Wie sinnvoll ist die Risikoklassifierung?

Wenn man zur Bank geht, um Anlagegeschäfte zu machen, dann muss man zunächst einige Fragen beantworten. Unter anderem muss man Angaben zu seinem Risikoprofil machen. Dabei gehen die Banken in der Regel so vor, dass man an einem von fünf Punkten sein Häkchen machen soll:

  • Risikoprofil A – Sicherheitsorientiert: Geldmarktfonds, Tagesgeld.
  • Risikoprofil B – Ertragsorientiert: Anleihen, Rentenfonds.
  • Risikoprofil C – Wachstumsorientiert: Aktien, Aktienfonds.
  • Risikoprofil D – Chancenorientiert
  • Risikoprofil E – Spekulativ: exotische Aktien, Optionsscheine, Futures

Eine solche Kundeneinstufung müssen die Banken von Gesetzes wegen vornehmen (§ 31 Abs. 7 WpHG). Dennoch kann man sich fragen, wie sinnvoll dieses Unterfangen ist …

Risikoneigung ist kein fixer Charakterzug

Ein Fehler bei der Einstufung von Anlegern in Risikoklassen besteht in der Annahme, dass die Risikoneigung eines Anlegers in der Zeit konstant bleibt. In dem Buch „Gier. Neuroökonomie: Wie wir ticken, wenn es ums Geld geht“ schreibt der amerikanische Wirtschaftsjournalist Jason Zweig (S. 144):

„Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei beliebige Fragebögen für dieselbe Person dasselbe Risikoprofil ermitteln, ist kaum besser als der Wurf einer Münze. Ihre vermeintliche Risikotoleranz mag weniger von Ihrer Persönlichkeit abhängen als vielmehr davon, wessen Fragebogen Sie zufälligerweise ausfüllen…

In erstaunlichem Maße hängt die Höhe des Risikos, die Sie bewältigen können, von Ihrer momentanen Stimmung ab…“

Jemand der heute angibt „ertragsorientiert“ zu sein, hält sich vielleicht eine Woche später für „wachstumsorientiert“. Und wieder einige Zeit später würde er sich selbst als „sicherheitsorientiert“ einstufen.

Als Anlageberater weiß man, dass die Selbsteinstufung der Anleger sehr eng mit der aktuellen Börsenlage verknüpft ist. Haussieren die Märkte, wird eine Jahreshoch nach dem anderen geknackt, wollen viele an der Party teilnehmen und geben an, „chancenorientiert“ zu sein. Befragt man sie, ob sie sich der Risiken von Aktieninvestments bewusst sind, wiegeln sie ab: „Ja, ja, lass mich nur schnellstmöglich einsteigen.“

Haben wir aber eine schlechte Börsenphase oder gar eine Crash-Situation, dann entdecken mit einem Male viele Anleger ihre Liebe zur Sicherheit:  „Hauptsache keine Verluste.“ – Aber wehe, die Börse dreht wieder … dann ist man plötzlich wieder risikofreudig.

Bestätigt wird das auch aus der Forschung. Jason Zweig zitiert in seinem Buch ein paar psychologische Studien, die belegen, wie die Risikoneigung von Menschen innerhalb von Minuten umschlagen kann. Ein Leser dieses Weblogs hat mich jüngst auf eine weitere Studie aufmerksam gemacht, die im Handelsblatt erwähnt wird: „Machen schöne Frauen Schachspieler risikobereit„.

Auch hier kann man sehen, dass die Risikoneigung eines Menschen sehr variabel ist und sehr von der jeweiligen Lage abhängt, in der man sich gerade befindet.

 Risikoneigung ist für eine sinnvolle Anlagestrategie bedeutungslos

Nehmen wir an, Herr Fuchs kommt zu mir in die Beratung mit der Frage, wie er 50.000 Euro anlegen könnte. In der Risikobefragung gibt er an: „spekulativ“. Am liebsten würde er das Geld in Optionsscheinen anlegen.

Dann frage ich Herrn Fuchs nach seinem Anlageziel. Und er antwortet: „Naja, in einem halben Jahr brauche ich das Geld wieder für eine Steuernachzahlung.“

In diesem Falle kann ich Herrn Fuchs nur raten, egal wie risikofreudig er ist, das gesamte Geld möglichst sicher als Fest- oder Tagesgeld anzulegen.

Herr Gans wiederum will einen Sparplan über 30 Jahre einrichten. Er kann 300 Euro pro Monat zur Seite legen und sein Anlageziel ist, in 30 Jahren mindestens 200.000 Euro angespart zu haben. Außerdem gibt er an, sehr sicherheitsorientiert zu sein.

