Wer hat Angst vorm Wasserschaden, wenn es brennt?

In vielen meiner Beratungsgesprächen, die ich aktuell führe, sprechen Anleger davon, dass sie Angst vor einer Hyperinflation haben. Vielleicht ist diese Angst auch berechtigt, Fakt jedoch ist, dass wir derzeit eher das gegenteilige Problem haben: Die Gefahr einer Deflation…

So stand in der Süddeutschen Zeitung vom 1. April 09 ein Artikel mit der Überschrift „Inflation in Euro-Zone so niedrig wie noch nie“. Hier ein Ausschnitt:

„Die Inflation im Euro-Gebiet ist auf das niedrigste Niveau seit Einführung der Gemeinschaftswährung vor gut zehn Jahren abgerutscht. Die jährliche Teuerungsrate sank im März im Vormonatsvergleich … auf 0,6 Prozent …“

Viele Anleger machen sich Sorgen um eine künftige möglicherweise hohe Inflationsrate, während wir zeitgleich eine so niedrige Inflation wie noch nie haben. Das ist etwa so, als würde ein Hausbesitzer, dessen Haus brennt, sich vor allem um eines Sorgen machen: dass er vielleicht, möglicherweise einmal einen Wasserschaden bekommen könnte. Und der seltsamerweise vor lauter Furcht vor dem möglichen Wasserschaden vollkommen zu übersehen scheint, was gerade eben die tatsächliche Gefahr ist, nämlich dass es gerade (und zwar faktisch) brennt.

Ich will an dieser Stelle nicht falsch verstanden werden. Ich will nicht ausschließen, dass hohe Inflation ein mögliches künftiges Szenario darstellt. Das kann sehr wohl so eintreten – möglicherweise aber auch nicht. Wir wissen es ganz einfach nicht. Was wir aber definitiv, unumstößlich sicher wissen, ist, dass wir jetzt im Moment keine Inflation haben, sogar eher das Gegenteil.

Man kann sich darüber wundern, dass viele Menschen sich mit ihren Ängsten und Befürchtungen weniger an das Faktische halten als an das Nicht-Faktische, Imaginäre.

Eine mögliche Antwort ist, dass man – vielleicht gerade hier in Deutschland – das Wort „Krise“ fast unweigerlich mit „Inflation“ in Verbindung bringt. Und tatsächlich erlebe ich es in meinen Beratungsgesprächen immer wieder, dass Leute davon sprechen, dass wir wohl eine Inflation bekommen werden „wie in den 1930er Jahren zu den Zeiten der Weltwirtschaftskrise“.

Nun ist es eine historische Tatsache, dass es in den 1930er Jahren eben keine Inflation gab, sondern das Gegenteil: das Problem der Geldaufwertung, also der Deflation. Volkswirtschaftlich ist eine Deflation viel gefährlicher als eine Inflation (wenn sie nicht gerade zu einer Hyperinflation ausartet).

Eine Hyperinflation haben wir in Deutschland zwar erlebt. Das war aber in den 1920er Jahren, – etwa 7 Jahre vor der Weltwirtschaftskrise. Und die damalige Hyperinflation war sicherlich ein traumatisches Erlebnis. Es hatte aber nichts mit den späteren Ereignissen in den 1930er Jahren zu tun.

Dass derzeit viele Angst vor der Geldentwertung haben, hängt wahrscheinlich mit den Meldungen zusammen, dass, wie es so heißt, die Notenpressen angeworfen worden sind. Ohne Unterlass wird, so steht es in den Schlagzeilen, wird von Seiten der Notenbanken und der Regierungen Geld in die Märkte gepumpt. Und die Logik scheint ziemlich klar: Wenn etwas im Überfluss zur Verfügung gestellt wird, wird es mit er Zeit an Wert verlieren.

Was an dieser Stelle übersehen wird, ist, dass es nicht nur der Staat bzw. die Notenbanken sind, die Geld schaffen. Auch Privatbanken „schaffen“ Geld, indem sie Kredite vergeben. In Amerika beispielsweise gibt es die Fed erst weit 1913. Vorher wurde Geld in Amerika ausschließlich von Privatbanken in Umlauf gebracht (daher auch der Begriff „Banknoten“).

Die Geldmenge setzt sich also aus einem staatlichen Anteil und einen privatwirtschaftlichen Anteil zusammen. Und wenn die Geldmenge als Ganzes über die Maßen wächst, droht Inflation.

