Seit einigen Wochen höre ich fast allen Anlegern und auch von einigen Vermögensberatern, mit denen ich spreche folgendes: Ja, die Aktienkurse steigen zwar gerade, aber wenn erst das volle Ausmaß der Corona-Krise klar wird, dann werden die Kurse wieder fallen. Nicht wenige rechnen mit einem regelrechten Crash, den sie dann für den Einstieg bzw. Wiedereinstieg in den Aktienmarkt nutzen möchten.

Vielleicht kommt dieser Crash ja auch, letztlich weiß ist es nicht und letztlich kann es niemand wissen. Tatsache aber ist, dass die Aktienkurse derzeit wider Erwarten der allermeisten steigen, steigen und steigen.

Und meine Erfahrung ist, je sicherer sich die große Mehrheit der Anleger und Vermögensberater mit einem bestimmten künftigen Szenario sind, umso wahrscheinlich ist es, dass es nicht eintritt.  In der Vergangenheit hatten wir das immer und immer wieder. Bemerkenswert häufig kann man die Mehrheitsmeinung als guten Konterindikator verwenden.

Die Frage ist natürlich, warum das so ist. Ich denke, dass Mehrheitsmeinungen nichts Überraschendes mehr haben. Wenn die meisten Anleger mit negativen Zahlen in der näheren Zukunft rechnen, dann ist es ja nicht mehr überraschend, wenn dann tatsächlich die Zahlen schlecht sind. Vielmehr hat man dann häufig den gegenteiligen Effekt, nach dem Motto: Ja, die Zahlen sind sehr negativ, aber nicht so schlimm wie gedacht. Ergo werden den Kurse steigen – trotz schlechter Nachrichten.

Schlechte Börsennachrichten, die jeder erwartet, werden in der Regel keine Kursverluste an den Aktienmärkten zur Folge haben. Das tun vor allem schlechte Zahlen, die überraschend und unerwartet kommen.

Genau in diese Richtung weist eine Meldung, die heute veröffentlicht wurde:

„Daimler verzeichnet im zweiten Quartal zwar einen Milliardenverlust – Analysten hatten min einem noch schwächeren Ergebnis gerechnet. Das sind erste Anzeichen einer Markterholung, selbst wenn es für Daimler noch viel zu tun gibt.“

Und prompt ist heute die Daimler-Aktie um fast 2% gestiegen. Das klingt ja zunächst paradox: Daimler meldet einen Milliardenverlust (Milliarden!). Und was macht die Aktie? Sie steigt. Und die Erklärung ist natürlich, dass die Mehrheit noch schlechtere Zahlen erwartet hat.

Wie gesagt. Nicht schlechte Nachrichten als solche beeinflusst das Börsengeschehen, sondern je nachdem, ob sie das Moment der Überraschung haben. Das ist vielleicht eine Erklärung dafür, warum die Mehrheitserwartung so häufig eben gerade nicht eintritt.

Übrigens ist es für einen Vermögensberater besonders schwer gegen den Strom zu schwimmen. Denn die meisten Finanzdienstleister wollen letztlich Finanzprodukte verkaufen. Man verkauft aber umso leichter, je mehr man auf der Linie des allgemeinen Trends liegt. Wenn beispielsweise gerade alle Gold toll finden (weil Gold vielleicht gerade ein, zwei Jahre an Wert gewonnen hat), dann tun sich Finanzberater leicht, irgendwelche „Gold-Fonds“ oder „Gold-Zertifikate oder sonst etwas, das irgendwie mit Gold zu tun hat, zu verkaufen. Man wird ja von den Anlegern regelrecht darauf angesprochen.

Eine Finanzdienstleister mit Rückgrat tut sich hier hingegen schwerer. Er müsste gerade vor Mehrheitsmeinungen warnen, im Interesse der Anleger. Das führt aber zu kontroversen Diskussionen zwischen Vermögensberater und potenziellem Kunde.

Der typische Bankberater hingegen preist immer gerade das an, was im Trend liegt. Und das hat langfristig eher unterdurchschnittliche Ergebnisse zur Folge und eher enttäuschte Anleger.

3 Kommentare
  1. Thinking
    Thinking sagte:

    Vielen Dank für die beiden Artikel vom 16. und 17.7.2020.
    Das Dilemma ist, dass die Börsen am 23.3.2020 den Tiefstand seit 2017 erreichten. Zuletzt lagen die Kurse am 6.2.2017 auf diesem Niveau.Somit waren alle Börsengewinne zu diesem Zeitpunkt nach 3 Jahren verloren.
    Sie hatten ja bereits am 30.3.2020 darauf hingewiesen, dass man in solchen Situationen nach dem Verkauf von Renten-ETFs in der Börse neu einsteigen sollte.
    Also musste man von Mitte Februar bis Ende März 2020 schon täglich die Börsenkurse beobachten, um den „richtigen“ Einstiegszeitpunkt zu erwischen und auch noch an einer eigenen Prognose festzuhalten, dass das der Tiefpunkt gewesen sei.
    Natürlich kann man auch überhaupt gar nichts unternehmen, wenn man über Zeiträume von 10 Jahren und mehr einfach abwartet. Aber so „cool“ sind sicher nur wenige Anleger, die ihr Geld an den Börsen angelegt haben.

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    • Informed Investor
      Informed Investor sagte:

      @Thinking: Wenn ich Herrn Peterreins Strategie richtig verstehe, dann bedeutet das Neueinsteigen allerdings nicht, dass man versuchen sollte, „den ‚richtigen‘ Einstiegszeitpunkt zu erwischen“. Dass wäre nach seiner Strategie müßig, da man den eben nur im Nachhinein feststellen kann. Prognosen sind häufig schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Insoweit ist eine tägliche Beobachtung und Verfolgung der Börsenkurse weder notwendig noch hilfreich.

      Wenn man sich unsicher ist, welches der „richtige“ Zeitpunkt ist, bzw. wenn man nicht wagt, die verfügbaren Mittel zu einem Zeitpunkt zu investieren, dann empfiehlt sich m.E. nur die Streuung über einen gewissen Zeitraum, im Sinnes des „cost average effect“ (siehe Wikipedia, inkl. Kritik: https://de.wikipedia.org/wiki/Durchschnittskosteneffekt)

      „Gar nichts unternehmen“ sehe ich tatsächlich als Alternative – insbesondere wenn man keine Mittel hat, die man in Zeiten schwacher Kurse investieren kann. Man kann sich sicherlich streiten, ob für Anlagen in Wertpapiere nur Zeiträume von 10 oder mehr Jahren betrachtet werden sollten. Aber für die kurzfristige _Anlage_ sind Wertpapiere meiner Meinung nach gerade nicht geeignet. Das ist dann eben reine Spekulation.

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      • Thinking
        Thinking sagte:

        @ Informed Investor: Die Corona-Krise im März 2020 hatte zu einem extremen Rückgang der Börsenkurse geführt. Ich habe mit meinem Kommentar darauf hingewiesen, dass es damals sinnvoll war, Aktien zu kaufen und dafür den Erlös aus dem Verkauf von z. B. Renten-ETFs einzusetzen.

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