HVB-Vorstand Andreas Wölfer legt nach dem Prinzip Hoffnung an

j0426354Heute (12.06.09) steht in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit Andreas Wölfer, dem Hypo-Vereinsbank-Vorstand für das Geschäft mit reichen Kunden. Erst ab einem flüssigen Vermögen in Höhe von 500.000 Euro hält er eine priviligierte Betreuung durch sein Haus für sinnvoll. Seine Kunden will er nicht als „reich“ bezeichnet wissen, sondern als „erfolgreich“ oder „vermögend“.

Eine Passage des Interviews hat mich direkt ein wenig stutzig gemacht …

In dem SZ-Interview (Seite 26) heißt es nämlich:

SZ: Wie schützt man sich vor dem nächsten Crash, wenn alle Geldanlagen gleichzeitig abstürzen?

Wölfer: Eine solche Krise wird sich hoffentlich in den nächsten hundert Jahren nicht noch mal wiederholen. Der beste Schutz ist aber weiter eine breite Streuung der Anlagen.“ (Link zum ganzen Interview)

Das finde ich wirklich bemerkenswert. Der Chef des HVB-Wealth Managements hat als Strategie gegen mögliche Crashs im wesentlichen nichts anderes aufzuwarten als die Hoffnung, dass in den nächsten hundert Jahren alles gut gehen wird. Risikomanagement bedeutet hier (neben der Diversifikation) darauf zu hoffen, dass nichts Schlimmes passieren wird? Mir jedenfalls erscheint das sehr mager.

Und ist das nicht ein kaum nachvollziehbarer Optimismus? Zu hoffen, dass an den Finanzmärkten die nächsten einhundert Jahre kein vergleichbarer Crash noch mal eintritt?

Im ganzen 19. Jahrhundert hat es 12 schwere Finanzkrisen gegeben, also jede Dekade mindestens eine. Und hier eine (wahrscheinlich unvollständige) Liste der Crashs von 1900 bis heute:

  • 1907: Nach dem Russisch-Japanischen Krieg Aktiencrahs mit Schwerpunkt USA, Frankreich und Italien
  • 1920-21: Aktiencrash mit Schwerpuntk USA und Großbritannien am Ende des nachkriegsbooms.
  • 1929: Weltweiter Aktiencrash mit Epizentrum in den USA
  • 1974-1975: Weltweite Aktienbaisse nach dem Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton  woods und der Ölkrise.
  • 1987: Weltweiter großer Aktiencrash, über dessen eigentliche Ursachen bis heute gerätselt wird.
  • 1995: Mexiko-Krise
  • 1998: Russland-Krise und Krise der asiatischen, sog. Tigerstaaten, Zusammenbruch des LTCM-Hedegfonds.
  • 2000: Platzen der Internet-Blase
  • 2007-heute: Subprime-Krise

Wenn man auf so viele Krisen in den letzten hundert Jahren schaut, kann ich kaum nachvollziehen, wie man als Vermögensverwalter hoffen kann, dass es mit der aktuellen Krise erst mal über lange Zeit sein Bewenden hat. Mir erscheint das geradezu blauäugig.

Ist es nicht viel überzeugender, anstatt zu hoffen eine schlüssige Risikomanagement-Strategie zu haben? Ein durchdachtes Konzept zu haben, wie man seine Kunden beschützen kann, auch wenn mal wieder ein Sturm aufzieht? Ich jedenfalls würde das von einem Geldanlage-Profi erwarten.

Meine These ist sogar: Als Vermögensverwalter kann man seinen Kunden im wesentlichen keinen anderen Mehrwert bieten als ein strategisches Risiko-Management. Man kann nicht erwarten, dass Vermögensverwalter durch richtige Markteinschätzungen oder treffsichere Kapitalmarktprognosen einen Mehrwert schaffen. Denn die Trefferquote bei Prognosen liegt erfahrungsgemäß bei etwa 50%, sehr häufig sogar darunter.

Beispielsweise kenne ich einen hervorragenden Hedgefonds, der ständig hochriskante Future-Positionen eingeht und seit langer Zeit sehr gute Ergebnisse gebracht hat. Dieser Fonds macht im Jahr einige tausend Geschäfte. Und wenn man sich die Geschäfte näher ansieht, endet ziemlich genau die eine Hälfte mit Verlust und die andere Hälfte mit Gewinn. Dann kann man sich fragen, wie es möglich ist, dass dieser Fonds über Jahre für seine Anleger sehr gute Renditen erwirtschaften konnte.

Die Antwort ist, dass dieser Fonds ein striktes Risikomanagement-Konzept verfolgt. Und das lautet: Verluste begrenzen, Gewinne laufen lassen. Der durchschnittliche Verlust liegt so vielleicht bei -5%, der durchschnittliche Gewinn sagen wir bei +15%, so dass die Rendite unterm Strich in Richtung 10% p.a. geht.

Das Bemerkenswerte hier ist, diese Rendite kommt nicht, weil das Management die richtigen Prognosen trifft. Die Trefferquote ist hier (wie bei anderen auc) etwas 50%. Nein, der Mehrwert des Managements kommt von der richtigen Risikomanagement-Strategie.  Und die genannte Strategie: „Verluste begrenzen, Gewinne laufen lassen“, ist nur ein Beispiel einer guten Strategie, es gibt auch andere.

