Ein befreundeter Kunde wurde kürzlich zu einem Finanzvortrag eingeladen. Erst kurz nach Beginn des Vortrags stellte sich heraus, dass der Vortragende für einen Finanzvertrieb arbeitet.

Finanzvertriebe bewerben hochriskante Anlagemodelle, um Provisionen abzukassieren

Es wurde für folgendes Konzept geworben: Immobilien mit hoher Mietrendite zu kaufen und zu 100% fremd zu finanzieren, möglichst wenig zu tilgen und den positiven Cashflow (Miete abzgl. Zinsen und Tilgung) am Aktienmarkt zu investieren.

Der Kunde hat sehr gut erkannt, dass mit diesem Modell sehr hohe Risiken verbunden sind. Mich erinnert das Ganze an Modelle, wie sie auch bereits vor etwa 20 Jahren beworben wurden. Damals nur mit dem Unterschied, dass der Anleger keine Immobilie fremdfinanziert erwerben sollte, sondern eine Rentenversicherung mit Einmalbeitrag. Auch hier sollte der angebliche positive Cashflow (monatliche Rentenzahlungen abzgl. Zinsen und minimale Tilgung) in Aktienfonds angelegt werden. So etwas wie ein magisches Finanzkonzept, bei dem man ohne eigenen Aufwand wie aus dem Nichts reich werden könne – so die Finanzvertriebe damals wie heute.

Damals hatte ich allen Anlegern, die mit dieser Anlageidee zu mir kamen, dringend davon abgeraten. Inzwischen weiß ich, dass nicht eines dieser Modelle von damals funktioniert hat. Die Anleger sind auf zum Teil immensen Verlusten sitzen geblieben.

Die einzigen, die dabei verdient haben, waren die Finanzvermittler: Erstens eine Abschlussprovision für die vermittelte Rentenversicherung, zweitens eine Provision für den vermittelten Kredit, und drittens Ausgabeaufschlag und laufende Bestandsprovisionen für die empfohlenen Aktienfonds.

Mit Sicherheit kann man davon ausgehen, dass bei dem aktuell angebotenen Modell, fremdfinanzierte Immobilie plus Tilgung über Aktienfonds, auch die Provisionen für den Finanzvermittler gleich drei Mal üppig sprudeln werden. Dass das Modell für den Anleger aufgeht – gerade bei dieser hohen Gebührenbelastung – ist eher unwahrscheinlich.

Die Angst vor Inflation als Verkaufsargument

Wie gesagt, der Kunde, der mich darauf aufmerksam gemacht hat, war sich der hohen Risiken dieses Modell durchaus bewusst. Interessant für ihn war vor allem, auf welche Weise für dieses Modell geworben wurde. Der Finanzvermittler argumentierte nämlich mit der Inflation. Genau genommen mit etwas, das er „reale Inflation“ nannte.

Diese sogenannte „reale Inflation“ sei, diesem Finanzvermittler nach, deutlich höher als die vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Inflation. Ein vom Amt veröffentlichter Verbraucherpreisindex hatte z.B. für September 2017 den Stand 109,6. Für den September 2018 lag dieser Index bei 112,1. Das ist ein Anstieg um 2,28%. Dies ist also die Inflation innerhalb der letzten zwölf Monate, … sofern man dem Statistischen Bundesamt trauen darf.

Genau daran zweifeln manche Leute, die dann die sogenannte „reale Inflation“ berechnen. Danach berechnet sich die „reale Inflation“ wie folgt:

„reale Inflation“ = Geldmengenwachstum – Wirtschaftswachstum.

Für Deutschland wäre diese „reale Inflation“ im letzten Jahr demnach 4,0%, denn:

Geldmengenwachstum von 5,3% – Wirtschaftswachstum von 1,3% = 4,0 %.

Natürlich kann man alles Mögliche berechnen, alle möglichen Formeln aufstellen und behaupten, dass sie zu einer wertvollen Erkenntnis führen. Nur zu welcher Erkenntnis soll bitteschön diese Formel zur Berechnung der „realen Inflation“ führen? Warum soll sie besser oder „realer“ sein, als das, was das Statistische Bundesamt veröffentlicht?