Die momentane Situation ist dadurch geprägt, dass in den letzten Monaten der privatwirtschaftliche Anteil der Geldmente drastisch geschrumpft ist. Privatbanken vergeben weniger Kredite, was die Geldmenge mindert. Daher auch die derzeitigen deflationären Tendenzen: dass nämlich Geld knapper geworden ist.

Und daher ist das, was die Notenbanken und Staaten gerade tun, nichts anderes, als einen Ausgleich zu schaffen, um die entstandene Lücke auszufüllen. Ein privatbankliches Weniger wird sozusagen durch ein staatliches Mehr ausgeglichen. Derzeit konzentriert sich die öffentliche Wahrnehmung vor allem auf das staatliche Mehr und übersieht das privatbankliche Weniger.

Damit eine Hyperinflation (hoffentlich) nicht eintritt ist eines notwendig: dass Staat und Notenbank zum rechten Zeitpunkt ihr Mehr wieder zurückfahren, dann nämlich, wenn die Banken wieder zur Normalität bei der Kreditvergabe zurückkehren.

Weitere Links:

3 Antworten
  1. Ron Kirsch
    Ron Kirsch says:

    Hallo Hannes,

    die Deflation der Weltwirschaftskrise ist meines Wissens auch eng mit der aktiven Reduzierung der Geldmenge (ca. -30%) einher gegangen. Heute jedoch werden die Geldhähne aufgedreht als wenn es kein Morgen geben würde. Daher teile auch ich die Sorge vor überbordender Staatsverschuldung und darauffolgender Schuldenentwertung durch Inflation.

    Da Du das Thema Inflation aufgegriffen hast, würde mich Deine Definition von Inflation interessieren. Dass die offizielle „Warenkorbinflation“ zu unscharf ist, steht sicher außer Frage.

    Ist aber das Konzept: Wachstum der Gelmenge – Wirschaftswachstum = Inflation
    eine bessere Annäherung an die tatsächliche Inflation?

    Antworten
    • peterreins
      peterreins says:

      Hallo Ron,
      Danke für deinen Kommentar. Es gibt sozusagen zwei Geldhähne:
      1. den der Notenbank+Staat und
      2. den der Privatbanken, indem sie Kredite an Privathaushalte und Unternehmen vergeben.
      In den Medien liest oder hört man fast ausschlíeßlich von dem ersten Geldhahn, der momentan tatsächlich weit geöffnet ist. Und das erzeugt bei vielen das unbestimmt beklemmende Gefühl, dass das doch so nicht gut gehen könne. Was eben hier übersehen wird, ist, dass der zweite Geldhahn stark gedrosselt ist. Auch das kann man bisweilen in der Presse lesen, aber das bringen die wenigsten mit den Begriffen Geldmenge, Geldmengenwachstum und Inflation in Zusammenhang. Dieser Zusammenhang besteht aber faktisch.

      Ich denke, um zuversichtlicher in die Zukunft blicken zu können, ist es wichtig, ein paar Dinge geradezurücken, bzw. die einseitige Wahrnehmung, die auch durch die Medien gefördert wird, zu ergänzen. Und hierbei ist einmal wichtig zu verstehen, dass die EZB deswegen ihren Geldhahn stark aufdreht, weil der Geldhahn der Privatbanken gerade deutlich spärlicher fließt. Beides zusammen genommen ist das Geldmengenwachstum immer noch um einiges niedriger als beispielsweise vor einem Jahr. Daher die deflationäre Tendenz.

      Und ich denke, dass es fürs zweite wichtig ist zu verstehen, dass das, was die Notenbanken und Regierungen gerade tun, absolut vernünftig ist. Es gibt in der gegenwärtigen Situation eigentlich keine andere Alternative als den ersten Geldhahn aufzudrehen. Wenn man etwas aus den 1930er Jahren hat lernen können, dann das. Denn damals taten die Verantwortlichen das Gegenteil und verschlimmerten die Lage drastisch (vor allem klebten sie aus ideologischen Gründen am Goldstandard, obwohl auch damals Ökonomen wie Maynard Keynes vor den negativen Folgen des Goldstandards warnten. Anfang der 1930er Jahre wurde beispielsweise der Goldstandard in Deutschland über Bord geschmissen, mit einer extrem positiven Wirkung für die wirtschaftliche Entwicklung).

