Gibt es „Megatrends“?

j0399139Immer wieder hört man Leute im Anlagebereich von sogenannten „Megatrends“ sprechen. Ich selbst glaube nicht daran. Meiner Meinung handelt es sich hier um so etwas ähnliches wie eine optische Täuschung. Allerdings eine Täuschung, die Anlegern regelmäßig sehr viel Geld kostet …

Der Glaube an „Megarends“ hat mit dem Rückschaufehler zu tun

„Megatrends“ erkennt man in der Regel nur im Nachhinein (wenn es eigentlich schon zu spät ist), und im Vorhinein mit einer Trefferquote von etwa 50%. In der Wissenschaft ist dieses Phänomen als Hindsight Bias oder rückschaufehler bekannt. Hier ein schönes Zitat aus Jason Zweigs Buch „Gier“ zu diesem Thema:

„Heutzutage scheint es, als hätten Sie ein Vermögen machen können, wenn Sie in den frühen 80er-Jahren ihr gesamtes Geld zum Beispiel in Computeraktien investiert hätte. Aber der Rückschaufehler macht Sie blind für die Tatsachen. Damals, zu Beginn des PC-Zeitalters, hätten Sie keine Microsoft-Aktien kaufen können;… Die Technologiesuperstars waren damals Unternehmen wie Burroughs, Commodore International, Computervision, Cray Research, Digital Equipment, Prime Computer, Tandy und Wang Laboratories.

… So gut wie alle frühen Stars… sind inzwischen, einer nach dem anderen, erloschen. Fast alle Anleger, die in diese Aktien investiert hatte, verloren ihr Geld. Betrachtet man Microsoft und Apple, scheint es rückblickend völlig klar, dass jeder den Gewinner in ihnen hätte er-kennen können. Aber damals war keineswegs zu erkennen, welche Unternehmen das Rennen gewinnen würden… Darum ist es wichtig zu diversifizieren.“

Menschen glauben Muster zu erkennen, wo keine sind

Menschen neigen dazu, sie können eigentlich gar nicht anders, als Muster und „Trends“ zu erkennen, selbst da, wo keine sind. Dazu gibt es eine ausfühliche und sehr eindeutige wissenchaftliche Literatur. Ich verweise auch hier wieder auf Jason Zweig: „Gier“ (S. 67-69) oder einen Aufsatz desselben Autors „The Trouble With Humans“. Ähnliche Ausführungen kann man aber auch bei Prof. Martin Weber nachlesen, plus Verweis auf die Literatur.

Wir Menschen sind intelligent und wir können stolz auf unsere Intelligenz sein. Haben wir doch ihr unsere Kultur, Technik und Wissenschaft zu verdanken. Und sie zeigt sich zum Beispiel darin, dass wir Zusammenhänge und Muster erkennen. Nur manchmal stolpern wir über unseren eigenen Verstand.

Wissenschaftler haben Menschen in einer experimentellen Versuchsanordnung vor einen Bildschirm gesetzt, auf dem der Reihe nach zwei Symbole aufleuchten, ein grünes und ein rotes :

Stellen Sie sich vor, dass Ihnen eine Folge von roten und grünen Symbolen gezeigt wird, zum Beispiel: GGGGRGGGGGRRGGGGGGRR ? Dann werden Ihnen 5 € geboten, wenn Sie erraten, welches Zeichen als nächstes kom-men wird. Auf welches Zeichen würden Sie tippen?

Fast jeder versucht intuitiv, in der bisherigen Folge ein Muster zu finden, um auf dieser Grundlage einen Tipp zu wagen. In der geschilderten Versuchsanordnung leuchten die Symbole absolut zufällig auf. Durchgängige Muster können also unmöglich auftreten. Das Besondere ist nur, dass ein „G“ mit einer 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit aufleuchtet, während ein „R“ nur in 20 % der Fälle erscheint. Das einzig Vernünftige ist somit, immer auf das Erscheinen eines „G“ zu tippen. Dann wird man langfristig eine Trefferquote von circa 80 % haben.