Leider verfolgen die meisten Privatanleger keine durchdachte Risikomanagement-Strategie. Das ist mit ein Grund, warum es viele Anleger mit ihren Geldanlagen zu nichts bringen. Noch trauriger allerdings ist es, wenn Profis keine Risikomanagement-Strategie haben. Leider hatte ich in dem SZ-Interview den Eindruck, dass Herr Wölfer auch keine solche Strategie für seine Kunden hat. (Vielleicht täusche ich mich ja, und er wollte sie nur der SZ nicht verraten.)

Übrigens, damit ich nicht falsch verstanden werde. Ich behaupte nicht, dass eine richtige Risikomanagement-Strategie vor Verlusten bewahren kann. Das wäre zu viel verlangt. Aber sie kann dabei helfen, in kritischen Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Ich ziehe deswegen gerne den Vergleich zur Feuerwehr heran. Die Feuerwehr kann Brände auch nicht verhindern. Brände kommen hin und wieder vor, und genau deswegen hat man ja die Feuerwehr. Und wenn es brennt, wissen die Feuerwehrleute genau, was wie zu tun ist, damit sich der Schaden in Grenzen hält. Das nenne ich professionell.

j0236539Ein Vermögensverwalter, der nur hofft, ist wie ein Feuerwehrmann, der nicht mehr üben will, weil er der Meinung ist, dass es in den nächsten hundert Jahren sowieso  zu keinen größeren Brand mehr kommen wird. Würden Sie einem solchen Feuerwehrmann vertrauen?

Quelle der in diesem Beitrag verwendeten Bilder: http://office.microsoft.com/de-de/clipart

4 Antworten
  1. Hans-Peter Wolf
    Hans-Peter Wolf says:

    Ich habe generell das Gefühl, dass auf das Risikomanagement, auch in unzähligen Unternehmen, nicht sonderlich viel Wert gelegt wird. Woran liegt das nun? Möglicherweise fürchten sich die Manager vor der zu großen Verantwortung, welche auf ihren Schultern lastet? Oder nimmt man an, dass potentielle Gefahren ohnehin selber rechtzeitig erkannt werden können? Gegebenenfalls kommt auch die oben beschriebene naive „Taktik“ zu tragen, welche sich zu 100% auf „Hoffnung“ bezieht?

    Selbstverständlich ist das Risikomanagement kein Allheilmittel, aber wenn ich mir ansehe wie viel Geld manche Unternehmen in Werbemaßnahmen „schmeissen“, dann können jene sicherlich auch ein paar Euros für das passende Risikomanagement locker machen. In der Zwischenzeit gibt es ja sogar externe Beratungsstellen wie zB Proquest, welche 1. Seminare zu jenem Thema und 2. kostenlos Risikoanalysen anbieten.

    Generell ein Satz zum Stichwort „externe Beratungsstellen“: Wenn das Wissen fehlt oder die Verantwortung nicht aufgebracht werden kann, dann sollte man doch die sinnvolle Entscheidung treffen können und Spezialisten mit jenem Teilbereich beauftragen. So viel „Mut“ sollte man doch als Verantwortlicher einer Firma aufbringen können oder etwa nciht?Lieben Gruß!

    Antworten
    • peterreins
      peterreins says:

      Mit dem Risikomanagement ist es wie mit dem Notarzt. Solange nichts passiert, könnte man glauben: das ist rausgeschmissenes Geld. Und erst wenn etwas Schlimmes passiert, merkt man wie notwendig Risikomanagement-Strategien wie Notärzte sind. Nur wenn man dann in den guten Zeiten gespart hat, dann wird das schlimme Ereignis richtig schlimm.
      Ich finde es halt direkt lustig (wenn es nicht so traurig wäre), wenn der Chef eines großen Vermögensverwalters seine Risikomanagement-Strategie aufs bloße Hoffen beschränkt.
      Aber das ist auch meine langjährige Erfahrung im Geldanlage-Bereich: dass die aller wenigsten sich vernünftige Risikomanagement-Strategien überlegt haben. Privatanlagern kann man hier keinen Vorwurf machen, aber bei angeblichen Profis kann man sich schon fragen.

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  2. Hans-Peter Wolf
    Hans-Peter Wolf says:

    Das nennt man dann wohl Vogel-Strauß-Methode, obwohl ich mir generell von einem fähigen Management ein gewisses Vorausdenken erwarte, um in (un)passenden Zeiten gut zu reagieren. Wenn ich an die Kundgaben meiner Vortragenden auf der Universität denke, welche die Notwendigkeit vom Risikomanagement, gesamtunternehmerischen Analysen, etc immer wieder hervorheben bzw. uns Studenten eintrichtern, stelle ich mir oft die Frage, ob die Verantwortlichen in den Unternehmen bei anderen Teilbereichen ähnlich dilettantisch vorgehen.

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  3. peterreins
    peterreins says:

    Vielen Dank für Ihren Kommentar,
    ich kann mich derzeit auch nicht des Eindrucks erwehren, dass viele Verantwortliche in den Unternehmen vor allem durch einen unglaublichen Dilettantismus glänzen (und durch ihre dramatische Überbezahlung). (Wenn es jemand wünscht, bin ich gerne bereit, für die Hälfte des Gehalts, sagen wir mal, eines Middelhoffs ein Unternehmen gegen die Wand zu fahren.)
    Gruß Peterreins

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