Geldanleger und der Herdentrieb

Am Montag den 10. September habe ich einen guten Artikel in der Süddeutschen Zeitung gelesen. Titel: „Meistens zu spät dran“. Diesen Artikel kann ich eins zu eins zustimmen. Darin wird das Ergebnis einer Untersuchung zitiert, die Ali Masarwah von Morningstar gemacht hat. Er überprüfte nämlich, an ein paar großen ung gut benoteten Fonds, wann sie besonders stark nachgefragt wurden…

In dem SZ-Artikel steht:

„Dieses frustrierende Erlebnis kennt fast jeder Anleger: Man kauft einen Investmentfonds, dem die Experten Bestnoten geben, mit hervorragender Renditeentwicklung über die vergangenen Monate und Jahre. Doch sobald er im Depot liegt, schwächelt der Performance: Die guten Zeiten scheinen jus mit dem Datum des Kaufs vorbei.

Zufall? Keinesfalls. Die meisten Anleger kaufen Fonds zum falschen Zeitpunkt – nämlich dann, wenn einen Phase guter Performance bereits abklingt oder gar schon vorbei ist…

Ein Grund dafür, dass die Anleger mit ihrem Timing häufig falsch liegen, ist der Herdentrieb. ‚Die Leute steigen ein, wenn alle einsteigen‘, sagt Experte Marsawah. Dann jedoch sei ein guter Teil des Aufschwungs schon vorbei. Dass die Investoren diesen Fehler zuahuf immer wieder machen, hat aber nicht nur mit deren Psyche zu tun. Schod daran ist auch die Art, wie die Produkte hier zu Lande vertreiben werden…

Mit Sprüchen wie ‚Dieser Fonds ist zuletzt super gelaufen‘ oder ‚Das ist ein ganz großer Anlegerfavorit‘ machen sich die Berater dabei den Herdentrieb der Anleger zu nutze. Wer ihm folgt, erlebt auch bei guten Fonds häufig eine eher bescheidene Renditeentwicklung…“

Genau um diesem fatalen Herdentrieb entgegenzutreten, habe ich in meinem Buch „Grundsätze soliden Investierens“ folgenden Grundsatz formuliert (S. 46):

Der unsachgemäße Umgang mit Vergangenheitsdaten, vor allem mit Charts, ist wertlos, häufig sogar gefährlich. Stellen Sie Ihre Anlageentscheidung nicht auf eine solch wackelige Basis wie gute vergangene Renditen! Die Zukunft kann ganz anders aussehen.“

Sehr häufig bekomme ich dann folgende Argumente entgegnet:

  1. Welches Kriterium für die Auswahl guter Fonds habe ich denn, wenn nicht gute Renditen in der Vergangenheit?
  2. Wenn ich zwei Fonds habe, Fonds A und Fonds B, und A ist in der Vergangenheit besser gelaufen als Fonds B. Ist das nicht ein Indiz dafür, dass A höchstwahrscheinlich auch in Zukunft bessere Renditen erzielen wird?

Meine Antwort auf die erste Frage:

Nein. Vergangenheitsdaten sind in keinem Fall ein gutes Auswahlkriterium für einen Fonds. Die entscheidende Frage ist zunächst: In welche Anlageklasse muss ich als Anleger investieren, um meine Anlageziele zu erreichen? Vor allem aber sollten die Risiken so minimal wie möglich gewählt werden. Wenn ein Anleger nur sehr geringe Risiken einzugehen braucht, um sein Anlageziel zu erreichen, so ist es schlicht dumm, einen risikoreichen Aktienfonds nur deswegen auszuwählen, weil er in der Vergangenheit eine gute Performance hatte. Denn „risikoreich“ bedeutet eben, dass auch Verluste möglich sind.

Und wenn man schon in ein bestimmtes Anlagesegment anlegen möchte (weil es mit Hinblick auf das persönliche Anlageziel sinnvoll ist), dann sind Gebühren und Kosten ein viel wichtigeres Auswahlkriterium als Vergangenheitsdaten. Ein Fonds der laufend 2% Gesamtkostenbelastung hat, erzielt eine bestimmte Zielrendite mit viel größerem Aufwand als ein entsprechender Fonds mit geringer Kostenbelastung.

