einen Kunden Aktien-ETFs heraussuchen, die international investieren. Also ETFs, die nicht nur beschränkt beispielsweise Europa sind, sondern sowohl US-Aktien, europäische Aktien und möglicherweise auch asiatische Aktien umfassen.

Ich schlug dem Anleger ein paar in Euro notierte ETFs vor, die ich für geeignet hielt. Dem Anleger hingegen war es wichtig, in einen USD-notierten ETF zu investieren mit dem Argument, dass er sein bisheriges Geld in USD hätte und er kein Fremdwährungsrisiko haben wolle.

Das finde ich interessant. Weil hier ein immer wieder auftauchender Irrtum vorliegt. Privatanleger meinen manchmal, dass ein Aktienfonds, deswegen weil er beispielsweise in USD notiert ist, aus diesem Grunde auch ein USD-Währungsrisiko darstellt. Oder umgekehrt, dass ein in Euro notierter Aktienfonds der Währungsklasse Euro zuzuordnen sei.

Nachfolgend erkläre ich, warum das nicht so ist.

Nehmen wir zwei Investmentfonds an, Fonds X und Fonds Y. Beide Fonds sind exakt gleich und investieren ausschließlich in eine einzige US-Aktie A. Der einzige Unterschied zwischen Fonds X und Fonds Y besteht darin, dass X in Euro notiert und Y in USD. A notiert als US-Aktien natürlich in USD.

Nehmen wir weiter an, dass beide Fonds jeweils 100 Stück dieser Aktie A halten und dass der Dollarkurs gerade bei 1,10 USD/EUR steht. Dann ist der Wert des Fonds X in Euro:

Euro-Wert von X (t1) = 100 x Wert von A/1,10.

Der Wert des Fonds Y in USD ist offenbar:

USD-Wert von Y (t1) = 100 x Wert von A.

Da X in Euro notiert ist die Intuition, dass der Anleger hier ein Euro-Risiko trägt. Was passiert also, wenn der Euro bzgl. des USD stark fällt. Nehmen wir also beispielsweise an, dass der USD-Devisenkurs von 1,10 auf 1,0 fällt. Das bedeutet dass man für einen Euro weniger USD bekommt als vorher, der Euro also gefallen ist.

Wie verändern sich nun die Werte der Fonds?

Zunächst wie gesagt, liegt es nahe anzunehmen, dass der Euro-Kurs des Fonds X gefallen wäre. Immerhin ist ja der Euro gefallen. Der Wert des Fonds X in Euro muss aber gestiegen sein, denn man muss ja so rechnen:

Euro Wert von X (t2) = 100 x Wert von A / 1,0

Vorher musste durch 1,10 geteilt werden, jetzt durch 1,0. Das entspricht einem Mehr von ungefähr 10%.

Rein mathematisch muss also ein fallender Euro zur Folge haben, dass der Fonds X exakt um dasselbe Verhältnis an Wert gewinnt, wie der Euro an Wert verliert.

Für einen USD-Investor spielt die Tatsache, dass X in Euro notiert ist offenbar gar keine Rolle. Denn:

USD-Wert von X = USD-Devisenkurs x Euro-Wert von X =

       = USD-Devisenkurs x (100 x Wert von A / USD-Devisenkurs)=

       = 100 x Wert von A = USD-Wert von Y

Der USD-Devisenkurs kürzt sich sozusagen heraus.

Ferner gilt generell:

USD-Wert von X = USD-Wert von Y.

Was bei Investmentfonds zählt ist sozusagen nur der Inhalt. In welcher Währung ein Investmentfonds notiert wird hat überhaupt keinen Einfluss auf das Währungsrisiko, das mit dem Fonds verbunden ist. Es zählen ausschließlich die Vermögensgegenstände, die der Fonds hält.

