Einer der Dinge, die mich immer und immer wieder verwundern, ist der Glaube fast aller Privatanleger ans Timing. Wenn jemand Geld anzulegen hat, dann höre ich in der Regel die Frage: Ist es jetzt gerade der richtige Zeitpunkt? Oder sollten wir lieber noch etwas warten? Genau dieselbe Fragen bekomme ich umgekehrt, wenn jemand Geld braucht: Ich bräuchte eigentlich jetzt das Geld, ist es aber gerade ein guter Zeitpunkt zu verkaufen? Und bei Anlegern, die sich selbst um ihr Geld kümmern, habe ich auch den Eindruck, dass bei ihnen in der Regel nichts mehr im Vordergrund steht als die Frage des richtigen Zeitpunktes – entweder ein bestimmtes Wertpapier zu kaufen oder zu verkaufen.

All diese Timing-Fragen kann man aber eigentlich nur dann beantworten, wenn man die Zukunft kennt.

Heute (26.07.19) steht der DAX beispielsweise auf etwas über 12.360. Und damit etwa 17% höher als zu Jahresbeginn. Die Aktien hatten also in den letzten Monaten einen rasanten Kursanstieg. Die Kurse stehen somit – gefühlsmäßig – hoch. Sollte ein Anleger, der heute Geld anzulegen hat, deswegen lieber vermeintliche Kursrückgänge abwarten? Mit der Idee dann günstigere Einstiegskurse zu bekommen?

Natürlich kann ich dieses Gefühl verstehen und nachvollziehen. Und dennoch ist es irrational. Denn um beurteilen zu können, ob es jetzt besser ist einzusteigen oder in ein paar Monaten, kann man sich nicht an Vergangenheitsdaten orientieren. Das einzige, was zählt, ist, wie die Kurse sich innerhalb der nächsten Monate entwickeln werden. Und das weiß nun einmal niemand.

Würden die Kurse innerhalb der nächsten Monate fallen, dann kann man sagen: „Am 26.07.19 standen die Aktienkurse höher als heute, daher war es richtig abzuwarten und jetzt zu kaufen.“ Stehen in ein paar Monaten aber die Kurse höher als heute, dann war es sicher falsch abzuwarten. Das heißt: Ob die Kurse heute hoch sind oder nicht, ob heute ein guter Einstiegszeitpunkt ist oder nicht, dafür müsste ich wissen, wie die Kurse in ein paar Monaten sind. – Nicht wie sie in der Vergangenheit waren.

Für diese Zukunftsprognose kann mir ein Blick auf die Vergangenheit nicht einmal ansatzweise helfen.

Der Glaube ans Timing kommt meiner Meinung nach durch den Blick auf Charts. Man sieht sich beispielsweise den Verlauf des DAX der letzten 12 Monate an. Wenn man sich das ansieht, sieht man klar, dass – im Nachhinein betrachtet – ein Einstieg in den Aktienmarkt im Oktober 2018 deutlich ungünstiger war als beispielsweise im Januar 2019. Man sieht einmal sehr hohe Kurse, dann einen starken Kursverfall im Herbst 2018, die ihren Tiefpunkt etwa im Dezember/Januar erreicht haben und von da an sind die Kurse wieder stark gestiegen.

Bezogen auf diesen Vergangenheits-Chart ist die Sachlage absolut klar. Das Problem aber ist, dass es keine Charts künftiger Entwicklungen gibt. Bezogen auf die Zukunft ist die Sachlage alles andere als klar. Und das war sie z.B. damals im Januar 2019 auch nicht. Wir bekommen nur im Nachhinein diesen Eindruck: dass es ja klar war, dass damals ein Tiefpunkt erreicht worden ist, von dem aus es nur noch nach oben gehen konnte. Man unterliegt hier aber so etwas wie einer optischen Täuschung.

Denn in der Situation damals im Januar 2019 waren die Dinge alles andere als selbstverständlich. Alle Probleme, mit denen man den Kursverfall im Herbst 2018 begründet hat (Brexit, Trump, etc.) waren auch im Januar 2019 immer noch ungelöst. Zum Teil hatten sie sich sogar verschärft. Wenn man damals mit Leuten über Geldanlage gesprochen hat (was ich ja von Berufs wegen ständig tue), dann waren im Prinzip alle pessimistisch, was die weitere Kursentwicklung an den Aktienmärkten betraf. Damals im Januar 2019 war absolut nicht klar, dass es wieder stark nach oben geht, das stellt sich uns jetzt ein paar Monate später nur so dar.

