Kant und Anlageberatung

Im Jahre 1784 schrieb der Philosoph Immanuel Kant den Aufsatz „Zur Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ Diese berühmte Schrift beginnt so:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursche derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Erschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!, ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Nachfolgend schreibe ich darüber, was diese Sätze mit Geldanlage und Anlageberatung zu tun haben …

Viele Anlageberater verkünden vermeintliche Gewissheiten

In Vermögensfragen gehen viele Deutsche zu ihrem Bankberater. Was dieser sagt, wird für bare Münze genommen. Der Berater kennt (vorgeblich) nicht nur die derzeit attraktivsten Anlageprodukte, er kann auch Auskunft über künftige Kapitalmarktentwicklungen geben. „China ist der Wachstumsmarkt der Zukunft“ oder „Silber hat noch Potenzial“ – der Kunde hörts und staunt: Hier weiß jemand offenbar etwas, was andere nicht wissen.

Um seine Expertise zu unterstreichen, spricht der Anlageberater eine Sprache, die der Kunde nicht versteht. Da geht es um „Candle-Stick-Formationen“, den „gleitenden 200-Tage-Durchschnitt“, „Turbo-Express-Zertifikate“, „All-Time-High-Garantien“ etc. etc. Wer so spricht, muss doch ein Experte sein, – so möchte man meinen.

Ein solcher Bankberater verkündet Gewissheiten. Er redet fachkundig und mit großer Überzeugung. Wer will dieses Wissen in Frage stellen?

Und doch handelt es sich sehr häufig darum, dass der Kunde darauf verzichtet, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen. Er vertraut einfach. Und zwar auf das vermeintliche Wissen und die Autortät seines Anlageberaters. In den Worten Kants: Der Kunde begibt sich in die Unmündigkeit.

Und diese Unmündigkeit ist selbstverschuldet. Denn der Kunde muss ja nicht auf seinen Bankberater hören. Nichts zwingt ihn dazu. Vielmehr fehlt ihm schlicht der Mut, sich seine eigenen Gedanken zu machen.

Wage es zu denken! Und du wirst feststellen, dass kaum eine der Gewissheiten, die der Berater verkündet, wirklich Gewissheiten sind. Das angebliche Wissen weicht dem Zweifel, dem Sokratischen „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Wage es zu denken! Und du wirst feststellen, dass die meisten der sogenannten Fachbegriffe nichts weiter als leere Worthülsen sind.

Hier beginnt die Aufklärung: Beim Einsatz des eigenen Verstandes und beim In-Frage-Stellen von Autoritäten und Gewissheiten.

Für diejenigen, die bisher die Wahrheit für sich beanspruchten, ist Aufklärung sehr unangenehm. Aufklärer wurden verfolgt, ihre Bücher verboten.

Aber auch für diejenigen, die dazu ermuntert werden, den Gebrauch des eigenen Verstandes zu wagen, ist Aufklärung häufig unangenehm. Denn es ist so viel einfacher, seine Meinungen durch jemand anderes leiten zu lassen.

Wo man einen Finanzexperten braucht

Es kommt aber noch etwas anderes hinzu, sozusagen ein Gegenargument: Ist es nicht so, dass wir in vielen Bereichen einfach auf einen Fachmann vertrauen? Und ihn in seinem Bereich als Autortät akzeptieren?

Beispielsweise vertrauen die meisten darauf, dass der KFZ-Machaniker das Auto wohl reparieren wird. Oder wir vertrauen auf die Fachkenntenisse eines Arztes. Es ist kaum praktikabel, alles in Frage zu stellen, was irgendein Experte uns erzählt. Also, so könnte man sagen, ist es dann nicht auch im Bereich der Geldanlage sinnvoll, auf einen kompetenten Fachmann zu hören?

Ich denke auch, dass das sogar stimmt – allerdings mit einer Einschränkung. Der Fachmann in Geldanlagedingen kann keine Gewissheiten verkünden. Das ist der Unterschied zu den meisten anderen Arten von Experten. Ein KFZ-Mechaniker kann beispielsweise sagen: „Das Auto ist funktioniert wieder, wenn wir den und den Schaden behoben haben.“ Das ist ziemlich klar und sehr sicher.