Das Erstaunliche ist nun: Selbst mit diesem Wissen versuchen Menschen in der Regel Muster zu erkennen mit der Absicht, dem Zufall ein Schnippchen zu schlagen, und setzen so hin und wieder auf das unwahrscheinlichere „R“. Auf diese Weise schaffen es die meisten Versuchspersonen, auf eine durchschnittliche Trefferquote von 69 % abzufallen.

Tauben und Ratten hingegen lernen sehr schnell, immer auf „G“ zu tippen. Ihre Trefferquote liegt damit nach einer anfänglichen Lernphase bei 80 %. Tauben und Ratten schlagen in diesem Experiment uns Menschen, weil uns manchmal unsere Intelligenz zum Verhängnis wird.

So hilfreich unsere Intelligenz im Allgemeinen auch ist, so wichtig es ist, in bestimmten Situationen schnell eine Regel oder eine Ordnung zu erkennen, so ist doch der Versuch, Muster in Kapitalmarktdaten entdecken zu wollen, eine kostspielige Illusion.

Der Glaube an „Megatrends“ ist eine kostspielige Illusion

Warum? Weil sich die Leute plötzlich zu sicher sind. Wenn man einen „Megatrend“ ausgemacht hat, dann neigt man dazu, hierauf in seinem Portfolio ein Übergewicht zu legen. Wenn man z.B. glaubt, Biotechnologie sei ein „Megatrend“ (woran viele vor etwa 10 Jahren glaubten), dann gibt es plötzlich Biotechnologie-Fonds, die Anleger mit Vorliebe kaufen.

Wer aber derartig anlegt, missachtet das elementare Prinzip der Risikostreuung. Und das ist eben gefährlich und kann für den Anleger sehr schnell kostspielig werden.

Es gibt aber noch einen zweiten Faktor. Wenn man sich sehr sicher mit einem „Megatrend“ ist, dann ist eben genau dieses hohe Selbstbewusstsein wirklich gefährlich. Denn auf diese Weise wird auch das Risikomanagement ausgehebelt. Nehmen wir als Beispiel jemanden, der vor 10 Jahren an den Megatrend „Neue-Markt-Aktien“ glaubte. Nicht nur, dass so jemand in diesem Segment eine aberwitztig hohe Übergewichtung einging. Als die Kurse dann abzusacken begannen, wollte ein solcher Anleger das zunächst nicht wahrhaben. Vielmehr hält man eisern daran fest: Ja, die werden schon wieder kommen …

Richtiges Risikomanagement wäre es z.B. gewesen, mittels Stop-Loss-Limits rechtzeitig auszusteigen. Aber Stop-Loss-Limits machen natürlich gerade dann keinen Sinn, wenn man an einen „Megatrend“ glaubt. Denn damit wird ja gerade unterstellt, dass eine bestimmte Anlageklasse sich über einen sehr, sehr langen Zeitraum überdurchschnittlich gut entwickeln wird, und dass man zeitweise Rückschläge in Kauf nehmen muss.

Psyhchologisch kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: Wir Menschen neigen dazu, uns an unsere Erfolge zu erinnern, die Misserfolge verdrängen und vergessen wir. So kommt es, dass wir immer wieder Menschen mit ihren Anlageerfolgen prahlen hören, und befragt man sie nach ihren Misserfolgen, dann schweigen sie oder sie bringen Rationalisierungen der Art: „Ja, da lag ich bisher daneben, aber die Aktie wird schon noch kommen…“

Wenn man aber ein gutes Gedächtnis hat oder sich Dinge aufschreibt, dann ist manchmal wirklich lustig, woran die Leute früher glaubten. Hier ein paar Beispiele:

  • In den frühen 1970er Jahren die sog. Nifty-Fifties
  • In den 1980er Jahren: Japanische Aktien
  • In den frühen 1990er Jahren: Deutsche Aktien (wegen Wiedervereinigung)
  • In den späten 1990er Jahren: Neuer Markt
  • In den späten 1990er Jahren: Internet
  • In den späten 1990er Jahren: Medien-Aktien
  • 1996 bis 2006: US-Immobilien.

Ich kann nur dringend davor warnen, auf irgendwelche „Mode“-Investments aufzuspringen. Und wie gesagt: es wird um so gefährlicher, je sicherer man sich bei der Sache ist.

