Ist der Schwarm ein besserer Ratgeber als Experten?

In DER WELT vom 15. Dezember (Seite 17) stand ein Artikel mit der Überschrift „Macht der Schwarm Experten obsolet?“ Untertitel: „Kaum ein Stratege hat die DAX-Rallye in diesem Jahr voraussgesagt. Höchste Zeit, die Intelligenz der Masse anzuzapfen.“

Der Autor des Artikels weist darauf hin, dass die meisten Analysten mit ihren Prognosen für den Verlauf der Kapitalmärkte in 2002 (wieder einmal) größtenteils komplett daneben lagen. Die wenigsten sagten vor einem Jahr voraus, dass 2012 ein gutes Börsenjahr werden würde. Die Frage ist natürlich, welche Konsequenz man aus diesem ständigen Versagen der Finanz-Auguren ziehen kann?

Der Autor des WELT-Artikels zieht die Konsequenz, es bei der Jahresprognose fürs Jahr 2013 diesmal nicht nur mit sogenannten Experten zu versuchen, sondern mit der breiten Masse:

„Wenn die Bankenprofis keinen Mehrwert mehr für Investoren liefern, ist möglicherweise die Masse intelligenter. Die relativ junge … Disziplin der ‚Behavioral Finance‘ setzt darauf, dass das geballte Wissen einer Ansammlung von Akteuren die Marktentwicklung besser vorhersagt… Die WELT wird daher in diesem Jahr das soziale Netzwerk Twitter bei den Prognosen für das kommende Jahr mit zurate ziehen …“

Ich glaube nicht, dass durch die angebliche „Intelligenz der Masse“ bessere Vorhersagen möglich werden. Ich halte diesen Gedanken für geradezu absurd …

Der Punkt ist nämlich, dass es normalerweise keinen Gegensatz zwischen Meinung der Masse auf der einen Seite und Meinung der Experten auf der anderen Seite. Gerade im Gegenteil. Das Problem mit den sog. Experten ist gerade, dass sie mit Vorliebe der Mehrheit nach dem Munde reden.

Warum? Schlicht weil es sehr gefährlich ist es nicht zu tun. Gerade für einen Experten, Fondsmanager oder einem typischen Vermögensverwalter. Nehmen wir beispielsweise an, alle Welt redet von den starken Gefahren von Kursverlusten in den nächsten Monaten. Und nehmen wir weiterhin an, dass sich ein Experte aus dem Fenster lehnt und auf das Gegenteil setzt, nämlich auf steigende Kurse. Dann ist er natürlich der Held, wenn er – gegen die Masse – recht behält. Größer ist aber für ihn die Gefahr, dass die Kurse tatsächlich in den Keller gehen. In diesem Fall, werden nämlich all seine Kunden und Auftraggeber sagen: „Wie konnten Sie hier nur so daneben liegen. Allen war doch klar, dass die Kurse abstürzen werden.“

Gegen den Strom zu schwimmen, ist gerade für professionelle Anleger ganz besonders schwer. Schwerer als für Privatanleger, die nur ihr eigenen Geld verwalten. Aus diesem Grund sind die angeblichen Experten zumeist in Indikator für die allgemeine Marktstimmung, eben der Stimmung der Masse.

Und überlegen wir es uns doch recht. Vor einem Jahr waren die allermeisten eher pessimistisch eingestellt. Die Krise schien den meisten noch lange nicht zu Ende zu sein. Hätten wir vor einem Jahr ein „Schwarm-Meinung“ für das kommende Jahr 2012 versucht herauszukristallisieren, sie hätte sich kaum von dem unterschieden, was die Experten vor einem Jahr gesagt haben. Die „Schwarm-Meinung“ wäre genauso daneben gelegen wie der Durchschnitt der Experten.

Ich kann mich jedenfalls gut an die Gespräch etwa vor einem Jahr erinnern. Die Stimmung war allgemein düster. Und wie sehr waren die Leute überrascht (nicht nur die Experten), als dann die Kurse im ersten Quartal 2012 explodierten. Und auch hier geschah wieder etwas typisches. Kaum sind die Kurse ein paar Monate lang nach oben gegangen, wurden die Anleger immer poistiver. So gegen März 2012 traf ich auf viele Menschen, die es für eine gute Idee hielten, jetzt wieder in den Aktienmarkt einzusteigen. Und oh Wunder! Auch die Experten sind mit einem Male optimistisch geworden.

Alles rechtzeitig für den nächsten Kursabschwung, den wir dann im zweiten Quartal 2012 erlebt haben.

Der „Schwarm“ ist durchaus nicht treffsicherer als die Experten. Beide sind gleichermaßen prozyklisch. Und beide sind gleichermaßen jederzeit der Entwicklung hintendran. Die Zukunft wird dann negativ gesehen, wenn die unmittelbare Vergangenheit (3-12 Monate zurück) negativ war. Und die Zukunft wird positiv gesehen, wenn die unmittelbare Vergangenheit positiv war. Ganz einfach.

Ein gutes Beispiel ist ja auch der Goldpreis. Über 20 Jahre (von 1980 bis 2000) ist der Goldpreis sukzessive nach unten gegangen. So dass im Jahr 2000 nur eine sehr, sehr kleine Minderheit Gold für eine gute Anlageform hielt. Inzwischen haben wir eine veritable Goldhausse erlebt, und jetzt sind sich sowohl viele Experten als auch eine große anzahl von Privatanleger sicher, dass Gold eine hervorragende Geldanlage ist. Auch hier dürfen wir auf den nächsten Abschwung warten und auf eine entsprechende Stimmungsumkehr.

Wäre es für viele Anleger nicht so verlustreich, so wären diese Zyklen eigentlich zum Lachen. Vor allem aber auch, dass die Leute nichts dazuzulernen scheinen. Dass einem hier eine „Schwarm-Meinung“ weiterhelfen könnte, halte ich für absurd. Die Stimmung der Masse, der viel zitierte Herdentrieb, das prozyklische Anlegen ist doch genau das Problem, nicht die Lösung. Insofern halte ich die Hoffnung des WELT-Journalisten, über den Schwarm treffendere Porgnosen herauszufinden, für illusorisch.

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