Gewinner-Aktien zu finden ist so gut wie unmöglich

Wer erinnert sich noch an die Lage genau vor einem Jahr? Wir haben gerade eine der heftigsten Finanzkrisen der letzten 70 Jahre erlebt, die Börsenkurse sind weltweit eingebrochen, das gesamte Finanzsystem schien ins Wanken geraten zu sein.

Und ab Dezember 2008 spätestens war klar, dass die Finanzkrise auch in eine realwirtschaftliche Krise, vielleicht sogar eine Depression münden würde.

Damals schien es mehr als klar zu sein: zyklische Aktien, wie beispielsweise der Halbleiter-Prouzent Infineon sind in dieser Situation besonders zu meiden.

Der Autoindustrie auf der anderen Seite ging es zwar auch schlecht, aber immerhin ließ die geplante Abwrackprämie Gutes hoffen. Gerade Hersteller kleinerer Autos, wie beispielsweise VW, würden definitiv zu den Begünstigten gehören. Wie es ja dann auch war.

Ich lese ja viel zum Thema Geldanlage und ich unterhalte mich viel mit Anlegern über ihre Erwartungen. Und ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, dass jeder im Dezember 2008, mit dem ich mich darüber unterhielt oder von dem ich etwas darüber las, Infineon für einen äußerst schlechten Kauf hielt und VW möglicherweise aussichtseich.

Und was sehen wir heute nach 12 Monaten?

Infineon hat in den letzten 12 Monaten eine Rendite von +300% erzielt. VW hingegen verlor 60% (trotz guten Geschäftes aufgrund der Abwrackprämie). Wer hätte das gedacht?

Damit sind wir wieder bei einer meiner Kernthesen: Wir haben keinerlei Chancen (nicht den Hauch einer Chance), mit Kapitalmarktprognosen langfristig erfolgreich zu sein. Man hat mal Glück, mal Pech. Unterm Strich ist es aber direkt absurd, einen Blick in die Kapitalmarkt-Zukunft zu wagen.

Wer es dennoch tut, macht sich mit schöner Regelmäßigkeit lächerlich. Beispielsweise war das Gros der Analysten fürs Jahr 2008 optimistisch – und der DAX verlor 40%. Fürs Jahr 2009 waren die meisten Analysten pessimistisch – und der DAX gewann ca. 20%.

Ist es da nicht vernünftiger, einfach gar keine Prognosen mehr zu versuchen?

Tatsächlich sind Kapitalmarktprognosen vor allem eines: Marketing-Instrumente. Man kann sich nett im Fernsehen oder Interviews positionieren und sich mit klug klingenden Argumenten als „Fachmann“ darstellen. Der Finanz-Laie staunt über solches „Wissen“ und merkt sich vielleicht die Bank oder den Vermögensverwalter.

Nur eines darf man nicht: sich an die Prognosen, die jemand beispielsweise vor 12 Monaten gegeben hat erinnern. Ansonsten geht die Marketing-Strategie mit den Kapitalmarktprognosen nach hinten los. Da haben die Banken und Analysten aber sehr großes Glück. Denn fast niemand erinnert sich an den Unsinn, den sie vor ein paar Monaten gesagt haben.

Man müsste sich das genau aufschreiben, was eben fast keiner tut. Und im Nachhinein zählen die vermeintlichen Experten nur ihre Treffer auf, alle Nicht-Treffer werden einfach unter den Tisch gekehrt. Wie praktisch.

Im Juli 2009 beispielsweise gab Joachim Paul Schäfer von der PSM Vermögensverwaltung ein Interview in der FAZ (Link dorthin). Dort sagte er: Die nächste große Kursbewegung an den Börsen wird nach unten sein. Dementsprechend riet er im Interview, Aktien zu verkaufen.

Damals stand der DAX bei etwa 4800 Punkten, heute bei etwa 5800. Das ist ein Plus von 20%. Wer auf Herrn Schäfer von PSM gehört hat, hat einen sehr schönen Kursanstieg verpasst.

Also: Was sind solche Kapitalmarktprognosen wert? Antwort: Rein gar nichts.

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2 Antworten
  1. Jungbulle
    Jungbulle says:

    Sie schreiben, dass die Volkwagen-Aktie von Dezember 2008 bis Dezember 2009 60% verloren habe. Lauf finanzen.net notierte VW (766403) im Dezember 2008 auf Xetra bei 28 bis 40 Euro und im Dezember 2009 bei 58 bis 66 Euro. Das sind immerhin 45% bis 135% Gewinn, durchschnittlich ca. 82%, je nach Stichtagen. Das ist deutlich weniger als Infineon, aber bestimmt kein Verlust von 60%.

    Mit welchen Kursen haben Sie gerechnet? Oder wo habe ich Sie missverstanden?

    Bitte ziehen Sie auch nicht den Schluss, dass weil auf dem Höhepunkt des 2008er-Crashs eine Beispielprognose fehlschlug, wir „nicht den Hauch einer Chance“ haben, mit Prognosen erfolgreich zu sein. Ein Gegenbeispiel ist noch kein Beweis der Unmöglichkeit. Auch wenn es natürlich keine Garantie gibt, erwarten Sie nicht vielleicht auch langfristig von der Deutschen Telekom geringfügig weniger Kurswachstum als von BASF?

    Antworten
    • Peterreins
      Peterreins says:

      Alle Erfahrung zeigt, dass man mit Prognosen langfristig eine Trefferquote von um die 50% hat. Egal ob von einem sog. Profi oder einem Privatanleger. Dies haben verschiedene wissenschaftliche Studien belegt. Die subjektiv geschätzte Trefferquote wird regelmäßig durch gut bekannte psychologische Effekte nach oben verfälscht:
      * Overconfidence Bias (Anleger neigen dazu, sich selbst zu überschätzten)
      * Hindsight Bias (Anleger neigen dazu, sich Dinge im Nachhinein zurechtzulegen)
      * Eigene Fehlentscheidungen werden „vergessen“ und damit aus der Gesamtwertung herausgenommen.
      etc. etc.
      Ich kann nur einen Rat geben: Legen Sie nach Möglichkeit an, ohne sich auf Prognosen zu stützen. Das geht natürlich nicht zu 100%. Ein paar Meinungen über die Zukunft muss man sich schon machen. Aber man sollte versuchen, diese Meinungen auf ein Minimum zu reduzieren.

      Antworten

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