Ich habe letztens einen Video-Beitrag auf YouTube angesehen, in dem ein Vermögensverwalter zum Thema China interviewt wird. Der Vermögensverwalter sagt meiner Meinung nach ein paar richtige Dinge, im Großen und Ganzen aber bewerte ich seine Aussagen kritisch.

Großer China-Crash im August?

Der Vermögensverwalter sagt, aus meiner Sicht richtig, dass man einen Crash am Aktienmarkt naturgemäß nicht vorhersehen kann. Er weist, auch das völlig zurecht, darauf hin, dass es ein weitverbreiteter Fehler ist, von Vergangenheitsdaten auf künftige Kursentwicklungen zu schließen. Fast in jeder Bankberatung wird so vorgegangen und darin besteht auch der Kern von Fonds-Ratings. Immer und immer wieder wird so argumentiert: Dieses Wertpapier, dieser Fonds, diese Branche, diese Region hat in den letzten Jahren gut abgeschnitten, – also wird es so auch weitergehen.

Der Vermögensverwalter beschreibt, wie auch das typische Risikomanagement von Wertpapierportfolios genau so vorgeht: Vergangenheitsdaten werden auf die Zukunft projiziert. Naja, und das kann zu keinen vernünftigen Ergebnissen führen. Gerade Crashs zeichnen sich dadurch aus, dass sie jedes Mal aus den vorgehenden Vergangenheitsdaten alles andere als ablesbar waren.

Da dieser Vermögensverwalter (richtig) sagt, dass man Risikomanagement nicht anhand von Vergangenheitsdaten korrekt machen kann, plädiert er für synthetische Stresstests. Damit meint er, dass man ein mögliches oder als wahrscheinlich eingeschätztes Szenario simuliert, sowie alle wahrscheinlichen Konsequenzen daraus für den Kapitalmarkt.

Der Vermögensverwalter gibt dafür ein konkretes, aktuelles Beispiel. Er glaubt, dass es ein Stressereignis gibt, das schon heute absehbar ist und sich bereits jetzt langsam ankündigt. Joe Biden hat ja den US-Geheimdienst damit beauftragt, bis August 2021 herauszufinden, inwiefern China eine Hauptschuld an der Corona-Krise hat. Die Frage ist, ob den chinesischen Behörden schon recht frühzeitig bekannt war, dass sich im Land ein neuartiger Virus verbreiten würde, und ob die Chinesen das bewusst verschleiern wollten. In diesem Fall hätte die Weltgemeinschaft möglicherweise viel früher und besser darauf reagieren können, so dass es nicht zu einer Pandemie solchen Ausmaßes gekommen wäre.

Der Vermögensverwalter meint: Falls bis Ende August 2021 im Abschlussbericht des US-Geheimdienst „das Falsche“ drinsteht, dann wird es wahrscheinlich große Turbulenzen an den Märkten geben. Hier unterscheidet jetzt der Vermögensverwalter, je nachdem, ob es a) nur vorübergehenden heftigen Kursschwankungen kommt, ober ob b) echte Substanzverluste entstehen werden. Der Fall a) ist nicht so kritisch. Hier braucht der Anleger einfach Geduld, um die Zeit auszusitzen, bis sich wieder alles beruhigt hat.

Problematischer ist der Fall b). Das heißt, wenn eine Anlageklasse nach einer Krise sich über längere Zeit nicht mehr erholt. Der Vermögensverwalter nennt als Beispiel die Finanzwerte in Folge der Finanzkrise ab 2008.

Der Vermögensverwalter befürchtet, dass es nach einem China-Crash im Anschluss an den Abschlussbericht des US-Geheimdienstes im August, zu einen echten Substanzverlust chinesischer Unternehmen kommen wird. Darauf aufbauend stellt er sich ein Stresstest-Szenario vor, um zu sehen, wie stark das Wertpapier-Portfolio von einem solchen Rückschlag betroffen sein wird.

