Ich habe gerade in eine Finanzzeitschrift einen Artikel gelesen, dessen Thema die Psychologie des Anlegers ist. Die Idee dabei ist, dass man einige Fehler vermeiden kann, wenn man über die Psychologie des Geldanlegens Bescheid weiß. Dem stimme ich prinzipiell zu.

Aber über einen Abschnitt in diesem Artikel bin ich gestolpert, dem ich beim besten Willen nicht zustimmen kann, nämlich:

„Wer einmal bestimmt hat, welcher Risikotyp er ist, bringt Kontinuität in einen Anlagemix. Also nicht heute nur Aktien und morgen nur Festgeld…“

Die Vorstellung ist hier, dass jeder Mensch einem bestimmten „Risikotyp“ zugeordnet werden kann. So ähnlich wie jeder Mensch ein eindeutiges Sternzeichen hat. Entweder bin ich der Typ „konservativ/absolut Verluste-avers“ oder ich bin „spekulativ/risikofreudig“, oder irgendwelche Mischformen dazwischen. Und diese Zuordnung könne man entweder selbst machen oder mithilfe irgendwelcher psychologischer Tests. Am Ende gehört man aber vermeintlich einer bestimmten Risikoklasse so unverrückbar an, wie man beispielsweise klar ein „Steinbock“ oder ein „Wassermann“ ist, samt der zugehörigen Eigenschaften.

Fakt ist aber, dass das in der Praxis nicht so läuft. Es fängt schon damit an, dass fast alle Menschen Schwierigkeiten damit haben, sich auf eine bestimmte Risikoklasse festzulegen. Wenn man System von beispielsweise sieben Risikoklassen von 1=“ganz konservativ“ bis 7=“hochspekulativ“, so wird man kaum jemanden finden, der sich klar zu den Extremen 1 oder 7 bekennt. Am meisten Anleger werden sich auf die mittleren Plätze zwischen 3 und 5 eingruppieren.

Und selbst dabei werden viele ihre Bauchschmerzen haben. Denn normalerweise „ist“ man nicht generell und absolut so oder so bezogen auf seine Geldanlagen. Vielmehr denken die allermeisten sozusagen in „Anlagetöpfen“. Man sagt zum Beispiel: „Naja, einen Großteil meines Vermögens will ich sehr sicher angelegt haben ohne große Verlustrisiken, daneben will ich aber eine Art ‚Spielgeld‘ von sagen wir 10% meines Vermögens, das durchaus hochspekulativ angelegt sein kann.“

Andere gewichten anders. Aber fast immer denken Anleger so, dass sie ihre Vermögen aufteilen möchten in verschiedene (wie ich es nannte) „Anlagetöpfe“, die für sich genommen eine sehr unterschiedliche Risiko-/Renditestruktur haben können.

Nehmen wir beispielsweise den obigen Anleger, der 90% seines Vermögens ganz sicher auf Tagesgeld- und Festgeldkonten angelegt hat. Er geht nun zu seiner Bank und sagt, dass er einen kleineren Teil seines Geldes in Aktien bzw. Aktienfonds anlegen will. Die Bank kommt jetzt erst einmal und fordert ihn auf, sich in eine Risikoklasse einzugruppieren. Er wird also gefragt: „Sind Sie eher der konservative Typ oder der hochspekulative Typ?“

Wenn er ehrlich antwortet, wird er sagen, dass er eher konservativ ist. Nach dieser Antwort müsste die Bank aber sagen, dass riskante Aktien bzw. Aktienfonds mit hohe Verlustrisiken nicht zu seinem Anlegerprofil passen.

Damit er bei der Bank überhaupt ein risikofreudig ausgerichtetes Wertpapier-Depot einrichten darf, muss er sich als spekulativen Risikotyp kategorisieren lassen, was er ja eigentlich gar nicht ist. Also nur aufgrund einer Art Falschaussage wird er das bekommen, was er will.

Das nächste Problem besteht darin, dass sich die Selbsteinschätzung der Anleger bezüglich ihrer Risikobereitschaft zum Teil dramatisch ändert. Hier ein Beispiel aus meiner Praxis als Anlageberater.

Als ich in den Jahren 2009/2010 Leute beraten habe und feststellte, dass sie auch in Aktien investieren müssten, um ihre Anlageziele zu erreichen, bekam ich nicht selten die Antwort: „Ja, Herr Peterreins, aktuell ist doch Finanzkrise, da kann ich doch nicht in Aktien gehen, das ist mir alles viel zu riskant. Ich möchte unbedingt Verlustrisiken vermeiden.“

Ein paar Jahre später, nachdem der DAX wieder dramatisch nach oben gegangen ist, kamen dieselben Leute und meinten, dass sie jetzt gerne in Aktien anlegen würden. Jetzt mit einem Male haben sie erkannt, dass sie doch nicht konservativ sind, sondern durchaus risikofreudig sind.

Die Erkenntnis ist, dass sich die Selbsteinschätzung ändert je nach Marktlage. Wackeln die Börsen und herrscht gerade Krisenstimmung, entdeckt fast jeder den „konservativen Anlegertyp“ in sich, – Hauptsache keine Verluste. Haben wir aber gerade eine gute Börsenphase mit schönen Kurssteigerungen, dann wollen die meisten auch bei den Gewinnen mit dabei sein und fühlen sich mutig für spekulative Anlageformen.

Die Risikoklasse eines Anlegers ist also beileibe nichts Konstantes, sondern ändert sich je nach Stimmungslage. Und letztlich ist es absurd, auf der Basis von der Selbsteinschätzung der eigenen Risikobereitschaft, einen Anleger zu beraten.

Was stattdessen zählt, sind vor allem die Anlageziele. Als erstes sollte man genau klären, was man mit seinem Vermögen bzw. mit seinem Sparen erreichen will. Als zweites stellt sich die Frage, welche Zielrendite man braucht, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Und bezogen auf eine solche Zielrendite sollte man dann sein Geld mehr oder weniger riskant anlegen. Und dabei gilt das Prinzip: So viel Risiko wie nötig, um die Zielrendite realistisch erzielen zu können, aber insgesamt so wenig Risiko wie möglich.

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