Griechenland – Parallelen zur Mexikokrise 1995

Ich lese gerade die Autobiografie von Alan Greenspan: Mein Leben für die Wirtschaft. Ab Seite 186 beschreibt Greenspan die Mexiko-Krise von 1995. Selbstverständlich gibt es Unterschiede, dennoch sind für mich die Parallelen zur aktuellen Griechenland-Krise frappierend…

Greenspan schreibt (S. 186):

„… Ende Dezember [1994] wurde klar, dass Mexiko am Rande des finanziellen Zusammenbruchs stand. Das Problem waren … Anleihen in Milliardenhöhe, die aufgenommen worden waren, als die Wirtschaft geboomt hatte. In der letzten Zeit war das Wachstum jedoch zurückgegangen, … was die Rückzahlung der Dollarkredite umso schwerer machte. Als Mexikos Führung um Unterstützung ersuchte, befanden sich die Regierungsfinanzen im Abwärtstrend, 25 Milliarden US-Dollar wurden innerhalb des folgenden Jahres fällig …“

Ähnlich wie Griechenland heute steckte Mexiko Ende 1994/Anfang 1995 in einer schweren Staatsschuldenkrise. Und ähnlich wie heute bat der in Not geratene Staat um finanzielle Hilfe von anderen Nationen.

Zwar haben die USA und Mexiko keine Währungsunion, aber immerhin sind beide Staaten Mitglieder der nordamerikanischen Freihandelszone NAFTA. Wenn man so will, eine entfernte Parallelität zum gemeinsamen Wirtschaftsraum der EU.

Und ähnlich wie heute befürchteten die Marktteilnehmer eine Art Domino-Effekt. Greenspan schreibt weiter:

„Keiner von uns hatte die lateinamerikanische Schuldenkrise des Jahres 1982 vergessen, als Mexiko mit der Zahlung von 80 Milliarden US-Dollar in Verzug geriet und ein Dominoeffekt von Refinanzierungen in Brasilien, Venezuela, Argentinien und anderen Staaten ausgelöst hatte. Damals wären beinahe einige der großen US-Banken zu Fall gekommen … Auch die Mexiko-Krise [von 1995] konnte auf andere Länder übergreifen, und durch die zunehmende Integration der Finanzmärkte und des Handels waren nicht nur lateinamerikanische Staaten bedroht, sondern auch Entwicklungsregionen in aller Welt. Außerdem waren die USA und Mexiko inzwischen stärker voneinander abhängig, wie die NAFTA belegte.“

Greenspan drängte 1995 zu einen Rettungsmaßnahmen für Mexiko:

„… Hinter den Kulissen drängte ich …, die Unterstützung der USA sollte massiv und rasch erfolgen. Um den Zusammenbruch zu verhindern, benötigte Mexiko ausreichende Mittel, um Investoren davon abzuhalten, ihre Pesos abzustoßen und eine sofortige Rückzahlung ihrer Kredite zu verlangen. Es wäre dann so, als würde eine Bank Geld im Fenster ausstellen, um einen Run zu verhindern – eine psychologische Taktik, die Banken in den Finanzkrisen des 19. Jahrhunderts angewandt hatten.

… Am 15. Januar legte Präsident Clinton … dem Kongress ein 40 Milliarden Dollar schweres Paket zur Abstimmung vor.

So dramatisch diese Geste war, so schnell wurde deutlich, dass das Paket politisch keine Chance hatte. US-Bürger haben sich immer geweigert zu akzeptieren, dass die Finanzprobleme eines anderen Landes Auswirkungen auf die USA haben könnten… Sämtliche Gegner der NAFTA … erhoben sich, um die Rettungsaktion zu verhindern. ‚“

Auch hier sind die Parallelen offensichtlich:

  • Rasche und massive finanzielle Hilfen wurden damals für Mexiko wie heute für Griechenland gefordert, damit sich die Märkte beruhigen konnten und ein größeres Desaster abgewendet werden kann.
  • Damals wie heute geht es um große Milliarden-Beträge, die eine Nation von einer anderen Nation als Finanzhilfe einfordert.
  • Damals wie heute sind diese Finanzhilfen bei der Bevölkerung der Gebernation nur schwer durchsetzbar. Die Notwendigkeit wird nicht verstanden und die Finanzhilfe werden von der Mehrheit als „Geschenke“ empfunden für eine andere Nation, die selbst an ihrem Desaster schuld ist.
  • Damals traten die NAFTA-Kritiker auf den Plan, heute sind es die EU- und Euro-Kritiker.