Meine Antwort auf die zweite Frage:

Was gerne unterschätzt wird, ist der Faktor Glück und Zufall. Wenn ein Fonds über einen gewissen Zeitraum besser was als andere, dann muss das nicht unbedingt heißen, dass auch das Fondsmanagement wirklich besser ist. Bemerkenswert häufig hatten die Top-Performer schlicht und ergreifend Glück.

Wie Privatanleger ihre Fonds auswählen kommt mir manchmal so vor: Jemand schaut zwei Leuten beim Würfeln zu. Der Anleger beobachtet, welcher von beiden häufiger die Sechs gewürfelt hat. Sagen wir A würfelt 3, 6, 5, 6 und B würfelt 4, 2, 1, 1. Dann kommt der Anleger und wettet, dass A prinzipill besser würfeln kann. Immerhin hat er es ja schon in der Vergangenheit bewiesen. Offenbar wird der Anleger so nicht auf einen grünen Zweig kommen.

Viel wichtiger ist, dass man mit Systmatik und einer klaren Risikomanagement-Strategie, sein Geld anlegt.

8 Antworten
  1. Sebastian
    Sebastian says:

    Tja, ist schon schlimmer, als wenn alle nur durch die selbst Tür rennen. Aber zum Glück gibt es ja inzwischen die Möglichkeit, sich auch Otto-Normal-Infos einzuholen, die jeder versteht.

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  2. Lelala
    Lelala says:

    Genau dazu kann ich gut & gerne die Lektüre von Prof. Weber aus Mannheim empfehlen, er lehrt dort Bankbetriebslehre und forscht mit Fokus auf Behavioural Finance.

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  3. Finanzberater und Versicherungsmakler Ohligschläger in Hamburg
    Finanzberater und Versicherungsmakler Ohligschläger in Hamburg says:

    Die oben beschriebene, primitive Auswahl der Fonds wird ja in der Regel auch von Banken praktiziert. Es wird anhand der Vergangenheits-Performance auf die Zukunft geschlossen. Natürlich lässt sich die Qualität eines Fonds AUCH an der vergangenen Performance beurteilen. Aber dazu muss man auch die verschiedenen Zeiträume betrachten und z.B. mit berücksichtigen, wie er in einer Krisensituation reagiert hat. Glück ist tatsächlich ziemlich häufig der Grund für kurzfristige Rendite-Erfolge. Wenn man diese Position dann bis zum Ende durchlaufen lässt, dann kann man mal für 1, 2 oder 3 Jahre eine Top-Performance aufweisen, obwohl es keine Systematik dahinter gibt.
    Dieses Risiko lässt sich einfach nicht ausschließen. Deswegen ist die Vermeidung von Korrelationen und die möglichst breite Verteilung in den jeweiligen Anlageklassen, Regionen, Branchen und Währungen ein entscheidender Faktor. Das bedeutet natürlich für den Berater/ Vermögensverwalter mehr Arbeit, wenn man statt 5, 15 oder mehr Positionen im Bestand hat. Die dynamische Stop-Loss-Order spielt aus meiner Sicht auch eine zentrale Rolle in der Risikovermeidung. Jeder kennt das, wenn man im Plus war und die Gewinne nicht realisert hat, weil man dachte, es ist noch Luft nach oben. Das kann mit einer Stop-Loss-Order nicht passieren…

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  4. Thomas Ludolph
    Thomas Ludolph says:

    Das Herdentrieb-Szenario an der Börse trifft sehr häufig zu. Manche Anleger bedienen sich dazu aus dem Bildzeitungsindikator: wenn in der Bild-Zeitung steht, das Anleger Aktien kaufen sollen, ist der beste Zeitpunkt zum Verkauf seiner Engagements.

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  5. Turing
    Turing says:

    Das Beispiel mit den Würflern kann man ausweiten. Wenn 1000 Würfler ständig würfeln, dann wird man immer ein paar Leute haben, die gerade drei sechsen in Folge hatten. Da es aber weit mehr als 1000 Fonds gibt, gibt es immer Fonds, die gerade eine gute Phase durchmachen und deshalb angepriesen werden.

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  6. Richard
    Richard says:

    Der Herdentrieb wird leider auch noch durch unkritische Börsenberichte verstärkt, die von fachfremden Reportern verfasst werden, so wie bei der DotCom Blase. Die Daten der Vergangenheit sagen leider nur sehr selten was für die Zukunft aus. Da muß man nur an die ganzen abgestürzten Aktienkurse von den einstigen Börsenstars denken.

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