Dasselbe gilt auch beispielsweise für den März 2009. Damals ging alles drunter und drüber wegen der Finanzkrise. Heute wissen wir, dass das der beste Einstiegszeitpunkt überhaupt gewesen wäre. Aber ich kann mich noch sehr gut an diese Zeit erinnern. Die allermeisten Anleger machten seinerzeit einen riesen Bogen um Aktien. Wenn ich als Anlageberater Kunden zu einem Aktienportfolio riet, dann wurde ich mit großen, verwunderten Augen angesehen und regelmäßig gefragt: „Ja haben Sie nicht mitbekommen, was gerade am Aktienmarkt los ist, da kann ich doch nicht investieren.“

Schaut man sich den 10-Jahres-Chart aber an, dann möchte man fast weinen, damals nicht bzw.  nicht mehr investiert zu haben. Das sind aber, wie gesagt, Dinge, die einem – im Nachhinein – klar werden.  Und die man zu jenem Zeitpunkt bzw. im Vorhinein einfach nicht wissen kann. Wer damals vor der Frage stand, zu investieren oder nicht, kannte nicht den weiteren Kursverlauf der Aktien. Er musste eine Entscheidung in starker Unsicherheit treffen. Heute wissen wir, wie es weiterging. Die damalige Zukunft liegt sozusagen unbestreitbar vor uns, und so unterliegen wir dem Fehler zu vergessen, dass das damals nicht so war.

Wenn jemand heute Geld anzulegen hat, dann führen alle Timing-Versuche (meiner Meinung nach) definitiv in die Irre. Merkwürdigerweise erlebe ich es in meiner beruflichen Erfahrung fast ausschließlich, dass Privatanleger mit ihren Timing-Versuchen Geld verlieren. Sie wollen zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht kaufen in Erwartung eines künftigen Kursverfalls, und was passiert? Die Kurse steigen und steigen.

Oder Anleger verkaufen, weil sie meinen, dass künftig die Kurse nur fallen können. Sie verkaufen also mit der Erwartung, künftig wieder günstiger einzusteigen. Und was passiert? Sie warten monatelang vergeblich darauf, dass die Kurse endlich, wie vermutet, fallen. Und steigen schließlich bei deutlich höheren Kursen wieder ein.

Zu unterschätzen ist auch nicht die psychische Belastung, der solche Anleger sich mit ihren Timing-Versuchen aussetzen. Hat man die Erwartung, dass die Kurse fallen werden, und hat daraufhin seine Wertpapiere verkauft, und dann passiert das Gegenteil, dann hat man schlaflose Nächte. Und kaum fallen die Kurse wieder, dann kommt sofort die Frage, ob das schon der Tiefpunkt war, ob man noch weiter abwarten soll.

Ich denke auch, dass viele meinen, dass man durch richtiges Timing sozusagen das Risiko von Aktien-Investments mindern könne. Wenn man sozusagen „oben“ verkauft oder eben nicht einsteigt, dann ist das Risiko eine Kursverlustes geringer. Bzw. wenn man vermeintlich „unten“ kauft, dann ist die Gewinnchance höher. Auch das ist meiner Meinung nach ein Irrtum. Man macht sich nur selbst etwas vor. Das Risiko eines Kursverlustes bzw. eines Kursanstiegs ist jederzeit gleich.

Schlimmer noch. In der Fachliteratur ziemlich eindeutig belegt ist die Tatsache, dass, je häufiger Anleger, traden, umso schlechter werden ihre Ergebnisse. Das heißt, je häufiger jemand meint, verkaufen zu müssen weil die Kurse vermeintlich „oben“ sind, und zu kaufen, weil die Kurse vermeintlichen „unten“ sind, umso schlechter mit Sicherheit langfristig sein Anlageerfolg.

2 Kommentare
  1. Thinking
    Thinking sagte:

    Sie haben am 11.4.2017 „Magnus“ in Ihrem Thread „Rebalancing bewährt sich“ bereits die wahrscheinlich einzige Strategie, die zum finanziellen Erfolg in der Aktienanlage führt, dargelegt. Sie führen das Rebalancing Ihrer Fonds wöchentlich durch und verweisen auf den Vermögensverwalter des Yale-Stiftungsvermögens David Swenson, der das Rebalancing sogar täglich durchführte. Nur so können emotionale Faktoren bei der Aktienanlage umgangen werden.

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    • Peterreins
      Peterreins sagte:

      Genau so ist es. Ich halte es für sehr wichtig emotionale Faktoren auszuschließen. Auch viele, die meinen aufgrund Unternehmenszahlen und Geschäftsberichten etc. rational zu entscheiden, unterliegen sehr häufig ihren persönlichen Vorlieben und Abneigungen.

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