11 Antworten
  1. Sascha für ETFSuche.de
    Sascha für ETFSuche.de says:

    Hallo peterreins,

    teilweise mögen Sie Recht haben, teilweise aber auch nicht. Natürlich war nicht jede Investition in Technologiewerte in den 80er Jahren ein Volltreffer, aber man konnte durchaus Aktien wie Apple oder Microsoft damals schon kaufen (IPO Microsoft war am 21. März 1986!).
    Und auch im Internethype konnte man durchaus mit Aktien des damaligen „Megatrends“ viel Geld machen, z.B. mit einer Amazon.com, einer eBay oder auch einer Yahoo!. Natürlich gab es auch Pleiten wie eToys, aber das ist wie gesagt immer so.
    Gleiches gilt auch für den Neuen Markt wo ja auch nicht alle knapp 400 Unternehmen nach dem Ende des Neuen Marktes in Insolvenz gehen mussten. So gibt es durchaus viele Unternehmen, die den Neuen Markt überlebt haben und heute gut dastehen, erwähnt seien hier Aixtron oder auch MorphoSys.
    Wichtig war und ist jedoch auch bei „Megatrends“ immer der rechtzeitige Ein- und auch Ausstieg. Aber das gilt an der Börse immer, jetzt z.B. noch Gold zu kaufen halte ich auch für verrückt!

    In diesem Sinne begrüße ich den Austausch mit Ihnen und kann Ihre Meinung durchaus auch akzeptieren, ich aber vertrete eine andere Auffassung und hoffe diese ebenfalls gut dargelegt zu haben.

    Mit freundlichen Grüßen

    Sascha für ETFSuche.de

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    • peterreins
      peterreins says:

      Zunächst einmal eine wichtige Unterscheidung: Klar, gibt es vergangene Kursentwicklungen, die man – im Nachhinein – als „Trend“ oder „Megatrend“ bezeichnen könnte (wenn man unbedingt will). Die große Frage aber ist: kann man jetzt – im Vorhinein – einen künftigen Trend vernünftigerweise erkennen? Letzteres ist reine Glaubenssache.

      Wenn jemand behauptet einen künftigen „Megatrends“ zu erkennen, dann kann ich nicht beweisen, dass er falsch liegt. Der andere kann aber ebensowenig beweisen, dass er recht hat. Wir werden es -im Nachhinein- wissen, im Vorhinein ist es reine Glaubenssache Also entweder glaubt man daran, oder man glaubt nicht daran.

      Ein Kriterium könnte aber sein: Wie nützlich ist ein Glaube. Vielleicht ein schlechter Vergleich, aber ich wage ihn trotzdem: Manche Menschen glauben an den Teufel, manche nicht. Niemand kann beweisen, ob es ihn gibt oder nicht. Dennoch ziehe ich es vor, nicht an den Teufel zu glauben. Denn der Glauben daran ist sehr häufig (auch nicht immer) mit großen Ängsten, manchmal sogar mit einem paranoiden Verhalten verbunden. Es ist also, wenn man so will, nützlich und für einen selbst gut, nicht an den Teufel zu glauben.

      Ich bin seit über 20 Jahren im Bereich Geldanlage tätig und ich spreche wöchentlich mit mehreren Privatanlegern über ihre Geldanlagen und Anlageentscheidungen. Und mein ganz klarer Erfahrungswert ist: Der Glaube an Megatrends ist sehr schädlich. In dem einen oder anderen Fall hat jemand tatsächlich aufgrund seines Glaubens an einen Megatrend schöne Gewinne gemacht.

      Die allermeisten Geschichten gehen aber so: Jemand, nennen wir ihn A, liest in der Zeitung oder hört in einem Vortrag etwas von einem bestimmten Metatrend (z.B. man müsse auf Wasser setzen). A ist sofort überzeugt. Die Argumente sind einleuchtend, alles passt für ihn. Vielleicht beschäftigt er sich etwas näher mit diesem Thema und irgendwann kommt er zu dem Entschluss: Ja, ich will in diesem Bereich investieren. Er geht also zu seinem Anlageberater und fragt ihn, wie er es machen könne, in diesem Bereich zu investieren (oder er hat eine Liste von Fonds aus einer Zeitschrift).

