Welchen Sinn machen Kapitalmarktprognosen?

Jedes Mal zum Jahreswechsel wiederholt sich ein lustiges Spiel, das sich nennt: Wer kann was über die Entwicklungen an den Kapitalmärkten fürs Neue Jahr erzählen?

In der  Süddeutschen Zeitung vom 30.12.09 haben fünf Asset Manager ihre  Einschätzungen kundgeben dürfen. Nachfolgend zunächst eine kurz Zusammenfassung, sowie meine Argumente, warum ein solches Treiben prinzipiell unsinnig ist…

Wenn ich Kapitalmarktprognosen lese, habe ich immer den Eindruck, dass sich nur wenige konkrete Aussagen hinter einem Wulst von vagem Blabla verstecken. Nicht selten kommen sogar gar keine konkrten Aussagen vor, sondern es werden Behauptungen aufgestellt der Form „Das Ereignis A kann passieren,  vielleicht aber auch nicht“. Die Aussagekraft geht dann gegen Null. Ich habe mir daher erlaubt, die Aussagen der fünf Asset Manager pointiert und ohne Umschweife zu formulieren. 

Bert Flossbach von Flossbach & von Storch Vermögensmanagement AG

Flossbachs Aussagen aus der SZ auf den Punkt gebracht:

  • In 2010 werden die Aktienmärkte seitwärts laufen, also keine großen Kursgewinne, aber auch keine großen Verluste.
  • Staatsanleihen werden verlieren.
  • Eine Aussage, die nicht eindeutig formuliert ist: „Der Staat ist nicht der beste Schuldner… Für den Goldpreis wird diese Entwicklung sehr spannend.“ Ich interpretiere das so, dass Flossbach mit einem steigenden  Goldpreis rechnet.

Gottfied Heller von der Fiduka Depotverwaltung

Hellers Aussagen aus der SZ auf den Punkt gebracht:

  • In 2010 werden die Aktien weiter steigen.
  • Die Kurse werden in 2010 stark schwanken.

Wenn man so will, behauptet Heller in Bezug auf Aktien das Gegenteil von dem, was Flossbach voraussagt.

Jens Ehrhardt von der DJE Kapital AG

Jens Ehrhardts Aussagen in der SZ auf den Punkt gebracht:

  • In 2010 werden die Aktien zunächst weiter steigen.
  • Irgendwann werden die Kurse aber einbrechen, denn Jens Ehrhardt weiß: „Erst, wenn alle Zauderer unter den Anlegern investiert sind, krachen die Kurse nach unten… Noch aber liegt viel Geld auf Bankkonten und in Geldmarktfonds, praktisch unverzinst. Wohin damit?“ – Wann genau die die Kurse wieder einbrechen werden, oder wie man erkennt, dass alle Zauderer investiert sind, schreibt Ehrhardt nicht.
  • Die Schwellenländer werden besser laufen als die Aktienmärkte in Europa und den USA. Letztlich glaubt Ehrhardt, dass europäische und amerikanische Aktien in 2010 enttäuschen werden trotz eines anfänglichen Strohfeuers.
  •  Gold hält Jens Ehrhardt für einen Dauerbrenner. Er rechnet also offenbar mit einem steigenden Goldpreis.

Flossbach meint also: keine großen Schwankungen. Heller meint: große Schwankungen, aber letzlich steigende Aktienkurse. Und die dritte Meinung hat Jens Ehrhardt: Erst nach oben, dann wieder nach unten.  

Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank

Folker Hellmeyer ist bemerkenswert konkret:

  • Im ersten Quartal wird der DAX steigen und 6500 bis 7000  Punkte erreichen.
  • Im zweiten Quartal wird es abwärts in Richtung 5000 Punkte im DAX gehen.
  • Gegen Jahresende wird des DAX wieder auf 6500 Punkte steigen.
  • Beim Goldpreis rechnet er zunächst mit einer Korrektur, bis Ende 2010 glaubt Hellmeyer an einen Goldpreis von 1500 Dollar je Feinunze.

Marc-Alexander Kniess von der DWS

  •  Aktien werden in 2010 weiter steigen.
  • Europa, USA und Japan werden besser laufen als Schwellenländer-Aktien.

Zwischenergebnis

Im Prinzip geben alle fünf Asset Manager komplett unterschiedliche Einschätzungen. Nur mit Bezug aufs Gold scheint es eine Mehrheit  zu geben. Eine Mehrheit zeichnet sich auch ab, die skeptisch bei Staatsanleihen ist. Für den Kursverlauf von Aktien liegen die Meinungen weit auseinander.

Die Situation gleicht einem Spiel, bei dem fünf Personen die Augenzahl des nächsten Würfelwurfs „prognostizieren“ sollen. Person A sagt „1“, Person B sagt „2“, etc. und Person E sagt „5“.