Der damalige Chefökonom von Goldman Sachs, Jim O’Neil, hat 2001 die „Brics“ erfunden. Damit wurden vier Länder, Brasilien, Russland, Indien und China unter einen Begriff zusammengefasst. Diese eigentlich doch sehr unterschiedlichen Länder sollten eines gemeinsam haben, nämlich dass sie langsam den Schritt von Entwicklungsländern hin zu entwickelten Industrieländer schaffen würden. Und dass deswegen diese Länder eine  überragende wirtschaftlich Dynamik aufweisen würden.

Eine Zeitlang waren „Brics“ sehr modern. Goldman Sachs legte einen Brics Investmentfonds auf, andere zogen nach. Ich kann mich noch gut an eine Konferenz im Jahre 2009 erinnern. Es ging um Geldanlage für Stiftungsvermögen, was ja an sich sehr sicherheitsorientiert angelegt sein sollte. Damals sagten mehrere Redner, dass ihrer Meinung nach, Aktien aus Brics-Staaten sicherer seien als deutsche Bundesanleihen. Ich schüttelte damals nur innerlich meinen Kopf und wunderte mich darüber, dass so viele Anleger ständig irgendwelchen Moden nachlaufen.

Heute wird niemand mehr sagen, dass Brics-Aktien sicherer als Bundesanleihen seien. Der Goldman Sachs-Bric-Fonds hat beispielsweise seit 2010 ein Minus von 88%.

Für mich sind die Brics ein Musterbeispiel für Modeerscheinungen am Kapitalmarkt. Es ist immer dasselbe. Eine bestimmte Branche oder Börsensegment ist eine Zeitlang gut gelaufen. Dann kommen irgendwelche Banker, Anlageberater oder Vermögensverwalter auf die Idee, hier eine nachhaltige Wachstumsgeschichte erkannt zu haben. Jetzt steigen die Anleger im großen Stil ein, auch die Journalisten schreiben munter darüber. Irgendein großartiger neuer Schlüssel zum Anlageerfolg schein gefunden zu sein. Das geht auch tatsächlich in der Regel eine Weile gut. Die Sache befeuert sich sozusagen selbst. Am Höhepunkt meinen die Leute dann, dass man mit diesem Segment eigentlich überhaupt nichts falsch machen könne …  Bis die böse Überraschung kommt und sich das anfänglich dicke Plus in ein dickes Minus gewandelt hat.

Und ist der eine Zyklus vorbei, schnurstracks wird eine neue Branche oder ein neues Segment gefunden. Und das Spiel geht von neuem los.

Am Ende wundern sich die Anleger, warum sei auf keinen grünen Zweig kommen. Die naheliegendste Antwort ist: Weil sie ständig irgendwelchen Moden nachrennen und somit zumeist gerade einsteigen, wenn etwas schon sehr gut gelaufen ist.

Das Hauptproblem hierbei ist, dass sich die allermeisten Anleger – sowohl Privatanleger als auch professionelle Berater oder Vermögensverwalter – zu sehr an Vergangenheitsdaten orientieren. Das scheint gut und attraktiv zu sein, was in der Vergangenheit eine gute Rendite erzielt hat. Man schließt von vergangenen Renditen auf künftige Renditen. Was bisher gut war, wird auch künftig gut sein. In vielen Lebensbereichen stimmt das vielleicht auch, nicht aber bei der Geldanlage. Da führt genau dieses Denken zu herben Enttäuschungen.

 

Vermögensverwaltung München

Im August ist der deutsche Aktienindex DAX in der Spitze um etwa 17% gefallen. Begründet wird das landläufig mit den Turbulenzen in China. Tatsächlich ist diese Begründung irrational. Denn China steht gerade einmal für 14 Prozent des Bruttoinlandprodukts des Welt. Die Aktienmärkte weltweit verhielten sich aber so, als wäre Chinas Bedeutung viel größer.