      Und jetzt beginnt schon das erste Verhängnis. Weil A nämlich so überzeugt ist von diesem vermeintlichen Trend, achtet er nicht auf die Gebühren. Selbst wenn ein Fonds mehr als 2,5% laufende Kosten hat (siehe „Öko-Fonds“), dann stellt das kein Problem für ihn dar, weil er ja zu wissen glaubt, in diesem Bereich so hohe Gewinne zu machen, dass Gebühren keine Rolle spielen. Das Traurige: Sie spielen eben doch eine wesentliche Rolle.

      Und natürlich hat die Finanzbranche ein starkes Interesse daran, dass viele Menschen an Trends glauben. Denn um so leichter kann man überteuerte Themenfonds verkaufen und viel Geld verdienen. Somit gibt es eine beachtliche Werbung und beachtliche Verkaufsbemühungen, um den Anleger in seinem Glauben an Trends zu bestärken. Das ist aber mit Sicherheit kein Freundschaftsdienst an Privatanlegern, sondern eine gute Methode, Geld zu verdienen.

      Das zweite Verhängnis: Weil sich A ja so sicher ist, dass er einen Megatrend ausgemacht hat, vergisst er das Prinzip der Risikostreuung und strukturiert sein Portfolio viel zu einseitig (so geschehen vor allem damals zu Neue-Markt-Zeiten, als manche Anleger alles (!), was sie hatten, in Neue-Markt-Aktien steckten).

      Schließlich ist A mit ein paar zu teuren Anlageprodukten und zu einseitig so investiert. Die Zeit vergeht. Vielleicht hat er sogar recht und genau sein Megatrend verstärkt sich. Er freut sich über seine Gewinne. Vielleicht denkt er sogar darüber nach, noch weiter diesen Bereich überzugewichten. Vor allem aber geschieht das dritte Verhängnis: Er wird zu selbstbewusst. Er hatte das positive Erlebnis, dass er einen Trend, den er ausgemacht zu haben glaubte, tatsächlich zu guten Gewinnen führte.

      Mit einem derartigen Selbstbewusstsein ausgestattet vergisst A dann nämlich eines: ein vernünftiges Risikomanagement. Und wenn es dann (fast unweigerlich) mal wieder drastisch runtergeht, will er es nicht wahrhaben. Er bleibt drinnen, argumentiert vielleicht, dass man jetzt erst recht nachkaufen müsse („So günstig war es noch nie!“) und am Ende hat er sehr, sehr viel Geld verloren.

      Ganz am Schluss ist A überhaupt frustriert, was das Thema Geldanlage betrifft (Verhängnis Nummer 4). Er kümmert sich eine Zeitlang überhaupt nicht mehr um sein Vermögen, vielleicht mit der Einstellung: „Aktien im allgemeinen sind schlecht“ oder „ich habe kein Glück bei der Geldanlage“. Und so versäumt es A, sich auf vernünftige Weise, nämlich Ziel-orientiert und risikominimierend um seinen Vermögensaufbau zu kümmern.

      Eine andere Variante ist, dass A sofort auf den nächsten „Trend“ aufspringt, und so wieder und wieder viel Geld verliert.

      Bis er merkt, dass es so nicht weitergehen kann und dass er einen Vermögensaufbau betreffend irgendetwas unternehmen muss … Und so schlägt Herr A bei mir auf. Und so kann ich all diese Geschichten, all dieser A’s mit ihren Phantasien über „Trends“ und „Megatrends“ einsammeln. Daher, denke ich, können Sie verstehen, dass ich nicht besonders gut zu sprechen bin auf diese beiden Wörtchen, weil ich fast Woche für Woche mitbekommen, welchen Schaden sie anrichten.