Gemessene Inflation und Theorien zur Inflation

Der Begriff „Inflation“ ist zunächst, wenn man wissenschaftlich argumentieren will, eine empirische Größe. Inflation misst den Wertverfall des Geldes in einem bestimmten Zeitraum. Um das messen zu können, hat man sich in den Wirtschaftswissenschaften darauf verständigt, einen sogenannten Warenkorb zusammenzustellen. Die Idee ist, dass man einen Korb von Waren festlegt, den deutsche Bürger typischerweise im Monat verbrauchen. Das werden also Lebensmittel sein, wie Fisch, Fleisch, Mehl, etc., aber auch Genussmittel, wie Zigaretten, Kaffee, Schokolade etc., ferner Ausgaben für Unterhaltung, für Miete, und so weiter und so weiter.

Hier fängt natürlich schon eine Schwierigkeit an, denn bei einem solchen Warenkorb kann es sich nur um einen allgemeinen Durchschnitt handeln. Wenn jemand beispielsweise nie Schokolade isst, dann wird er sich vielleicht nicht mit diesem Warenkorb „identifizieren“ können. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Annahme eines solchen Warenkorbs für sich genommen falsch wäre. Ein Durchschnitt passt sowieso fast nie. Wenn beispielsweise der durchschnittliche Mann (sagen wir) 1,79 cm groß ist, dann kann man schlecht argumentieren, dass das nicht stimmen könne, weil man ja selbst 1,81 cm groß ist. Das liegt nun einmal im Wesen eines Durchschnitts. Für den konkreten Einzelnen passt er zwar nicht, für die Deutschen insgesamt aber schon.

Und genauso ist es mit dem Warenkorb.

Und wenn man so einigermaßen vernünftig einen Warenkorb zusammengestellt hat, dann kann man ihn z.B. zum 1.1.2017 bewerten. Indem man einfach heraussucht, welche Preise ein Verbraucher gerade für die jeweiligen Waren bezahlen muss. Und genauso kann man es machen für den 31.12.2017. Setzt man beide ins Verhältnis, dann bekommt man die Inflationsrate fürs Jahr 2017.

Das ist ein empirischer Messwert. Ähnlich, wie man das Fieber eines Patienten misst, oder die Zeit, mit der ein Stein aus bestimmter Höhe zur Erde fällt und die man mit der Stoppuhr gemessen hat.

Auf der anderen Seite kann man versuchen, sich die Inflation theoretisch zu erklären. Man kann sich Gedanken machen, welche Faktoren wesentlich sind für die Geldentwertung. Ähnlich wie Ärzte Theorien darüber aufstellen, wie bei einem Patienten das gemessene Fieber zustande gekommen ist. Oder wie Physiker Formeln aufstellen, in denen Masse und Erdbeschleunigung vorkommen, um sich die Zeit zu erklären, die ein Stein zum Fallen braucht. Das sind theoretische Überlegungen, die man anstellt, um sich ein beobachtetes Phänomen zu erklären. Und solche Theorien können richtig oder falsch sein, je nachdem wie zutreffend sie das beobachtete Phänomen erklären.

Und so kann man sich auch eine Theorie zurecht legen, wie das beobachtete Phänomen Inflation zu erklären ist. Ein denkbarer Ansatz dabei ist, dass die Geldentwertung irgendwie mit dem Geldmengenwachstum  und dem Wirtschaftswachstum zu tun hat (beides auch beobachtbare Phänomene). Das kann stimmen, muss aber nicht. Die Geschichte ist voll von irrtümlichen Theorien.

Lächerlich wird es aber dann, wenn man die aufgestellte Theorie für wahrer hält, als das zu erklärende Phänomen. Wenn beispielsweise Ärzte zu dem Schluss kommen, dass gemäß ihres Erklärungsschemas der betreffende Patient gar kein Fieber haben dürfte. Und weil einem ja die eigene Theorie so heilig ist, dann schlicht leugnet, dass der Patient Fieber hat. Was nicht in die Theorie passt, wird einfach geleugnet.