In gewisser Weise noch irrationaler waren die weltweiten Reaktionen der Kapitalmärkte auf das VW-Desaster. Der DAX verlor in diesem Zusammenhang alleine in der Spitze fast 10%. Aber auch die anderen europäischen oder amerikanischen Aktienmärkte kamen unter die Räder. Nur: Warum sollte beispielsweise ein amerikanischer Pharmakonzern weniger Gewinn machen, weil VW betrogen hat? Oder warum sollte eine französische Versicherung deswegen weniger verdienen, so dass Kursrückgänge gerechtfertigt wären?

Die Medien sind sehr schnell dabei, irgendwelche Begründungen zu konstruieren, die – näher betrachtet – kaum haltbar sind. Oder aber die Anleger verhalten sich über die Maßen irrational. Letzteres kann durchaus sein, denn ich erlebe es fast täglich, wie sich gerade Privatanleger von bestimmten Stimmungen anstecken lassen.

Die Kurse brechen ein, und schon wird die bisherige Anlagestrategie in Frage gestellt. Schon glaubt man an den nahen Weltuntergang. Schon glaubt man, dass man sich fundamental anders positionieren muss …

Professor Thorsten Hens hat in einem Interview mit CAPITAL (Ausgabe 10/2015, S. 39 ff.) gesagt:

„Wenn Sie ihm [dem Leser] einen Gefallen tun wollen, sollten Sie ihn daran erinnern, dass er nicht kurzfristig reich wird an der Börse, sondern nur langfristig. Und in solchen Phasen sollte er unbedingt bei seiner Strategie bleiben. Der schlimmste Fehler, den er begehen kann, ist, sich eine Strategie zu überlegen und diese dann mit einem Panikverkauf über den Haufen zu werfen.“

Aber genau das tun bemerkenswert viele Privatanleger. Irgendetwas Negatives passiert an den Kapitalmärkten – und mit einem Schlag wird alles Vernünftige, das man sich vorher überlegt hat, über Bord geworfen. Überlegungen für einen langfristigen Vermögensaufbau für die Altersvorsorge gelten plötzlich nicht mehr. Wer mit Blick auf hohe Renditen gesagt hat, risikofreudig zu sein, entdeckt plötzlich seine konservative Ader und nichts ist ihm plötzlich wichtiger als Verluste zu vermeiden.

Und kaum drehen sich die Märkte wieder und wir haben ein paar positive Monate, schon haben viele das Gefühl etwas zu verpassen und wollen beim Kursanstieg mit dabei sein (der vergangene Kursanstieg ist ja schon verpasst).

Genau was diese Stimmungsschwankungen betrifft, so meine Meinung, hat ein Vermögensverwalter oder Anlageberater seine wichtigste Aufgabe. Und zwar beginnt es damit, dass ein guter Berater dem Anleger eine Strategie vorschlägt, die auch Crashsituationen einbezieht.

Der Anleger sollte in jedem Fall vorher und sehr detailliert über die Risiken aufgeklärt werden, die mit einem bestimmten Anlagestrategie verbunden sind. Ich mache das beispielsweise so, dass ich bisweilen den Kunden frage, ob er sich vorstellen kann, dass sein Depot bis zu 20% Wertverlust haben kann (bei einer entsprechend riskanten Strategie) und ob er – wenn er sich das so vorstellt – glaubt, in einer solchen Situation an der Strategie festhalten zu können. Denn gerade in solchen Phasen ist Disziplin und Durchhaltevermögen extrem wichtig.

Im Vorfeld ist es auch gut, wenn der Vermögensverwalter dem Anleger erklärt, wie viel Risiko er tatsächlich braucht, um seine Anlageziele zu erreichen. Gerade in guten Marktphasen gehen Anleger gerne zu hohe und vor allem unnötige Risiken ein. Tagesgeldpositionen sind zwar langweilig , erfüllen hier aber oft einen guten Zweck.

Ein guter Vermögensverwalter – so meine Meinung – warnt den Anleger also vor Gier und überzogenen Renditeerwartungen. Das kann im Zweifel sehr, sehr wertvoll sein.