Nun liegt der Anteil chinesischer Aktien in üblichen Weltindizes etwa bei 5%. Das ist nicht besonders viel, und bei einem solchen Anteil im Portfolio hätte eine langfristige Abwertung chinesischer Aktien eine eher kleine Auswirkung. Der Vermögensverwalter hebt aber hervor, dass viele Anleger deutlich stärker in China investiert sind, und zwar genau aus dem oben genannten Grund: China ist in den letzten Jahren gut gelaufen, und so lässt man sich fehlerhafterweise dazu verleiten, auch künftig in China hohe Renditen zu erwarten. Offenbar würden solche Portfolios mit hoher China-Gewichtung durch den von ihm vermuteten Crash ab August 2021 stärker betroffen sein.

Der Vermögensverwalter rät dazu, sein Portfolio daraufhin zu überprüfen, wie es von dem vermuteten China-Crash in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Ganz konkret rät er zu folgendem:

  • China-Exposure reduzieren;
  • Etwa 2,5 % Gold mit ins Portfolio aufnehmen.

Crashs kündigen sich nicht an

Ich habe eine ganze Reihe von Kritikpunkten an dem, was dieser Vermögensverwalter sagt. Als erstes halte ich es für unglaubhaft, dass sich ein Crash schleichend ankündigt. Das erscheint uns nur – im Nachhinein – so. Es liegt im Wesen eines Crashs, dass er vollkommen unerwartet kommt. Hat er sich aber ereignet, dann glaubt man, dass es schon vorher Anzeichen gegeben hätte, die man nur richtig hätte interpretieren müssen. Das ist aber ein Umdeuten der Fakten im Nachhinein. Nun wird gerne so argumentiert: Ja, es gab doch ein paar (sehr schlaue) Analysten, die den Crash tatsächlich vorhergesagt haben, also muss es doch Anzeichen dafür vorher gegeben haben.

Aber dieses Argument ist ungefähr so: Man lässt 10.000 Leute raten, welche Ergebnisse ich erziele, wenn ich drei Mal hintereinander eine Münze werfe. Von der Wahrscheinlichkeitstheorie weiß man, dass es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird mindestens einen unter den 10.000 geben, der die Folge richtig vorhersagen wird, z.B. Wapp-Wapp-Zahl. Das heißt aber nicht, dass diese Person hellseherische oder besonders gute analytische Fähigkeiten hat, sie hatte einfach nur Glück.

Dass sich jetzt bereits ein China-Crash im August sozusagen ankündigt, wie der Vermögensverwalter meint, werte ich als eine krasse Selbstüberschätzung der eigenen analytischen Fähigkeiten. Und letztlich ist eine solche Selbstüberschätzung sogar gefährlich. Denn wenn man aufgrund eines prognostizierten Ereignisses jetzt bestimmte Portfolio-Umschichtungen vornimmt, dann ist das ein hochgradiges Glücksspiel. Mit solider Geldanlage hat das nichts zu tun.

Ich erinnere (nur um ein Beispiel unter vielen zu nehmen) an den Sommer 2020. Die erste Corona-Welle war abgeflaut. Viele sagten aber schon die zweite Corona-Welle für den Herbst voraus, und meinten, dass es dann wieder zu heftigen Börsenturbulenzen kommen müsste. Tatsächlich lag es damals förmlich in der Luft, dass die Corona-Pandemie noch nicht ausgestanden war. Damals kündigte sich tatsächlich ein neuer Corona-Crash regelrecht an. Nur ist er eben nicht eingetreten. Wer damals im Sommer beispielsweise massiv aus Aktien in Cash oder Anleihen umgeschichtet hätte, weil man ja einen weiteren Corona-Crash förmlich „riechen“ konnte, der hätte sehr viel Geld verloren.

Es ist eben ein Irrtum zu glauben, dass sich Crashs irgendwie ankündigen würden oder dass es Vorzeichen dafür gibt, die man nur verstehen können muss. Und faktisch kostet dieser Irrtum den Anlegern regelmäßig viel Geld.

Konsequenzen werden falsch gezogen

Und selbst wenn (zufälligerweise) im August tatsächlich aufgrund des China-Abschlussreports des US-Geheimdienstes die Börse in Turbulenzen geraten wird, wer sagt denn dass das dann genau so vonstatten geht, wie der Vermögensverwalter meint? Er versucht sich ja dadurch zu schützen, dass er Chinesische Investments abbaut und Gold-Positionen ausweitet. Möglicherweise kommt es aber ganz anders. Möglicherweise fallen chinesische Werte zwar kurzfristig, erholen sich dann aber wieder schnell; möglicherweise fällt Gold sogar und amerikanische oder europäische Aktien fallen stärker als die chinesischen.

