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Sind niedrige Tagesgeldzinsen ein Problem?

Die Medien sind voll mit Berichten darüber, wie schlimm es sei, dass die Tagesgeldzinsen derzeit so niedrig seien. Zinsen von 0,8 % oder weniger sind natürlich historisch sehr ungewöhnlich. Manch einer erinnert sich, dass man zum Beispiel 1980 noch Zinsen von sage und schreibe 9% für sein Tagesgeld bekam, oder in den 1990er-Jahren 5%. Das waren noch die guten alten Zeiten guter Zinserträge, möchte man meinen. Oder nicht?

Um es vorweg klar zu sagen: In manchen Bereichen sind die momentan sehr niedrigen Zinsen tatsächlich ein Problem. Beispielsweise für Lebensversicherer. Wer einen Garantiezins von 1,25 % verspricht, hat natürlich Schwierigkeiten, dies zu erreichen. Noch schlimmer steht es bei Altverträgen, bei denen z.B. noch Zinsen von 4% garantiert worden sind. Diese Garantie gilt ja eigentlich noch heute und da fragt man sich schon, wie das eine LV-Gesellschaft heute noch erreichen will.

Ich kann mir auch vorstellen, dass Banken aufgrund der aktuellen Zinssituation geringere Margen verdienen.

Was ich aber nicht nachvollziehen kann ist die Behauptung, dass normale Sparer derzeit durch die niedrigen Zinsen übervorteilt werden würden.

Netto-Tagesgeldrenditen im historischen Vergleich

Vergleichen wir aber einmal die heutige Situation mit der von früher. Wichtig ist natürlich die Inflationsrate als Vergleichsgröße.

Wie gesagt konnte man sich 1980 über 9% Tagesgeld-Zinsen freuen. Damals lag die Inflationsrate aber auch bei etwa 8%. Normalerweise musste man früher seine Zinserträge versteuern. Nehmen wir einmal an, dass nach Steuern von den 9% Zinsen noch eine Rendite von 6% geblieben ist. 6% bezogen auf die Inflationsrate von 8% ist netto ein Minus in Höhe von -2%.

Als man in den 1990er-Jahren 5% Zinsen bekam, war aber auch die Inflationsrate bei etwa 4%. Mindert man die damaligen Zinserträge noch um die Steuer, so hatte ein Anleger damals nach Steuern schätzungsweise 3%. Unter Strich also auch hier ein Minus, diesmal aber nur in Höhe von -1%.

Und wie ist es heute? Man kann Tagesgeldzinsen in Höhe von 0,8% bekommen, die Inflationsrate liegt etwa bei 0,4%. Versteuert man 0,80% Zinsen, so bleiben nach Abgeltungsteuer noch eine Rendite von etwa 0,59%. Und der Anleger hat netto ein Plus (nach Inflation uns Steuern) von ungefähr 0,20%. OK, das ist ein geringfügiges Plus. Aber es ist immerhin nach Steuern höher als in früheren Zeiten.

Ist das nicht merkwürdig. Trotz der nominal sehr niedrigen Tagesgeldzinsen, kommt ein Sparer heute netto besser weg als 1980 oder in den 1990er-Jahren. Und dennoch hat man heute das große Geschrei und die Vorstellung, dass früher alles besser war. So lassen sich die Menschen von nominal hohen Zinssätzen täuschen.

Das eigentliche Argument aber ist doch: Wer gar kein Risiko bei seiner Geldanlage möchte (aus welchen Gründen auch immer), der ist und bleibt mit Tagesgeld am besten aufgehoben. Das Seltsame derzeit ist ja, dass man manchmal hört, dividendenstarke Aktien könnten so etwas wie ein Tagesgeldersatz sein. So etwas zu behaupten, ist nicht nachzuvollziehen. Denn hohe Aktienrisiken bleiben hohe Aktienrisiken, und Sicherheit, wie man es beim Tagesgeld hat, ist etwas anderes.

Mancher Vermögensberater redet Tagesgeld schlecht – aus Eigeninteresse

Man sollte sich also Tagesgeld nicht schlechtreden lassen, sondern nüchtern überlegen, welche Anlageform, mit welcher Zielsetzung für einen persönlich am geeignetsten ist.

Das Schöne beim Tagesgeld ist immerhin, dass es eine sehr, sehr einfache, gut zu verstehende Form der Geldanlage ist. Dieselben Leute, die einem Tagesgeld mies reden möchten, preisen oft im selben Atemzug derart intransparente Anlageprodukte an, die kein normaler Privatanleger leicht verstehen kann. Und sehr häufig hat man dann, wenn man es gründlich durchrechnet, mit einem schlichten Tagesgeldkonto sogar eine höhere Rendite als mit einem solch intransparenten, schwer verständlichen Anlageprodukt.

2 Antworten
  1. xxxTrading
    xxxTrading says:

    Toller Artikel. Aus dieser Perspektive habe ich es noch nicht betrachtet. Man lernt halt jeden Tag dazu. Wie schon oben beschrieben sollte man sich nicht von einem Berater über den Tisch ziehen lassen. Bevor man sein Geld anlegen möchte sollte man selbst genau wissen wie hoch die eigene Risikobereitschaft ist. Sicherlich locken höhere Renditen einen aber man bedenke je höher die Rendite um so höher das Risiko.

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  2. Klaus-Dieter
    Klaus-Dieter says:

    Hallo Herr Dr. Petereins,

    Vor einigen Monaten gab es mal ein kleines Zeitfenster ,wo die Inflationsrate höher gewesen ist als die Zinsen die für ein Tagesgeldkonto zu bekommen gewesen sind. Aber wie gesagt ein kleines Zeitfenster. Ich stimme Ihnen in Ihrem Artikel voll und ganz zu, dass ein Tagesgeldkonto immer noch eine sehr gute Geldanlage ist. Gerade dann wenn Geld kurzfristig benötigt wird. Auch ist immer wieder festzustellen welche falschen Aussagen manche Medien tätigen und die Menschen in die irre führen.
    Wie immer ein toller Artikel.

    Gruß
    Klaus-Dieter

    Antworten

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