Schließlich ist es die Aufgabe eines Vermögensverwalters oder Anlageberaters, dem Anleger in schwierigen Zeiten zur Seite zu stehen. Der Profi ist hier wie ein Coach des Anlegers und hilft ihm dabei, die seelische Kraft zu finden, den einmal eingeschlagenen Weg beizubehalten und nicht aus einer Panik heraus alles umzustoßen. Auch dies ist eine extrem wichtige Aufgabe.

Die nachfolgende Geschichte hat mir Herr Markus Wolf aus Waischenfeld erzählt. Er hat mir erlaubt seinen echten Namen zu verwenden. Von allen relevanten Dokumenten und Unterlagen liegen mir Kopien vor. Ferner wurde mir das Erzählte noch von seiner Freundin, Frau Anne Lickert-Merkle, bestätigt.

Markus Wolf ist ein 25-jähriger Mann mit einem geringen Einkommen, als er sich Ende 2012 auf eine Honorarberatung durch Herr Thomas Böhlein aus Hollfeld einlässt. Der junge Mann vertraut diesem Berater sozusagen blind, weil seine Eltern und Herr Böhlein  sich von früher kannten.

Ursprünglich geht es ihm um einen Kredit, den ihm seine bisherige Hausbank verweigerte. Hierbei bietet Herr Böhlein sein Hilfe an. Schnell lenkt er die Beratung jedoch auf das Thema Versicherungen und Altersvorsorge. Damit hatte sich Markus Wolf bisher noch nicht beschäftigt.

Schließlich vermittelt Thomas Böhlein dem 25-Jährigen unter anderem eine fondsgebundene Rentenversicherung. Und zwar einen sogenannten Netto-Tarif, bei dem keine Abschlusskosten eingepreist sind. Ferner sollen nur kostengünstige Fonds und ETFs zum Einsatz kommen. Die Gesamtkostenbelastung der Fonds liegt immerhin nur bei 0,54% p.a., was tatsächlich sehr günstig ist.

Markus Wolf erinnert sich daran, dass die Beratung zu dieser Rentenversicherung nicht länger als eine Stunde gedauert hat. Damals glaubt er noch, ein besonderes Vertrauensverhältnis zu seinem Berater zu haben und unterschreibt alles, ohne die Dinge vorher zu überprüfen.

Etwas erstaunt ist er jedoch schon, als Herr Böhlein ihm eröffnet, dass für die Beratung ein Honorar von 2500 Euro fällig sei. Da er dem Berater nach wie vor vertraut, lässt er sich, trotz seines mulmigen Bauchgefühls, auf die Sache ein. Das Problem ist nur, dass er keine 2500 Euro hat, was auch Herr Böhlein weiß. Daher schlägt der Berater vor, diesen Betrag über ein Faktorisierungskonzept abzuzahlen. Auch darauf lässt sich Markus Wolf ein, so dass er das Beratungshonorar nicht mit einem Mal zahlt,  sondern zustimmt, den Betrag über 60 Monate à 54,10 Euro abzubezahlen (da hierbei auch Kreditzinsen anfallen, kommt er so auf eine Kostenbelastung von insgesamt 60 x 54,10 = 3246 Euro).

Ferner überzeugt Herr Böhlein in 2012 seinen neu gewonnen Kunden davon, dass er bezogen auf diese Rentenversicherung eine laufende Betreuung brauchen würde. Als Betreuungshonorar verlangt er 6 Euro monatlich. Auch dazu lässt sich Markus Wolf überreden.

Herr Böhlein  wirbt auf seiner Homepage mit Wörtern wie „unabhängig“, „fair“, „ehrlich“, „transparent“. Insofern hoffe ich, dass er keine Probleme damit hat, dass ich diesen Fall an dieser Stelle transparent aufrolle.