Also selbst, wenn der Vermögensverwalter recht hat, dann ist immer noch die Frage, ob er die richtigen Investitionsschlüsse aus seiner korrekten Prognose zieht. Auch das kommt bemerkenswert häufig vor. Ich kannte einmal jemanden, der im Vorfeld eine Presse-Konferenz von Siemens fest davon überzeugt war, dass der Siemens-Vorstand negative Neuigkeiten verkünden würde und er deckte sich deswegen vorher mit Siemens-Putoptionen ein, um an der fallenden Siemens-Aktie Geld zu verdienen. Tatsächlich räumte der Siemens-Vorstand damals eine schlechte Geschäftsentwicklung ein, aber was machte der Siemens-Kurs? Er stieg.

Der Ökonom John Maynard Keynes war sich sicher, dass Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg in eine große Inflation schlittern würde und er wettete mit seinen Investments entsprechend. Wir wissen, dass Keynes recht hatte, und dennoch hat er – trotz seiner richtigen Prognose – fast all sein Geld verloren.

Die Unterscheidung von vorübergehenden und dauerhaften Wertverlusten ist sinnlos

Der Vermögensverwalter meinte ja, dass es ein Unterschied sei, ob Aktien nur kurzfristige Wertschwankungen hätten oder einen dauerhaften Substanzwertverlust hinnehmen müssten. Auch das kann man ausschließlich im Nachhinein erkennen. In Crash-Situationen gehen viele Anleger davon aus, dass etwas geschehen ist, dass man bestimmte Aktien dauerhaft niedriger bewerten muss. Genau deswegen entsteht ja der Crash. Würden die meisten wissen, dass es nur vorübergehende Wertschwankungen sind, dann würden die Anleger ja nicht bei einem Minus von 30 Prozent und mehr verkaufen. Der Crash tritt auf, weil eine Mehrheit von Anlegern von einem dauerhaften Substanzwertverlust ausgeht.

Insofern ist die Unterscheidung des Vermögensverwalters einfach erst einmal unsinnig. Sie ist immer nur und ausschließlich nach einigen Jahren in der Retroperspektive erkennbar, nicht aber in der Crash-Situation selbst. Das ist eine Illusion.

Alles in allem suggeriert der Vermögensverwalter Dinge zu wissen, die man nicht wissen kann. Er will einem weiß machen, dass er a) als einiger der wenigen einen Crash schon jetzt drei Monate vorher erkennen kann. Er suggeriert b) zu wissen, wie man in dem prognostizierten Crash handeln soll, obwohl das heute keiner wissen kann. Und er glaubt wissen zu können, wann es sich bei einem Crash um nur vorübergehende Kursschwankungen handelt, die man einfach aussitzen kann, oder um einen dauerhaften Substanzwertverlust, obwohl das niemand wissen kann. Möglicherweise kann er Kunden gewinnen, indem er eine solche Schein-Expertise vorträgt, tatsächlich aber ist das eine der sichersten Methoden, um Kundengelder schlecht anzulegen.

Jedenfalls halte ich das geschilderte „synthetische Risikomanagement“ für nicht zielführend. Es kann schon sein, dass man auf diese Weise den einen oder anderen Glückstreffer haben wird, aber auf lange Sicht wird der Anleger so mit Sicherheit unterdurchschnittliche Renditen erzielen. Wie man meiner Meinung nach das Risiko managen sollte, werde ich in einen meiner nachfolgenden Beiträge darlegen.

1 Antwort
  1. Thinking
    Thinking sagte:

    Das Thema „Aktienmarkt China“ ist sehr komplex. Die chinesische Politik hat einen direkten Einfluss auf die Börsenkurse, was sich gerade bei der eigentlich insolventen Evergrande Group zeigt. Obwohl das Immobilienunternehmen seine Schulden nicht mehr bezahlen kann, hat die chinesische Zentralbank gestern indirekt zu Gunsten von Evergrande eingegriffen, was zu einem 8-prozentigen Anstieg dieser Aktie führte. Jeder Anleger muss für sich entscheiden, ob er in einen staatlich gelenkten Aktienmarkt investieren möchte.

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