      Ich sage also, dass die Notenbanker derzeit exakt das Richtige tun. Und irgendwie finde ich es schade, dass die breite Öffentlichkeit das nicht anzuerkennen scheint, sondern sich lieber einer Katastrophen-Stimmung hingibt.

      Zur Definition von „Inflation“. Inflation bedeutet Geldentwertung. Und Geldentwertung liegt dann vor, wenn ich für dieselben Waren heute mehr Geld ausgeben muss als vor einem Jahr, wenn ich also für dasselbe Geld heute weniger bekomme als in der Vergangenheit.

      Insofern ist Inflation eine messbare Größe, ähnlich wie in der Physik die Geschwindigkeit (v) eines Körpers. Eine zweite Sache ist, wie man sich die messbare Größe erklärt. Welches Modell man sich macht, um das beobachtbare Phänomen zu erklären. Wenn ich z.B. einen Stein fallen lasse, dann ist v = t * g, wobei t die Zeit ist und g die Erdbeschleunigung. Die linke (beobachtbare) Größe wird durch die rechte Seite der Gleichung erklärt (bzw. zu erklären versucht).

      Genauso ist es mit der Inflation. Diese ist als solche eine messbare Größe. Und „Geldmengenwachstum – Wirtschaftswachstum“ ist ein mögliches Erklärungsmodell für dieses beobachtbare Phänomen. Leider ist ja die Ökonomie keine exakte Wissenschaft wie die Physik. Es wird hier also keine exakte Gleichung geben, sondern höchstens Annäherungen.

      Noch zum Warenkorb. Um Inflation zu messen, hat man keine andere Möglichkeit, als von irgendeinem Warenkorb auszugehen. Man kann jetzt über die Zusammensetzung des Warenkorbs diskutieren. Nur, ehrlich gesagt, ist das fast müßig. Bei 80 Mio Deutschen werden kaum zwei Personen Monat für Monat exakt dieselben Dinge einkaufen. Menschen sind verschieden, der eine isst lieber Rindfleisch, der andere lieber Pute, der dritte ist gar kein Fleisch. Beim Warenkorb wrid man immer in der Problematik sein, einen möglichst guten Durchschnitt bilden zu wollen und doch im Einzelfall ständig daneben zu liegen. Ich sehe aber nicht, wie man das heilen könnte, und ich sehe auch nicht, warum das ein großes Problem darstellen sollte. Ökonomie ist eben, wie gesagt, keine exakte Wissenschaft. Letztlich muss man hier immer grob vorgehen.

      Nur nebenbei: Auch die Geldmenge lässt sich ja durchaus nicht vollkommen exakt bestimmen, genauso wenig wie das Wirtschaftswachstum. Wenn man also meint durch „Geldmengenwachstum – Wirtschaftswachstum“ eine genauere Definition zu haben (es ist ja auch keine Definition, sondern ein Erklärungsmodell), dann ist das auch nicht wirklich exakter.

      Antworten
    • Michal Broska
      Michal Broska says:

      Hallo Herr Kirsch,

      bezueglich der Sorgen, dass es Hyperinflation geben koennte habe ich gestern eine viel schlimmere Nachricht von Reuters mitbekommen. In der Schweiz sind die Preise um 0,4% gesunken. Das erste Mal seit 1959. Eine Deflation ist somit in Sicht, sprich die schlechtere Variante verglichen mit einer erhoehten Inflation. Deflation gab es bspw. in Nachkriegssituationen (1. WK), als die Regierungen ihre Währungen wieder zum Goldstandard zurueckkehrten. Auch ein Argument gegen die wiederkehrende Diskussion ueber den Goldstandard…

      Die Geldpresse ist auch nicht so einfach, wie es durch die Medien kommuniziert wird. Keine „normale“ Zentralbank wird den Geldhahn aufdrehen. Die Wahrscheinlichkeit im Rahmen des gut koordinierten und unabhängigen ESZB ist gering. Solche Versuche gab es bspw. in Frankreich nach dem 2. WK. Die Zentralbank war nicht unabhängig und die Regierung wollte die Wirtschaft durch Gelddruck ankurbeld. Die Folgen waren desastroes.

      MB

      Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Newsletter abonnieren (Jederzeit wieder abbestellbar)