Thomas Böhlein vermittelt fondsgebundene Rentenversicherung (Netto-Tarif)

Sehen wir uns nun die fondsgebundene Rentenversicherung an, die Thomas Böhlein in 2012 seinem Kunden Markus Wolf vermittelt hat. Ich bin mir sicher, dass er es damals nur gut mit seinem Kunden meinte, dennoch lohnt es sich nachzurechnen, wie lukrativ die vermittelte Versicherung für Markus Wolf tatsächlich ist – insbesondere, wenn man die Honorarforderungen des Beraters mit berücksichtigt.

Gemäß dem mir vorliegenden Dokumenten sind die angebotenen Versicherungskonditionen wie folgt gewesen. Der Versicherungsbeginn ist der 1.12.2012. Ab diesem Zeitpunkt zahlt Markus Wolf einen Monatsbeitrag von 24,85 Euro in die Rentenversicherung ein. Ab 1.12.2017 soll der Monatsbeitrag auf 94 Euro erhöht werden. Dies geht so bis zum Jahr  2054.

Am 1.12.2054 hat Markus Wolf dann ein Wahlrecht, er kann sich entweder das Vertragsguthaben als Einmalbetrag auszahlen lassen oder sich für eine monatliche Rente entscheiden.

Während der Vertragskaufzeit garantiert die Versicherung einen Hinterbliebenenschutz.

Rendite des Netto-Tarifs mit Berücksichtigung der Kosten der Honorarberatung

Was am Ende für ihn herauskommt, hängt wesentlich von folgenden Faktoren ab:

  • der Wertentwicklung der eingesetzten Fonds,
  • davon, ob er sich in 2054 für die Kapital- oder die Rentenoption entscheidet,
  • im Falle der Rentenoption noch, wie lange er leben wird.

Die nachfolgende Analyse berücksichtigt nicht den steuerlichen Aspekt des RV-Vertrages. Ferner nehme ich an, dass das monatliche „Betreuungshonorar“ nur 10 Jahre lang gezahlt wird, obwohl zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses eigentlich  keine solche Begrenzung vorgesehen war.

In den Unterlagen der Versicherung steht, welches Vertragsguthaben bzw. welche Monatsrente Markus Wolf erhalten wird, je nachdem welche Rendite die zugrundeliegenden Fonds (vor Kosten) erzielen werden:

netto-tarif-ergebnis

Schaffen es also die zugrundeliegenden Fonds, eine Rendite (vor Kosten) von durchschnittlich 6% p.a. zu erzielen, so wird Markus Wolf im Dezember 2054 die Wahl haben,

  • entweder sich das Vertragsguthaben von 125.597,97 Euro auszahlen zu lassen,
  • oder bis zu seinem Lebensende eine monatliche Rente von 489,22 Euro zu beziehen.

Die Frage ist nun: Ist diese Versicherung für Herrn Wolf lukrativ oder nicht? Insbesondere wenn man das Vermittlungshonorar für Thomas Böhlein samt dem Betreuungshonorar über 10 Jahr berücksichtigt?

Unter der Voraussetzung, dass die Fonds 6% Rendite p.a. erzielen werden und sich Markus Wolf am Ende für die Rentenoption entscheidet, ergibt sich für ihn folgender Zahlungsstrom:

netto-tarif-cf2

Die Rentenzahlung geht natürlich nur solange, wie Herr Wolf lebt. Je nachdem, welches Alter er erreicht, wird sich der Versicherungsvertrag inklusive Honorarkosten für ihn wie folgt rentieren:

  • Markus Wolf stirbt mit 75: Rendite für ihn nach Kosten = 0,03% p.a.
  • Markus Wolf stirbt mit 80: Rendite für ihn nach Kosten = 1,72% p.a.
  • Markus Wolf stirbt mit 85: Rendite für ihn nach Kosten = 2,61% p.a.

Das heißt: Wenn die Fonds eine Rendite von 6% erzielen werden und Markus Wolf mit 80 stirbt, wird sich sein Rentenversicherungsvertrag für ihn nach Honorarkosten mit 1,72% p.a. rentieren.