Im Geldanlagebereich gibt es diese Gewissheiten nicht. Und wer als Berater behauptet, im Besitz von sicherem Wissen zu sein, ist fast immer ein schlechter Ratgeber. Und da gibt es genügend. Leute, die genau zu wissen meinen, wie es an den Börsen weitergeht, ob nun eine Inflation kommt oder nicht, wie sich die Immobilienpreise oder die Zinsen entwickeln werden. Letzlich wissen sie alle nichts. Gar nichts.

Ein guter Anlageberater ist vielmehr jemand, der über all diese Unsicherheiten und Unwägbarkeiten im Geldanlagebereich aufklärt und kein Scheinwissen vorgaukelt.

In diesem Sinne regt ein solcher Berater sozusagen dazu an, sich selbst seine eigenständigen Gedanken zu machen. Er versteht sich selbst nicht als unfehlbare Autorität. Auf diese Weise wird der Kunde gleichberechtigt und partnerschaftlich behandelt.

Know-How: historisches Wissen

Welche Funktion hat aber dann ein guter Anlageberater? Kann man man vielleicht ganz auf ihn verzichten?

Ein guter Anlageberater weiß über frühere, historische Entwicklungen am Kapitalmarkt Bescheid. Die meisten Anleger kennen die aktuelle Entwicklung und vielleicht sind noch die Ereignisse der letzten 5 Jahre präsent. Viel weiter geht es zumeist nicht zurück. Sehr häufig ist die Erinnerung auch getrübt oder stellt Fakten falsch dar.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Viele Anleger glauben daran, dass man mit Immobilien keine Verluste machen kann. Ein kundiger Anlageberater kann darüber aufklären, dass das beileibe nicht der Fall ist. Dass es vielmehr Phasen gab, in denen Immobilien innerhalb kürzester Zeit mehr als 30% an Wert verloren haben – auch in sehr guten Lagen. Ein guter Anlageberater weiß auch, dass es neben der akutellen Finanzkrise noch andere große Krisen gab, die gar nicht so lange her sind. Beispielsweise die sog. Savings-and-Loans-Krise in den 1980er-Jahren, bei der seinerzeit über 1000 US-Banken pleite gingen. Oder die Bankenkrise in Schweden Anfang dern 1990er-Jahre. Oder dass Griechenland nach dem Zweiten Weltkrieg schon etliche Male zahlungsunfähig war. Oder dass es im 19. Jahrhundert etwa alle 10 Jahre eine schwerwiegende Finanzkirse gab. Was es tatsächlich mit dem Goldstandard auf sich hat. Etc. Etc.

Ein solches historisches Wissen relativiert einiges dessen, wass man aktuell erlebt und was man derzeit so alles zu hören bekommt. Vor allem lehrt einem ein solches historisches Wissen eines: Was es schon alles gab und was somit alles möglich ist. Viele von uns glauben ja an Notwendigkeiten: „Immobilien müssen eine gute Geldanlage sein“ – „Aktien haben immer eine bessere Rendite als Anleihen.“  – „Ein harte Währung ist immer gut für die Wirtschaft.“ Interessant ist, dass man für jede dieser Aussagen Beispiele in der Vergangenheit finden kann, bei denen das Gegenteil richtig war.

Sehr viele Anleger lassen sich – sei es durch die Medien, durch Bücher oder durch angebliche Börsengururs – dazu verleiten, an angebliche Gewissheiten zu glauben. Ein guter Anlageberater hilft Anlegern dabei, diese Gewissheiten wieder in Frage zu stellen, um zu erkennen, dass es tatsächlich keine Gewissheiten sind und dass sich alles auch ganz anders als erwartet weiterentwickeln kann.

Know-How: Risikomanagement und Anlageziele

Daher ist auch ein guter Anlageberater vor allem eines: Ein Risikomanager. Auch das ist ein Gebiet, das von den meisten Privatanlegern sträflich vernachlässigt wird.