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  2. Handundstein
    Handundstein says:

    Ich glaube auch, dass man wirtschaftliche und gesellschaftliche Megatrends (die es sicher gibt, wenn man dieses „Mega“-Wort gebrauchen will) nicht verwechseln darf mit herausragenden Möglichkeiten am Aktienmarkt. Denn selbst wenn es Megatrends gibt, muss man sie erkennen – und zwar, bevor der Markt insgesamt das getan hat. Das ist eine Aufgabe, der ich mich lieber nicht stellen möchte. Da sind wir ja wieder beim Musterbeispiel Dotcom-Blase: An der dürften vor allem viele Unternehmensgründer viel Geld verdient haben.

    Auch ein „Positivbeispiel“ wie Aixtron unterstützt die Argumentation GEGEN das Investieren nach Megatrends: Die Aktie notiert heute rund 20 bis 25 Prozent niedriger als vor zehn Jahren. Heißt: Aixtron mag ein gutes Unternehmen sein, kurz nach dem Börsengang haben die Börsen aber wahre Wunderdinge von Aixtron erwartet. Und das war genau die Zeit, als alle (und vor allem auch viele Privatanleger) an den Megatrend Internet/Kommunikationstechnologie glaubten.

    Antworten
  3. Sascha für ETFSuche.de
    Sascha für ETFSuche.de says:

    Hallo an meine beiden Vorredner,

    was Peterreins (und auch Handundstein) dort schreiben ist m.E. richtig und falsch zugleich. Um darauf näher einzugehen zitiere ich zunächst einmal Kostolany, der davon schrieb/sprach, dass man 4 G’s braucht, um an der Börse erfolgreich zu sein, nämlich Geld (klar, wie will man sonst investieren), Gedanken (und zwar seine EIGENEN), Geduld (außer man ist Daytrader) sowie Glück (kann ja nie schaden)…

    Wer nun in einer Zeitschrift von einem „Megatrend“ liest und dann diesem folgt, hat sich a) nicht wirklich EIGENE Gedanken gemacht und sollte sich b) sowieso fragen, ob er denn einer der ersten sein kann der diesen „Megatrend“ erkannt hat, wenn doch sogar schon eine Zeitschrift darüber schreibt.

    Zweitens kann man über die Risikstreuung streiten. Ich kenne Leute, die haben 100.000 Euro an der Börse investiert und zwar in 100 verschiedene Aktien, weil man ja sein Risiko streuen muss. Für professionelle Fondsmanager, die mit Millionen bzw. Milliarden jonglieren mag das ja okay sein, aber 100.000 Euro sollte man m.E. nicht auf 100 Aktien streuen, ich selbst bin ein Anhänger davon maximal 5 bis 6 Aktien gleichzeitig im Depot zu haben. Will ich 100.000 Euro breit gestreut anlegen, greife ich zu einem ETF oder auch einem Fonds, aber ich kaufe KEINE 100 verschiedene Aktien. Da ich privat aber Aktien den ETF und Fonds vorziehe, kaufe ich 5-6 Aktien, womit ich sicher nicht super breit gestreut habe. Ich kenne aber mein Risiko und versuche nicht nur Trends früh zu erkennen, sondern auch das Ende eines Trends. Am Neuen Markt war ich noch nicht so schlau; zwar hatte ich den Trend damals früh genug erkannt und konnte mein Geld in der Spitze ver35fachen, da ich aber den Ausstieg verpasste blieb am Ende nur eine Ver5fachung übrig.

    Drittens ist es tatsächlich ein Problem, dass viele Neulinge anfangs Erfolg an der Börse haben und übermütig werden…

    Mit freundlichen Grüßen

    Sascha für ETFSuche.de

    Antworten
    • peterreins
      peterreins says:

      OK, Sascha, wenn man nicht gerade auf diejenigen Trends aufspringt, von denen gerade JEDER redet, hat man tatsächlich ein Chance auf hervorragende Gewinne. Drei Dinge will ich dazu sagen: Erstens ist das für die allermeisten psychologisch extrem schwer. Wenn man besipielsweise im März 2009 mit Leuten über Aktien gesprochen hat, dann stand ihnen sehr häufig der Horror im Gesicht geschrieben. Wenn man damals sagte: Genau jetzt ist die richtige Zeit zu kaufen, dann erntete man in der Regel fassungsloses Unverständnis. PLUS dem Verweise: „Alle Analysten sind sich einig, dass es noch viel schlimmer wird. Da bin ich doch nicht so verrückt und kaufe Aktien.“

      Genauso auch umgekehrt. Wenn die große Mehrheit begeister von einer Anlageform ist, ist es psychologisch extrem schwer, sich dem zu entziehen. Das ist wohl das, was immer wieder als „Herdentrieb“ tituliert wird.