Interessant ist natürlich noch, welche Rendite der Versicherungsvertrag für ihn hätte, wenn keine Honorarkosten anfallen würden. Dann würden die Renditen so aussehen:

  • Markus Wolf stirbt mit 75: Rendite für ihn (ohne Honorarkosten) = 0,40% p.a.
  • Markus Wolf stirbt mit 80: Rendite für ihn (ohne Honorarkosten) = 2,16% p.a.
  • Markus Wolf stirbt mit 85: Rendite für ihn (ohne Honorarkosten) = 3,07% p.a.

Vergleich mit einem ETF-Sparplan

Angesichts dieser Zahlen frage ich mich, warum Herr Böhlein seinem Kunden nicht zu einem ganz simplen ETF-Sparplan geraten hat. Würde Markus Wolf exakt das Geld, das er als Beiträge in die Rentenversicherung einzahlt, in einem ETF-Sparplan ansparen, und hätten die ETFs eine Rendite von 6% (vor Kosten), dann hätte er am Ende mit einem Vermögen von 140.935 Euro rechnen können. Also etwa 15.000 Euro mehr im Vergleich zur Kapitaloption der Versicherung. Und hierbei sind die Honorarkosten nicht berücksichtigt.

Ich selbst berate ja auch auf Honorarbasis (siehe hier). Wenn ein Kunde zu mir kommt, weil er ein Vermögen für seine Altersvorsorge aufbauen möchte und ich ihm am Ende einen ETF-Sparplan vorschlage, dann brauche ich dafür in der Regel maximal zwei Stunden. Das sind dann für den Kunden 250 Euro Honorarkosten.

Lasse ich nun das Geld, das Markus Wolf samt Honorarkosten für Herrn Böhlein in einen ETF-Sparplan angelegt sein (werden also anfangs nicht 24,85 Euro angespart, sondern 84,95 Euro), so  würde Markus Wolf bis 2054 sogar ein Vermögen von etwa 171.000 Euro angespart haben. Das sind 45.000 Euro mehr im Vergleich zu der fondsgebunden Rentenversicherung im Rahmen der Honorarberatung durch Thomas Böhlein.

Für was ein Hinterbliebenenschutz?

Aus heutiger Sicht ist es Markus Wolf nicht klar, warum Herr Böhlein ihm eine Rentenversicherung mit Hinterbliebenenschutz empfohlen hat. Denn zum Zeitpunkt der Beratung hatte Markus Wolf weder eine Ehefrau, noch Kinder, die im Falle seines Ablebens in finanzielle Not geraten wären. Man kann sich also fragen, warum Herr Wolf Beiträge in eine Versicherung zahlen soll, die unter anderem vor dem Risiko schützt, dass seine Hinterbliebenen in finanzielle Not geraten – er aber gar keine schutzbedürftigen Hinterbliebenen hat?

Vergleich Honorarberatung / provisionsbasierte Beratung

Markus Wolf stellt sich heute die Frage, ob er möglicherweise mit einer herkömmlichen, provisionsbasierten Beratung besser gefahren wäre als mit der Honorarberatung durch Thomas Böhlein.

Zunächst einmal kann man definitiv sagen, dass die von Herrn Böhlein vermittelte Rentenversicherung ohne Frage für sich genommen zu den guten Versicherungsprodukten gehört. Die Kostenbelastung ist hier tatsächlich vergleichsweise gering – sofern man jedenfalls die Honorarkosten von Thomas Böhlein nicht berücksichtigt.

Wie gesagt kann man sich fragen, ob eine Rentenversicherung mit Hinterbliebenenschutz für Herrn Wolf überhaupt die richtige Wahl ist, aber innerhalb dieser Produktkatetorie gehört die vermittelte Versicherung sicherlich zu den besseren.

Für die Gesamtbetrachtung kann man aber die Kosten der Honorarberatung nicht unter den Tisch fallen lassen.

Herr Wolf fragt sich heute: Wie hoch wären die Provisionen gewesen, wenn er zu einem herkömmlichen Versicherungsmakler gegangen wäre und über ihn eine Rentenversicherung bekommen hätte?