Ein guter Anlageberater verhilft dem Anleger ferner, seine Anlageziele zu erkennen. Fast jeder Anleger, mit dem ich zu tun habe, hat sich nicht hinreichend mit diesem Thema beschäftigt. Zumeist fragen die Anleger: „Können Sie mir ein gutes Anlageprodukt nennen?“ Oder „Ist es aktuell gut in Aktien zu investieren oder soll ich noch etwas warten?“ oder „Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung des Goldpreises ein? Ist es schon zu spät, in Gold zu investieren?“

All solche Fragen sind letztlich unbeantwortbar, wenn man sich nicht zuvor darüber Gedanken gemacht hat, was der Anleger mit seinem Vermögen überhaupt erreichen will. Was genau will er bezwecken? Welches Anlageziel hat er?

Und erst aus dem Blickwinkel dieses Zieles kann ein Anlageentscheidung gut oder schlecht sein. Je nachdem, ob es dabei hilft, das Anlageziel zu erreichen oder nicht, kann ein Anlageprodukt sinnvoll oder unsinnig sein.

Ein guter Anlageberater hilft dem Anleger dabei, seine Anlageziele zu erkennen und seine Anlageentscheidungen auf dieses Ziele auszurichten. So dass die ganze Sache eine klare Struktur und Ausrichtung erhält.

Know-How: Kosten-Minimierung und Produkt-Kenntnis

Das Thema Kosten ist  ein weiterer Punkt, bei dem ein guter Anlageberater hilfreich sein kann. Gebühren und Kosten zu minimieren, ist einer der wichtigsten Faktoren für den langfristige Anlageerfolg. Die wenigsten Anleger wissen, wo genau sich alle Kosten bei ihren Finanzprodukten verstecken. Sehr häufig sind sie sich der Bedeutung der Gebühren und Kosten  nicht einmal bewußt.

Ein guter Anlageberater zeigt auf, wo genau sich welche Kosten verbergen und wie man sie entweder beseitigt oder minimieren kann.

Viele Anleger meinen, dass beispielsweise ein Honorarberater nur zusätzliche Kosten verursacht. Das Paradoxe ist, dass ein guter Anlageberater in der Regel die Kosten so weit reduzieren kann, dass eine Betreuung ohne Berater für den Kunden mehr kostet als mit. So jedenfalls meine Erfahrung.

Ein letzter Punkt, bei dem ein guter Anlageberater für einen Kunden sehr wertvoll sein kann, besteht in seiner Kenntnis von Anlageprodukten.

Ein guter Anlageberater belehrt nicht, sondern klärt auf

Ich habe eben eine Reihe von Bereicen genannt, bei denen ein guter Anlageberater bares Geld wert sein kann. Bin ich damit aber nicht wieder an meinen Ausgangspunkt zurückgekehrt? Muss der Anleger im Falle einer guten Anlageberatung wieder seinen Verstand vorne an der Gaderobe abgeben und rein auf die Autorität des Beraters vertrauen?

Ich denke: das gerade nicht. Ein guter Berater belehrt nicht, sondern klärt auf. Er redet versändlich und nachvollziehbar. Er zeigt die Grenzen seines eigenen Wissens auf. Weist darauf hin, über welche Risiken und Unsicherheiten auch er als kompetenter Anlageberater nicht hinweghelfen kann.

In den genannten Bereichen: historisches Wissen, Risikomanagement, Anlageziele, Kostenminimierung und Produktkenntnis, verhilft der gute Berater dem Anleger, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen. Ein guter Anlageberater versteht sich also selbst als Aufklärer und nicht als Autorität, an die andere bedingungslos zu glauben haben. Das ist der Unterschied. Und damit bin ich wieder bei Kant.

„Eine gute, aufklärende Anlageberatung ist der Ausgang des Anlegers aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit des Anlegers ist das Unvermögen, sich seines Verstandes in Geldanlagefragen ohne Leitung eines Bankberaters, der Medien oder sogenannter Börsengurus zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursche derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Erschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes in Geldanlagefragen zu bedienen!, ist also der Wahlspruch der aufklärender Anlageberatuung.“

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