      Zweiter Punkt: Oft genug erlebe ich es, dass jemand davon redet, sehr eigene Gedanken zu einem bestimmten Anlagethema zu haben. Er/sie meint, hier sehr eigenständig zu denken. Und seltsamerweise kann man dennoch seine Grundideen gerade in jeder Zeitung nachlesen. Die Selbstwahrnehmung klafft manchmal, so meine Beobachtung, meilenweit mit der Wirklichkeit auseinander.

      Und drittens: Selbst wenn ich ganz eigene Ideen habe, kann ich grass danebenliegen. Ich schätze die Trefferquote auf etwa 50%. Wenn es sich um einen „Profis“ handelt niedriger (siehe das Experiment von Prof. Törngren).

      Zur Diversifikation
      Wer 100.000 Euro auf 100 Aktien aufteilt und glaubt, sein Vermögen diversifiziert zu haben, hat letztlich nur „schein-diversifiziert“. Denn eine wirkliche Diversifikation hat er nicht erreicht. Der Gleichlauf der Aktien ist zu hoch. Um eine wirkliche Diversifikation zu erreichen, solle man solche Anlageformen kombinierten, die möglichst wenig korreliert sind. Also z.B: Aktien/ Staatsanleihen/ Rohstoffe / Immobilien und (wenn man will) augewählte Hedgefonds.

      Ein Depot mit 5-6 Aktien ist aber sicher nicht gut diversifiziert. So etwas zu machen ist sehr, sehr wagemutig. Letztlich hat ein Privatanleger kaum eine Alternative als in Fonds zu gehen, um eine gute Risikostreuung zu erreichen. Und da sind ETFs natürlich die erste Wahl. (allerdings nur einfach ETFs zu kaufen, halte ich auch zu wenig, es müsste noch in irgendeiner Form ein Risikomanagement hinzukommen, aber bitte kein „Prognosenmanagement“)

      Antworten
  4. Sascha für ETFSuche.de
    Sascha für ETFSuche.de says:

    Hallo Herr Dr. Peterreins,

    mit der Psyche haben Sie absolut Recht! Und auch mit Ihrer Beschreibung der Situation im März haben Sie Recht. Bei mir sah das allerdings anders aus; ich habe im März (nachweisbar) z.B. Aktien der Bank of America zu Kursen unter 4 Euro gekauft. Heute stehen diese Aktien trotz schlechter Euro/US$ Entwicklung bei knapp 12 Euro… auch riet ich im März (ebenfalls nachweisbar, sogar im Blog auf http://www.ETFSuche.de) massiv zu Bankaktien geraten, gerne auch in Form eines ETF. Und damit Recht behalten.
    Das ich die einmalige Kaufchance damals erkannte basiert jedoch auf langjähriger Erfahrung (die m.E. an der Börse unersetzbar ist). So analysiere ich Aktien stets fundamental (auf lange Sicht die wichtigste Form) sowie darüber hinaus charttechnisch (zu Timingzwecken) sowie last but not least auch sentimenttechnisch. Ich versuche dann stets antizyklisch zu handeln, was – siehe März – nicht immer leicht ist, da einen viele Leute für „bekloppt“ halten, wenn man in einer Situation wie im März massiv zum Kauf (und auch noch von Bankaktien) rät.
    Zum zweiten Punkt ist zu sagen, dass sich dieser ja nicht von Punkt eins unterscheidet. Das man glaubt selbst eine super Idee zu haben, obwohl diese schon in jeder Zeitung nachzulesen ist, ist ja ebenso psychisch.
    Zum dritten Punkt muss ich allerdings widersprechen, denn ich habe bei Sharewise 3 Accounts angelegt und dort stets unterschiedliche Aktien empfohlen und meine Trefferquote liegt dort (nach immerhin 2 Jahren) stets zwischen 65% und 75%.