Diese Frage habe ich dem Versicherungsmakler Ingo Sabel vorgelegt. Ich habe ihm die genauen Daten der vermittelten Versicherungspolice mitgeteilt, worauf er sagte:

„In 2012 hat man für die Vermittlung einer Rentenversicherung noch 4 bis 4,5 Prozent erhalten, bezogen auf die Beitragssumme, allerdings für maximal 35 Jahre. Heutzutage liegen diese Sätze wegen des sog. Lebensversicherungsreformgesetz (LVRG) in der Regel zwischen  2,5 bis 3,0 %.

Hätte ich damals eine entsprechende Rentenversicherung vermittelt, dann hätte ich in 2012 einmalig 470 Euro als Vermittlungsprovision erhalten. Da ab Dezember 2017 die Beiträge deutlich erhöht werden sollten, hätte ich dann in 2017 noch einmal etwa 1300 Euro erhalten.

Aber nur dann, wenn der Kunde seinen Vertrag tatsächlich bedient. Hätte der Kunde vorzeitig gekündigt, hätte ich eventuell einen Teil der Vermittlungsprovision wieder zurückzahlen müssen.

Als laufendes Betreuungshonorar sind in der Branche 2% des laufenden Beitrags üblich. Ich hätte also keine 6 Euro monatlich erhalten, wie es Herr Böhlein für sich gefordert hat, sondern zunächst etwa 50 Cent pro Monat, ab 2017 dann etwas weniger als 2 Euro.“

Nehmen wir, wie gesagt an, dass das Betreuungshonorar nur 10 Jahre lang gezahlt wird, so hat Herrn Wolf die Honorarberatung alles in allem 3.972 Euro gekostet. Bei einer provisionsbasierten Beratung wären ihm in Summe 2.640 Euro angefallen, also etwa 1300 Euro weniger.

Wir haben also die paradox anmutende Situation, dass die Provisionen eines herkömmlichen Versicherungsmakler niedriger gewesen wären als die Kosten des Honorarberaters Thomas Böhlein.

Honorarberatung ist nicht generell besser

Das ist deswegen so bemerkenswert, weil man doch immer wieder hört, dass man bei einem Finanzberater darauf achten sollte, dass er keine Provisionen nimmt, sondern sich auf Honorarbasis finanziert. Auch bei Versicherungsverträgen glauben viele, sogenannte Netto-Tarifen (Tarife bei denen keine Abschlusskosten eingepreist sind) seien besser als herkömmliche Tarife.

Wie sich oben gezeigt hat, sollte man auch bei Netto-Tarifen sorgfältig rechnen.

Ich selbst bin ja auch ein Anhänger des Honorarberatungsmodells. Es ist aber sehr gefährlich zu generalisieren, nach dem Motto: „Honorarberatung ist immer gut, provisionsorientierte Beratung ist immer schlecht.“ So einfach ist die Welt leider nicht.

Markus Wolf sagt jedenfalls heute, dass er bereut, sich durch den Honorarberater Thomas Böhlein beraten lassen zu haben. Dazu kommt nämlich noch, dass Herr Wolf den Versicherungsvertrag inzwischen gekündigt hat. Trotzdem muss er aber nach wie vor die 54,10 Euro für die faktorisierten Honorarkosten zahlen, und zwar noch bis zum November 2017.

Wäre er damals zu einem provisionsbasierten Berater gegangen, müsste er heute – nach Kündigung des Versicherungsvertrages – nichts mehr zahlen. Und der Berater müsste einen Teil der Provision zurückzahlen.

