Was nun? Inflation oder Deflation?

Ich habe eben einen Artikel in der Financial Times Deutschland gelesen: Deflation als unterschätzte Bedrohung. Darin wird beschrieben, dass einige Wirtschaftswissenschaftler das Szenario einer Deflation in den nächsten Jahren für durchaus möglich halten. Das ist natürlich deswegen so bemerkenswert, weil die Stimmungslage der meisten Deutschen genau entgegengesetzt ist.

Erst gestern hatte ich wieder ein Gespräch mit einem Herren, der sich ganz und gar sicher war: „Staatsanleihen darf man derzeit nicht kaufen, weil eine Inflation unausweichlich ist.“ Aha, eine Inflation muss kommen, es gibt keine Alternative. Die Frage ist nur wann. So die Meinung sehr vieler Anleger momentan. Daher ja auch der Ansturm auf Gold und Immobilien. Nach dem Motto. Hier findet man einen Schutz vor Inflation.

Ich gebe zu: Eine Inflation ist ein mögliches Szenario. Aber keinesfalls ein notwendiges. Das stimmt einfach nicht. Und wer sich heute zu sicher ist, kann leicht eine böse Überraschung erleben.

Dass das Inflationsszenario alles andere als notwendig ist, belegt der genannte FTD-Artikel. Denn wie könnten Wirtschaftswissenschaftler das Gegenteil einer Inflation, nämlich die Deflation, für wahrscheinlich halten, wenn die Inflation unausweichlich ist. Offenbar gibt es diese Unausweichlichkeit nicht. Man kann in diesem Punkt durchaus unterschiedliche Erwartungen haben. Es gibt keine Gewissheit.

Was mich sowieso schon seit längerem wundert, ist, dass Inflationsbefürchter offenbar das Schicksal Japans komplett ausblenden. Das Argument ist ja meistens: Hohe Staatsverschuldung muss notwendigerweise in einer Inflation münden. Nun ja, Japan ist sehr stark verschuldet, aber leidet seit 20 Jahren an einer Deflation. Offenbar kann an dem Schluss: „Hohe Staatsverschuldung => Inflation“ etwas nicht stimmen.

Wie gesagt: ich möchte nicht ausschließen, dass es vielleicht in den nächsten Jahren zu einer hohen Inflation kommen wird. Das ist durchaus denkbar und möglich. Ich wehre mich aber dagegen, wenn hier von einer unausweichlichen Notwendigkeit gesprochen wird. Bzw. halte ich es für direkt gefährlich, wenn sich Leute zu sicher sind, dass eine Inflation unabwendbar auf uns zukommt. Wenn sich Leute zu sicher sind, folgen schnell gravierende Fehlentscheidungen in Sachen Geldanlage.

2 Antworten
  1. Christian Probst
    Christian Probst says:

    Absolut richtig. Deflation wird immer vernachlässigt, und die Inflationsgefahr teilweise hochgeredet. Eine Inflation gibt es meistens, und geringe Inflationsraten sind sogar förderlich für den Wohlstand einer Volkswirtschaft. Im gegenwärtigen ESZB sehe ich aber keine Gefahr einer gallopierenden Inflation, die in Massen Wert vernichten würde, dass Staatsanleihen als Investition ausfallen.

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  2. Martin Hark
    Martin Hark says:

    Ein wirklich sehr interessanter Artikel. Ich habe mich jüngst mit demselben Thema beschäftig. Es stellte sich mir die Frage ob eine hohe Inflation (Hyperinflation) oder eine Deflation schlimmer ist. Betrachtet man die Inflation, so wird man schnell feststellen, dass ein gewisses Maß für die Wirtschaft gesund ist. Steigt diese jedoch über eine gewisse Höhe (Hyperinflation) so ist sie immens bedrohlich. In einer gesunden Wirtschaft wird es immer Konjunkturzyklen geben. Je nach Zyklus herrscht entweder eine Inflation oder Deflation vor. Erst der Eingriff seitens der Staaten / Zentralbanken mithilfe der Geldpolitik führt zum ausufern beider Seiten. Die Ursache für eine hohe Inflation (Hyperinflation) wird immer in der Geldpolitik gelegt. Eine normale und gesunde Deflationsphase (Wirtschaftsabschwung) wird in der Regel nicht zugelassen. Die Zentralbanken versuchen diese Phase mit der Geldpolitik zu umgehen. Die daraus resultierende expansive Geldpolitik stellt die Grundlage für eine Hyperinflation dar. Einer sehr hohen Inflationsphase geht somit meist eine Deflationsphase voraus, auch wenn diese durch die expansive Geldpolitik oftmals nicht zu sehen ist. Ob eine jetzt Deflationsphase oder eine hohe Inflationsphase schlimmer ist, kann meiner Meinung nicht eindeutig beantwortet werden. Bei einer Hyperinflation kann ein Neustart (in der Regel ein Währungsneustart) schneller vonstattengehen. Die Auswirkungen finden hierbei in einem sehr kurzen Zeitfenster statt. Das Endergebnis einer Deflation ist meist nichts anderes … jedoch wird der Crash in der Regel nach hinten verschoben …

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