Ein fundamentaler Unterschied zwischen Mexiko damals und Griechenland heute besteht darin, dass die EU-Staaten sich sehr schwer tun, eine gute Lösung rasch auf den Weg zu bringen. 1995 reagierten die Verantwortlichen in der US-Regierung trotz der politischen Schwierigkeiten schnell und effektiv (S. 188):

„Die Situation konnte nicht warten … Als Mexiko Ende Januar auf der Kippe stand, nahm die US-Regierung die Sache selbst in die Hand. Robert Rubin entschied sich für eine Lösung, die zu Beginn vorgeschlagen … war und griff in einen Fonds des Finanzministeriums, der noch unter Franklin D. Roosevelt zur Stützung des Dollar eingerichtet worden war. Rubin war unwohl bei dem Gedanken, Milliarden von Dollars zu riskieren. Denn obwohl die Kongresspolitiker zum Einlenken bereit waren, konnte der Eindruck entstehen, er wolle den Willen der Bevölkerung umgehen. Eine Befragung hatte ergeben, dass 79 Prozent der Wähler dagegen waren, Mexiko zu untersützen, und nur 18 Prozent dafür.“

Am Rande bemerkt: Neulich habe ich in der SZ (27.06.11, S. 17) gelesen, dass etwa 71 % der Deutschen stark anVertrauen zum Euro  verloren haben, nur 19 % hätten noch großes Vertrauen. Bei Mexiko waren damals 79% der US-Amerikaner gegen das Rettungsprogramm. So weit geht die Parallelität zwischen der Mexiko-Krise und der aktuellen Krise. Greenspan fährt weiter (S. 189):

„Die Entscheidung [Rubins zur Mexiko-Rettung] brachte die Wende … Der IWF und andere internationale Einrichtungen brachten ihrerseits Garantien auf, so dass schließlich ein Paket … in Höhe von 50 Milliarden US-Dollar zur Rettung Mexikos bereitstand. Das waren keine Geschenke, wie Kritiker behaupteten, im Gegenteil … Die USA verdienten schließlich sogar noch 500 Millionen US-Dollar an der Aktion.“

Auch hier wieder eine Parallelität: Damals redeten Kritiker von „Geschenken“ an Mexiko, heute glaubt der Großteil der deutschen Bevölkerung, dass wir den Griechen etwas „schenken“ würden. Damals wie heute ist das aber falsch. Es handelt sich um vergebene Kredite, die irgendwann einmal fällig werden und für die Griechenland Zinsen zahlen muss. Von einem Geschenk kann keine Rede sein.

Ja, Griechenland ist in großen Schwierigkeiten. Und die Verantwortlichen in Griechenland haben große Fehler begangen. Besonders ungut ist die Vetternwirtschaft, durch die sich alle griechischen Parteien, besonders aber die jetzt oppositionelle Nea Demokratia, hervorgetan haben.

Und dennoch haben wir heute kaum eine andere Alternative, als den Griechen zu helfen. Griechenland ungeordnet in die Insolvenz laufen zu lassen, kann Folgen haben, die wir heute noch gar nicht abschätzen können. Genau das hat uns die Lehman-Pleite gelehrt. Viele dachten am ersten Tag der Lehman-Pleite, dass das ein korrektes Vorgehen ist, eine in Not geratene Bank auch einmal Pleite gehen zu lassen. Heute sind sich fast alle einig, dass sich dadurch alles verschlimmert hat und es weitaus günstiger für alle gewesen wäre, Lehman zu retten. Manchmal sollte man auch etwas aus der Geschichte lernen. Und wer heute fordert, den Griechen nicht zu helfen, ruft zu einem unkontrollierbaren Experiment mit nicht absehbaren Folgen auf.

