Gerd Gigerenzer aus dem „Einmaleins der Skepsis“

Ich habe eben mit dem einem Buch von Gerd Gigerenzer begonnen. Titel: „Das Einmaleins der Skepsis: Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken„.

Darin geht es, wie uns Statistiken manchmal eine Gewissheiten vorgaukeln, die tatsächlich nur scheinbar sind. Gerd Gigerenzer bezieht seine Beispiele vor allem aus dem medizinischen Bereich. Interessanterweise kann man das, was er sagt, meiner Meinung nach auch sehr gut auf die Anlageberatung übertragen …

Auf Seite 28 seines Buches schreibt Gerd Gigerenzer:

„Gewissheit ist inzwischen zu einem Produkt geworden. Sie wird weltweit vermarktet: durch Versicherungsgesellschaften und Anlageberater, aber auch im Wahlkampf und in der Medizin …

Die Illusion der Sicherheit oder der Gewissheit kann erzeugt und ausgenutzt werden, um politische oder wirtschaftliche Ziele zu erreichen …“

Besonders spannend finde ich, was er auf Seite 35 ff. über Mediziner schreibt:

„Diese [eben geschilderte] Diskussion macht deutlich, welche komplexen Motive, Emotionen und Überzeugungen in der Ärzteschaft hinsichtlich der Illusion von Gewissheit herrschen, deren Existenz von keinem der Teilnehmer bestritten wurde. Die einzelnen Ärzte gehen mit dieser Frage auf unterschiedliche Weise um. Soll der Arzt den Patienten die Illusion rauben und ihnen die Unsicherheiten aufzeigen, die mit einer Therapie verknüpft sind? Sollte ien Arzt stets sagen, ‚ich weiß es nicht‘, wenn dem so ist?

Eine Gruppe von Ärzten auf dieser Tagung war überzeugt, dass Unsicherheiten nicht ganz enthüllt werden sollten. Einige meinten, die meisten Patienten würden die Ungewissheiten nicht verstehen, würden durch deren Kenntnis nur noch mehr verwirrt werden und könnten sich dann sogar entschließen, zu einem anderen Heilkundigen zu gehen, nämlich zu einem, der ihnen Gewissheit bietet. Andere Ärzte wiesen auf praktische Zwänge hin: Es ist schwierig, den Patienten vollständig über die Risiken einer Behandlung zu informieren, wenn der Kontakt durchschnittlich nur fünf Minuten dauert. Nach Ansicht dieser Ärzte wollen die Patienten beruhigt, aber nicht informiert werden. Sie sehen das Gespräch eher als ein Ritual, bei dem der Patient das Gefühl bekommt, dass man sich um ihn kümmert.

Eine zweite Gruppe von Ärzten war jedoch überzeugt, dass Autorität und emotionale Beruhigung nicht alles ist, was Patienten brauchen, und dass viele Patienten mit Ungewissheit umgehen können…

Weil sich Nachteile und Nutzen für Ärzte und Patienten in der Regel voneinander unterscheiden, ist es unerlässlich, dass die Patienten informiert werden und so in der Lage sind, ihre Behandlung entsprechend zu wählen… Ein guter Arzt wird es dem Patienten nicht verschweigen, wenn ihre Interessen auseinander laufen. Die Illusion der Gewissheit … wirkt als mentales Hindernis, wenn man sich seine eigene Meinung bilden und seine entscheidung danach treffen will.“

Die Analogie zur Finanzbranche ist frappierend.

Ungewissheit

Ich bin seit über 20 Jahren im Kapitalanlagegeschäft tätig, unter anderem bei einem großen institutionellen Anleger. Fast jeden Finanzprofi, den ich getroffen habe, hat unter mehr oder weniger vorgehaltener Hand eingeräumt, das wir alle nur im Trüben fischen. Wir alle sind im Bereich der Geldanlage einer sehr hohen Ungewissheit und Unsicherheit ausgesetzt. Das, was früher geklappt hat, muss noch lange nicht in Zukunft klappen.

Die Illusion der Gewissheit

Der Unterschied ist nur, wie man als Finanzprofi mit dieser Ungewissheit umgeht, insbesondere seinen Kunden gegenüber. Bemerkenswert viele Finanzexperten glauben tatsächlich, dass es wichtig ist eine Illusion der Gewissheit seinen Kunden gegenüber aufrecht zu halten. Darin sind sie offenbar vielen Ärzten nicht unähnlich.

Die Argumente dieser Finanzdienstleister sind auch ganz ähnlich. Die meisten denken nämlich, dass die Kunden es von Ihnen erwarten, Gewissheit und Sicherheit zu besitzen. Warum sollte man denn sonst zu einem Anlageberater gehen, wenn der genauso viel bzw. genauso wenig weiß, wie der Kunde selbst? – So denken viele.

Und viele Anlageberater meinen auch: „Wenn ich nicht diese Sicherheit ausstrahle sagen zu können, wohin die Reise an den Finanzmärkten weitergeht, dann wenden sich meine Kunden an jene, die diese Sicherheit eben vorgeben.“

In der Finanzbranche wird die Illusion der Gewissheit auf verschiedene Weise erzeugt:

  • Durch vermeintliche „Börsengurus“, die etwas zu wissen oder zu können vorgeben, was die Masse nicht weiß oder kann.
  • Durch große Research-Abteilungen, die eine Unmenge an Zeit und Geld in die Analyse der Märkte und Wertpapiere stecken.
  • Durch Chart-Analyse, indem vorgebliche Muster einen künftige Entwicklung voraussagen soll.
  • Durch statistische Analysen von Vergangenheitsdaten.

Ja, auch statistische Analysen von Vergangenheitsdaten sind hochgradig dafür geeignet, bei Kunden die Illusion der Gewissheit zu erzeugen. Und Anlageberater, die gerne mit statistischen Analysen arbeiten, wollen genau so begründen, warum sie für ihre Kunden unverzichtbar und wichtig sind. Dass sie ein Wissen haben, das der einfache Bundesbürger nicht hat.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch daran. Etwa vor 10 Jahren sind verschiedene Finanzvertriebe herumgerannt und haben ihren Kunden „Markowitz-optimierte“ Portfolios entworfen. Endlich, so wurde jubiliert, würde man Geldanlage betreiben basierend auf wissenschaftlichen Methoden. Erwartete Renditen, Standardabweichungen Korrelationskoeffizienten – jetzt alles zum Wohle des einfachen Normalanlegers.

Ich habe mich damals kaputtgelacht. Interessanterweise hört man davon gar nichts mehr. Hin und wieder treffe ich auf einen Anleger, dem damals ein „optimiertes“ Portfolio verkauft wurde und heute über die Maßen enttäuscht ist. „Markowitz-Optimierung“: das war damals nichts anderes als ein Marketing-Trick. Mit dem Ziel, den Anlageberater kompetenter erscheinen zu lassen als er ist.

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