Oder wenn ein Physiker eine Gravitationstheorie aufstellt, die ihm sehr gut und schlüssig erscheint. Leider aber die Zeit für den Fall eines Steines zur Erde anders berechnet, als es tatsächlich passiert. Wenn dann der Physiker behauptet, dass das nur Messfehler sein müssten, seine Theorie aber gewiss richtig wäre, kann man wohl an der Wissenschaftlichkeit dieses Physikers zweifeln.

Und ganz ähnlich ist es nun mit den Verfechtern der sogenannten „realen Inflation“. Da wird eine nette Theorie aufgestellt, die meinetwegen plausibel klingt, nur leider das Phänomen der Geldentwertung nicht so berechnet, wie man es tatsächlich beobachtet hat. Nun wird sich darauf verstiegen, dass die Theorie ja nicht falsch sein könne, sondern vielmehr diejenigen, die gemessen haben (das statistische Bundesamt) dunkle Absichten verfolgen würden. Die empirisch beobachtete Inflation von 2,28% könne ja nicht richtig sein, weil die theoretisch berechnete ja bei 4,0 % liegen müsse.

Das Gerede über Inflation dient nicht der Aufklärung, sondern dem Verkauf dubioser Anlageideen

Ich kann da nur sagen: Oje, oje, oje. Solche Leute haben offenbar von einer wissenschaftlich Vorgehensweise keine Ahnung, geschweige denn von dem Unterschied zwischen empirisch/beobachtet einerseits und theoretisch/berechnet auf der anderen Seite. Die theoretische Größe „reale Inflation“ wird dadurch nicht realer, dass ich ihr den Namen „real“ gebe. Was für eine Augenwischerei!

Letztlich ist sowieso eines klar. Solchen Leuten, die uns Angst vor einer Inflation machen wollen, liegt nichts an objektiver Aufklärung, sondern darum, erschreckte Menschen abzuzocken. Sie reden uns ein, dass wir uns dringend vor einer immensen Geldentwertung schützen müssen. Und wenn uns diese Geldentwertung noch nicht aufgefallen ist, dann fangen sie an, uns irgendetwas vorzurechnen. Dass wir – ohne es zu merken – jedes Jahr 4,0 % ärmer werden.

Und ja, genau diese Leute haben dann auch glücklicherweise genau das richtige Rezept, um uns vor dieser großen Inflation zu retten. Na Gott sei Dank! Dass sich diese Menschen an diesem Rezept dumm und dämlich verdienen, mittels Provisionen und dergleichen, soll nicht weiter beachtet werden.

Ich kann nur jedem den Rat geben, solchen Leuten nicht zu vertrauen. Sie machen Angst vor schleichenden Verlusten, die man nur entdeckt, wenn man von dem, was man hat, fiktiv Jahr für Jahr etwas abzieht. Nach dem Motto: „Deine 10.000 Euro, die du seit einem Jahr auf dem Girokonto hast, sind heute ‚real‘ 4% weniger wert, als nur noch 9.600 Euro. “ Ich sehe aber auf mein Konto, sehe keine 9.600 Euro, sondern nach wie vor 10.000 Euro. Das Sich-Ärmer-Rechnen geschieht also vor allem im Kopf.

Das alles aber nur, um den Anleger in Anlagemodelle hineinzutreiben, bei denen nach ein paar Jahren keine fiktiven Verluste da sind, sondern ein sehr reales, nominales Minus. Das heißt: das ach so geniale Investitionskonzept, in das ich einmal 10.000 Euro angelegt habe, ist nach, sagen wir, zehn Jahren faktisch nur noch 8.000 Euro wert. Die Angst vor einer kaum merkbaren Geldentwertung treibt Leute in reale, schmerzhafte Verluste.

Darum (ich wiederhole mich): Hört nicht auf die Inflations-Angstmacher!

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