So ist nun einmal die Sachlage. Und jetzt muss geholfen werden. Punkt. Über die Schuldfrage können wir hinterher immer noch diskutieren. Das wichtige ist, dass sich die Märkte jetzt wieder beruhigen und im Laufe der Zeit die Panik-Stimmung weichen kann. Genau dazu sind Zeichen und entschlossendes Handeln notwendig. Ich bin der Überzeugung, dass sich alles nicht so hochgeschaukelt hätte, wenn die Europäer schon früher und in aller Klarheit gesagt hätte: „Ja, Griechenland, wir stehen zu dir.“ Ähnlich wie in der Finanzkrise 2008 Kanzlerin Merkel vor die Kameras getreten ist und gesagt hat: Bankkunden können sich beruhigen, der Staat wird alle Einlagen garantieren. Das war damals vor allem eine symbolische Geste mit dem Ziel zu beruhigen. Denn eine weitere Exkalation hätte dramatische Konsequenzen gehabt.

Viele behaupten, dass Griechenland seine Schulden niemals zurückzahlen könne. Ich frage mich, wie solche Behauptungen entstehen. Natürlich kann Griechenland das schaffen. Dazu möchte ich zunächst einen SZ-Artikel vom 18. Juni zitieren:

„‚Wir erleben eine vergiftete Debatte‘, sagt Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Brmer Landesbank….  ‚Die griechische Bevölkerung bezahlt einen hohen Preis‘, so Hellmeyer. Das Land habe 2010 sein Haushaltsdefizit um fünf Prozentpunkte gesenkt. ‚Das hat noch kein anderes Land jemals geschafft.‘ Es dauere eben ein paar Quartale, bis fiskalische Effekte Wirkung zeigen und die griechische Wirtschaft wieder anspringe. ‚In zwölf Monaten ist die Debatte vorbei, Athen ist auf einem guten Weg.'“

Lesenswert ist auch foglender Artikel vom 29.6.11 aus der Financial Times Deutschland. „Die Wachstumschancen der griechischen Wirtschaft„. Darin werden drei Wachstumsbranchen genannt, die die griechische Wirtschaft wieder nach vorne bringen können:

  • Reedereien. Z.B. belegen griechische Eigner bei Tankern mit 1165 Schiffen den Platz eins weltweit.
  • Transportbranche: Günstige Lage Griechenlands zwischen dem Nahen Osten und dem Schwarzen Meer einerseits und Europa andererseits.
  • Tourismus: Der Luxus-Tourismus ist noch ausbaufähig.
  • Grüne Technologien: Photovoltaik.
  • Pharmaindustrie: Ja, wer hätte es gedacht, Griechenland ist stark bei Pharmaprodukten.
  • Schiffbau.

Die Zeiten sind schwierig, mit viel Unsicherheit blicken wir in die Zukunft. Es wird aber auch Zeit, nicht immer nur schwarz zu sehen, sondern sich hin und wieder auf optimistische Aspekte zu besinnen.

2 Antworten
  1. TÜLAI
    TÜLAI says:

    Während diejenigen, die irgendwelche Vermögenswerte angesammelt haben, derzeit vielleicht von Befürchtungen beschlichen werden, dass Teile unwiederbringlich verloren gehen werden, können dagegen alle armen Schlucker völlig entspannt und unbekümmert Weblogs kapern.

    Hat die Linke doch recht?
    Gesprächsleitung: Eggert Blum, SWR2 Forum vom 18.08.2011.
    Es diskutieren: Prof. Dr. Elmar Altvater – Politikwissenschaftler und Ökonom, Freie Universität Berlin, Prof. Dr. Thomas Straubhaar – Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts

    http://swrmediathek.de/player.htm?show=d38d6040-c9bb-11e0-8bf6-0026b975f2e6
    ——————————

    Als Laie vermute ich, dass ein planvoller Schuldenerlass letztlich der beste und friedlichste Ausweg aus der Überschuldung sein wird.
    Hoffentlich gelangen viele derer, die überreichlich haben, zu dieser Ansicht, so dass bei uns gesellschaftlich alles friedlich abläuft.
    Anderenfalls fürchte ich, dass es zu großer innergesellschaftlichen und zwischengesellschaftlichen Gewalt kommen wird.

    Viele Grüße
    TÜLAI

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