Das Sicherste ist natürlich, alles in ein Tagesgeldkonto anzusparen. Hier hat er das geringste Verlustrisiko. Allerdings bekommt er hier derzeit höchstens 2% Zinsen. Ohne Berücksichtung der Steuern kommt er mit dieser Rendite maximal bis etwa 147.000 Euro. Für Herrn Gans gibt es nur zwei Möglickeiten: Entweder steckt er sein Anlageziel niedriger, oder er muss so viel Risiko in Kauf nehmen, damit eine Netto-Zielrendite von mindestens 4% zu erwarten ist. Denn nur wenn er in eine Anlageform anspart, die 4% p.a. bringt, kann er erwarten, am Ende über 200.000 Euro angespart zu haben.

Eine Anlageform mit einer Zielrendite von netto 4% kann aber nicht sicher sein.

Was für Herrn Gans noch dazukommt, ist natürlich, dass er über einen sehr langen Zeitraum anspart. Auch das kann es rechtfertigen, das er ein etwas höheres Risiko eingeht. Sollten die Dinge einmal schlechter laufen als erwartet, hat er genügend Zeit, eine Verlustphase einfach auszusitzen.

Herrn Gans könnte ich also durchaus guten Gewissens zu einer risikofreudigeren Geldanlage raten, um sein Anlageziel zu erreichen – trotz seiner Angabe, „sicherheitsorientiert“ zu sein.

An diesen beiden extremen Beispielen, denke ich, kann man sehen, dass die Risikoneigung eines Anlegers für eine sinnvolle Anlagestrategie tatsächlich von untergeordneter Bedeutung ist. Und sinnvolle Anlagestrategie heißt: Eine Anlagestrategie, mit der ein Anleger mit hoher Wahrscheinlichkeit sein gesetztes Anlageziel erreicht.

Ein klar herausgearbeitetes Anlageziel ist nämlich kaum Schwankungen unterworfen. Wärhend die Risikoneigung ein rein subjektives (und entsprechend unstetes) Kriterium ist, ist das Anlageziel ein objektives Kriterium. Interessanterweise machen sich, meiner Erfahrung nach, die wenigsten Menschen hinreichend Gedanken über ihre Anlageziele. Die wichtigste Aufgabe eines guten Anlageberaters besteht darin, mit dem Anleger zusammen das jeweilige Anlageziel klar herauszuarbeiten.

Mich wundert auch, dass dieser Punkt Anlageziele sehr häufig bei Bankberatungsgesprächen ein untergeordnete Rolle spielen. Ich hatte letztens die Bank-Unterlagen einer Kundin in der Hand, Risikoklasifizierung, Kundenbefragung nach WpHG … aber kein Wort zum Thema Anlageziele. Sehr kurios. Wie sill man da einen sinnvollen Anlagevorschlag machen, wenn man gar nicht weiß, was der Anleger mit seiner Geldanlage erreichen will?

Risikoklassifizierung ist zu schematisch

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum ich die Risikoklassifizierung für nicht sinnvoll halte. Kaum ein Anleger denkt doch wirklich so: „Also ich bin sicherheitsorientiert, also gebe ich alles in Festgeld/Tagesgeld.“ In der Realität sieht es doch so aus, dass ein sicherheitsorientierter Anleger einen Großteil seines Vermögens sehr sicher anlegen möchte, einen kleineren Anteil (vielleicht 5% oder 10%) als „Spielgeld“ riskanter angelegt haben möchte.

Viel vernünftiger scheint es mir daher zu sein, mit Quoten zu arbeiten. Ein sicherheitsorientierter Anleger könnte dann beispielsweise angeben:

  • 95% des Vermögens soll ohne jegliches Verlustrisiko angelegt werden, aber
  • 5% kann spekulativ in riskante Aktienfonds investiert werden.

Die Risikoeinstufungen der Banken kennt aber nur das Alles-oder-Nichts-Prinzip. Gibt man „sicherheitsorientiert“ an, so darf man überhaupt nichts mit Risiko ins Depot hineinnehmen – oder man muss eine Neuklassifizierung zu „chancenorientiert“ vornehmen. Das stimmt aber dann möglicherweise – so insgesamt betrachtet  -auch nicht.

In der Praxis haben Anleger große Schwierigkeiten, das Kreuzchen bei der Risikoklassifizierung so zu setzen, dass es ihrem Gefühl tatsächlich entspricht, dennoch aber diejenigen Anlageformen zugelassen sind, die sie auch /(möglicherweise nur geringfügig) mit ins Depot nehmen möchten.

So oder so: Die gägnige Praxis der Risikoklassifizirung von Bankkunden ist zwar gesetzlich gefordert, ist aber alles andere als sinnvoll.

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