    Zum Stichwort Diversifikation: Das war von mir etwas kurz und knapp formuliert. Diese Herrschaften haben ihr Geld natürlich breiter diversifiziert und demzufolge auch Immobilien etc. im „Portfolio“. Ich bezog mich bei meiner Beschreibung aber nur auf den Teil „Aktien“…

    Was 5-6 Aktien angeht; mir ist bewusst, dass ein so „wenig“ diversifiziertes Portfolio mehr Risiko bedeutet, aber ich habe ja ohnehin einen spekulativen Anlagestil. Ich kann damit umgehen, es ist jedoch kein Modell das ich jedem Anleger raten würde.

    Ob Fonds, auch ETF, letztendlich die bessere Alternative sind, sei dahingestellt. Wenn Fonds, dann ziehe ich natürlich ETF vor, da diese passiven Fonds billiger sind und darüber hinaus meist auch besser performen als die aktiven Fonds. Nur bin ich generell privat KEIN Freund von Fonds, da ich nämlich die Erfahrung gemacht habe, dass diese in Krisenzeiten auch nicht besser sind als ich selbst. Denn die Fonds waren allesamt ja bis 2007 auch voll von Bankaktien und die Krise riss die Fonds daher auch mit nach unten.

    Um es kurz zu machen: Mein Depot aus 5-6 Aktien hatte zum Höhepunkt der Krise knapp 30% vom Topp verloren, mittlerweile steht es auf einem 8-Jahres-Hoch (nur am Neuen Markt war es mal noch mehr). Wenn ich mir da manche Fonds angucke, so haben diese trotz breiterer Streuung weit mehr als 30% verloren und sind derzeit auch weit von 8-Jahres-Höchstständen entfernt… ich hatte eben seit 2006 keine Finanzwerte im Depot und habe diese (u.a. Bank of America) erst im März wieder eingesammelt als sie keiner wollte. Und eine MorphoSys Aktie, die ich drin hatte (und auch noch lange drin haben werde) war im Jahr 2008 die einzige TecDAX Aktie, die das Jahr mit einem Kursplus (von ca. 16%) abschliessen konnte…

    Aber genug von mir… denn ich will hier weder prahlen noch mich selbst loben, sondern nur aufzeigen, warum man mit 5-6 Aktien durchaus einigermaßen gut durch die Krise kommen kann!

    Gruß, Sascha!

    Antworten
    • peterreins
      peterreins says:

      Wenn man eine Münze 100 Mal hintereinander wirft, kann es vorkommen, dass bei den ersten 10 Versuchen 6 Mal Zahl kommt. Es kann sogar vorkommen, dass man bei den nächsten 10 Versuchen noch einmal 6 Mal Zahl bekommt.

      Antworten
    • peterreins
      peterreins says:

      Hallo Sascha,
      wenn Sie sich so sicher fühlen, was halten Sie davon, sich auf das Experiment von Prof. Törngren einzulassen?
      Sie bekommen 10 bis 20 Fragen der Gestalt:
      „Welche Aktie wird in den nächsten 12 Monaten besser laufen: Aktie A oder Aktie B?“
      Sie beantworten diese Fragen und nach 12 Monaten können wir Ihre Trefferquote verifizieren.
      Ich hätte große Lust auf dieses Experiment. Und jeden Leser, der auch Lust dazu hat, bitte ich, Kontakt zu mir aufzunehmen.

      Zur Erinnerung: Das Ergebnis des Experiments war, dass die durchschnittliche Trefferquote der Laien bei etwa 50 % lag. Und die Trefferquote der „Experten“ bei etwa 42 %.

      Also, Sascha, haben Sie den Mut dazu?

      Gruß Peterreins

      Antworten
  5. Rainer Halfar
    Rainer Halfar says:

    Hallo Hr. Peterreins,

    ich hätte Lust auf dieses Experiment.
    Möglicherweise kennen Sie mich noch von der letzten Ausflugsfahrt im Sommer auf dem Starnberger See (das Essen war delikat).

    Viele Grüße
    Rainer Halfar

    Antworten

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