Weitere Links zum Thema

Im März 2012 hatte ich bereits einen Artikel über eine Inhaberschuldverschreibung der Captura GmbH geschrieben. Damals sammelte Captura Geld für ein halbes Jahr ein und versprach einen Zinssatz von 7,65 % p.a. In meinem Artikel berechnete ich ganz nüchtern, welche Rendite die Captura GmbH auf das eingesammelte Kapital erwirtschaften muss, damit das Ganze für das Unternehmen mit einem Gewinn endet. Mein Ergebnis war: Captura müsste eine Rendite von etwa 35 % p.a. erzielen. Da das eine aberwitzig hohe Rendite ist, sagte ich, dass ich all meinen Kunden empfehle, der Captura GmbH kein Geld anzuvertrauen.

Seit 2012 habe ich immer wieder E-Mails und Anrufe bekommen von Leuten, die mich aufgrund meines Artikels angegriffen haben. Das Argument war immer, dass die Captura GmbH doch bisher immer alles zurückgezahlt habe, samt Zinsen. Wenn es also bislang gutgegangen sei, dann werde das Ganze auch künftig gutgehen – so die Hoffnung einiger Anleger und Vertriebspartner von Captura.

Der Truthahn wird auch über Monate gefüttert und hat in der Zeit nur positive Erfahrungen mit Menschen, und dennoch kommt irgendwann das böse Erwachen. Wobei ich aufrichtig hoffe, dass es für die Anleger bei Captura am Ende alles gut wird. Nur bei dem Argument: „bisher alles gut, also wird auch künftig alles gut sein“ muss man  natürlich vorsichtig sein.

Nun hat mir ein Anleger, der bei Captura Geld angelegt hat, einen Brief zukommen lassen, den die Geschäftsführung der Captura GmbH jüngst verschickt hat…

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Daniel Kahneman zitiert in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ eine Studie über die Häufigkeit von Nierenkrebs (S. 139). Untersucht wurden 3141 US-Countys. Die Countys mit der niedrigsten Häufigkeit von Nierenkrebs lagen vorwiegend in ländlichen Gebieten.

Wir Menschen neigen dazu, hier sehr schnell einen Zusammenhang zu vermuten: Ländliches Gebiet – niedrige Krebswahrscheinlichkeit. Und sehr schnell sind wir dabei, uns hierfür plausible Begründungen anzunehmen. Beispielsweise, dass die ländliche Bevölkerung einfach gesünder lebt, oder dass es in ländlichen Gegenden eine geringere Belastung durch Industrie und Chemie oder dergleichen gibt.

Interessant ist nun aber, wenn man sich ansieht, welche Regionen die höchste Häufigkeiten für das Auftreten von Nierenkrebs haben. Das sind nämlich genau wieder vor allem ländliche Gegenden.

Nimmt man beides zusammen, so kann es offenbar keinen Kausalzusammenhang zwischen a) „ländlicher Region“ und b) „Wahrscheinlichkeit an Nierenkrebs zu erkranken“ geben.

Kahneman will mit diesem Beispiel zeigen, wie schnell wir Menschen dazu neigen, Kausalzusammenhänge anzunehmen. Auch da, wo gar keine sind.

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Der Mensch ist von Natur aus kein guter Anleger. Eher im Gegenteil. Wir scheinen so programmiert zu sein, dass wir im entscheidenden Augenblick dazu neigen, exakt das Falsche zu tun. Jedenfalls was die Geldanlage betrifft.

Dies konnte man am Montag 24. August wieder einmal mustergültig beobachten. Schon die Woche zuvor begannen die Aktienkurse zu bröckeln, am Freitagnachmittag kam dann der erste Teil des Absturzes, aber am Montag ging es richtig zur Sache. Der DAX verlor zeitweise bis zu 8%. Das ist ein so hoher Verlust, wie wir ihn nicht einmal am 11. September, dem Tag der Terroranschläge in New York hatten.

Das ist schon erstaunlich genug. Noch erstaunlicher aber ist es, recht bedacht, wie viele Anleger (und auch professionelle Vermögensverwalter) sich sofort anstecken lassen und sofort darüber nachdenken, ihre Aktienbestände zu verkaufen und „ruhigere Zeiten“ abwarten zu wollen…

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