Und nicht nur das. Alle fünf Personen geben schlau klingende Begründungen für ihre „Prognosen“. A sagt beispielsweise: „Ich habe den Würfel untersucht, und er weist gewisse Unregelmäßigkeiten auf, so dass mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Eins kommen wird.“ B sagt vielleicht: „es wird eine Zwei kommen, weil die bei den letzten 50 Würfen statistisch zu selten vorkam“. C sagt vielleicht: „Aus astrologischen Gründen, wird mit ziemlicher Sicherheit die Drei kommen.“ Und so weiter.

Dann wird geworfen. Und es kommt die Drei. C jubiliert und das geneigte Publikum wird ihn feiern: „Ja, C war der Beste, er wusste tatsächlich, dass eine Drei gewürfelt werden wird. Es ist unglaublich. Seine Begründung stimmte. Er ist schlauer als die anderen. Also können wir uns beim nächsten Wurf des Würfels bei C sicher sein und alles auf seine Treffsicherheit setzen.“

Kommt hingegen eine Sechs, die keiner der Fünf prognostiziert hat, dann wird es heißen: „Naja, diesmal war es besonders schwierig das Ergebnis des Wurfs vorherzusagen. Es gab diesmal einfach zu viele Unwägbarkeiten und Sondereinflüsse.“

Wie lächerlich ist ein solches Spiel? Ich denke ziemlich lächerlich.

Worauf es stattdessen ankommt

Und dieses Spiel ist nicht nur lächerlich. Es längt auch von dem ab, worauf es bei der Geldanlage wirklich ankommt. Und das sind – meiner Meinung nach – vor allem zwei Dinge:

  1. Das Anlageziel des Anlegers.
  2. Risikomanagement.

Anlageziele sind wichtiger als Prognosen

Nehmen wir einen Anleger, Herrn X, an. Er möchte Geld für ein halbes Jahr anlegen, sozusagen zwischenparken, um dann am 1.07.2010 das Geld für eine größere Anschaffung auszugeben. Sollte Herr X auf Jens Ehrhardt oder auf Gottfired Heller hören, die beide meinen, dass Aktien zunächst weiter steigen werden?

Aus meiner Sicht wäre es der lanke Wahnsinn, wenn Herr X mit einem Anlagehorizont vn 6 Monaten in den Aktienmarkt einsteigt. Das Risiko ist für ihn viel zu hoch, dass die Aktien in dieser kurzen Zeit sich anders entwickeln werden als gedacht und er nur mit einem bitteren Verlust aussteigen kann.

Genau genommen sind für Herrn X alle Kapitalmarktprognosen irrelevant. Denn er hat kaum eine andere Wahl als sein Geld auf einem Festgeld- oder Tagesgeldkonto zwischenzuparken.

Nehmen wir als zweites Beispiel Frau Y. Sie ist 30 Jahre alt und hat gerade 50.000 Euro anzulegen. Sie hat sich ausgerechnet, dass sie für mit 65 (also nach 65 Jahren) für Ihren Ruhestand etwa 380.000 Euro bräuchte.

Wenn Frau Y das Geld auf ein Tagesgeldkonto einzahlen würde, kann sie – nach dem jetzigen Stand der Dinge – höchstens mit einer Rendite von 2% p.a. rechnen. Bei dieser Rendite werden aus den heutigen 50.000 Euro nach 35 Jahren knapp 100.000 Euro. Damit verfehlt sie ihr Ziel um 280.000 Euro.

Um ihr Anlageziel zu erreichen, muss Frau Y ihren Anlagebetrag so investieren, dass eine Rendite von 6% p.a. zu erwarten ist. Sie weiß, dass das mit Staatsanleihen oder mit Tagesgeld nicht zu erreichen ist. Und da sie mit 35 Jahren einen sehr langen Anlagehorizont hat, traut sie sich an Aktien. Sie hat natürlich keine Garantie, hier 6% p.a. zu erreichen, es besteht aber zumindest die Chance.

Sollte sich Frau Y nun für die Kapitalmarktprognosen fürs nächste Jahr interessieren? – Ich denke: Da Frau auf Sicht von 35 Jahren anlegt, kann es ihr fast egal sein, was im nächsten Jahr geschieht. Wichtig ist bei ihr die strategische und langfristige Allokation ihres Vermögens.

Fazit

Das Prognose-Spiel zum Jahreswechsel ist erstens lächerlich. Und zweitens unsinnig, weil es dem Anleger mit seinen Anlageentscheidung vernünftigerweise überhaupt nicht weiterhilft. Stattdessen sollte man Kapitalmarktprognosen, die in Zeitungen abgedruckt sind, für das nehmen, was sie sind: Eine Marketing-Aktion für die betreffenden Asset Manager. Nichts weiter.

Nachtrag: DAX-Protnosen der Banken

Hier die DAX-Prognosen für 2010 einiger Banken (Quelle: „DAX Daily“ vom Investor Verlag):

  • HSBC Trinkaus & Burkhard: 7500 Punkte
  • WestLB: 5900 Punkte
  • Sal. Oppenheim: 6350 Punkte
  • DWS: 6480 Punkte
  • Postbank: 6000 Punkte
  • DekaBank: 6500 Punkte
  • M.M. Warburg: 6900 Punkte
  • Weberbank: 5300 Punkte

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